Metan von Christian Kracht und Ingo Niermann, 2007Metan.
Buch von Christian Kracht und Ingo Niermann (2007, Rogner & Bernhard).
Besprechung von Ina Hartwig aus der Frankfurter Rundschau, 14.3.2007:

Wir riechen (uns)
Kracht + Niermann auf Bergtour

Das muss man erst einmal hinbekommen. Da schreiben zwei niedlich aussehende junge Männer gemeinsam ein Buch, das vor Informationen nur so strotzt, und trotzdem klingt alles ausgedacht. Das Buch heißt Metan, und handelt von, ja wovon eigentlich?

Die Rahmenhandlung ist eine Besteigung des in Tansania gelegenen, fast 6000 Meter hohen Kilimanjaro; also Luxustourismus für Leute mit Sinn fürs Abenteuer, für die körperliche Grenzerfahrung. Denn trotz vorzüglicher Betreuung durch ortsansässige Führer - die Tour dauert mehrere Tage - ist der Aufstieg verdammt anstrengend, so anstrengend, dass sogar Valer, der aus Rumänien geflohene ehemalige Fremdenlegionär, ein Muskelpaket, kurz vor dem Gipfel schlappmacht. Von dieser Bergtour sind im Anhang lustige Schwarzweiß-Schnappschüsse zu bestaunen: Kracht dick vermummt durch eine Schafherde flanierend, Niermann mit müdem Blick vor dem Spiegel; Niermann am Münztelefon, Kracht, den blonden Kurzschopf (immer gescheitelt) aus dem "Methloc" steckend.

In diesem Zelt, eben dem Methloc, geht etwas vor sich, das dem Büchlein seine zugleich verschwörungstheoretische wie satirische Grundierung gibt: Gase werden erzeugt ("Flatulenz") und von den Erzeugern permanent eingeatmet; je höher sie steigen, desto stärker wird die Neigung zum Furz - witzelschaftlich gesagt, zur Methanabsonderung. (Eine Amerikanerin beschwert sich denn auch recht unverstellt bei ihren Zeltgenossen, die aber nicht anders können.)

Während die braungebrannten Bergsteiger-Models erlöst in die Kamera blinzeln, schwadroniert ihr Buch in grausam nüchterner Wikipedia-Prosa über die großen schauerlichen Dinge; und das größte schauerliche Ding ist das "Methangetüm", sowas wie eine neue Weltherrschaft. These: Methan wird den Kosmos nicht nur grundstürzend verändern, es tut das bereits. Die Erderwärmung, von "Ökofaschisten" wie von "Dr. Frank Schirrmacher" gleichermaßen sehnsuchtsvoll gefürchtet, sei aber gar nicht furchtbar, sondern unvermeidlich und, zumindest was Sibirien betrifft, sie werde zu erfreulicher Landgewinnung durch Begrünung führen.

Was das nun wiederum mit der Atombombe, dem internationalen Waffenhandel, der südafrikanischen Befreiungsbewegung, Franz Josef Strauß' Pein als Radfahrer, mit Osama Bin Laden, Saddam Hussein, George Bush und Jimmy Carter zu tun hat, wissen nur die Götter, an die Ingo Niermann und Christian Kracht gerade zu glauben vorgeben. Sektenprosa - oder die Veralberung von Sektenprosa? Das ist die Frage.

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