Meßmers Reisen von Martin Walser, 2003, Suhrkamp1.) - 3.)

Meßmers Reisen.
Roman von Martin Walser (2003, Suhrkamp).
Besprechung von Simone Dattenberger aus dem Münchner Merkur, 25.7.2003:

Nährstoff Zweifel
Martin Walser und "Meßmers Reisen"

"Von allen Stimmen, die aus mir sprechen, ist meine die schwächste. . . . Wenn ich meine Mütze aufsetze, bin ich, denkt Meßmer." "Phantasie ist Erfahrung. . . . Alles, was ich mir sagen kann, ist nichts gegen das, was ich mir nicht sagen kann."

"Meßmers Gedanken" aus dem Jahr 1985 beginnen und enden mit den ersten beiden Sentenzen. Oder Aphorismen, Splittern, Bonmots - wie immer man diese Kurzformen von Martin Walser nennen will. "Meßmers Reisen" von 2003 beginnen und enden mit dem anderen Satz-Paar. Eine nahtlose  Fort-"Sätzung". Die Gedanken, Reisen sind so oder so Gedankenreisen, Lebensreisen.

Walser ist in erster Linie berühmt für seine erzählerische Kraft. Die, nicht zu knapp bemessen, trägt meist weit gespannte, sich vielfältig verästelnde Romane. Charaktere werden sorgfältig ausgetüftelt, das Ambiente wird wort- und einfallsreich ausgebreitet, die Handlung zielstrebig und dennoch verschlungen-skurril fortgesponnen. Epische Strukturen also. Trotzdem streicht man sich als Leser immer wieder Sätze an, Einzelelemente, die durchaus für sich alleine stehen könnten, die man irgendwann einmal in einem dieser Wälzer für geflügelte Worte wiederfinden wird.

Dabei sind Tassilo Herbert Meßmers Äußerungen nicht als in Stein gemeißelte Grundsätze gemeint. Der Zweifel, der Selbstzweifel, die Unsicherheit allem und jedem gegenüber sind die Nährstoffe von Meßmers Denk-Impressionen. Sie wollen das eigene Sein nicht erfassen, besetzen oder besitzen, sie betupfen es nur von vielen Seiten: "Meßmers Utopie: Er stünde zwischen allen Wünschen und äße achtlos Zeug aus Silberpapier. So gesund wäre er, und nutzlos." Oder: "Aber die Gewißheit muß man meiden. Besser, wir taumeln, träumen, reden dahin."

Dasein als Fragment

"Meßmer", "er" und "ich" erfahren die Welt und sich selbst fragmentarisch und können deshalb auch nur auf diese Weise darüber Auskunft geben. Das Zusammenhänge stiftende, das Sinn versprechende, das ordnende, das Welt schaffende, das aus diesem Grund so beruhigende Erzählen gibt es in diesem Buch nicht. Der Schöpfer Martin Walser nimmt sich mit seinem Meßmer eine Auszeit. Als Meßmer darf er Stückwerk abliefern.

"Wörter, zögert nicht, kommt, bei mir habt ihr zu tun. Ohne euch ist nichts. Mit euch ist nichts, aber nichts als etwas, nämlich Wörtlichkeit." Natürlich ist auch der meßmerisierte Walser in der Sprache verankert. Sie ist der Organismus mit dem scheinbar ewigen Leben, an den jeder Schriftsteller glauben muss. Selbst Silbenzerhacker und Lautpoeten kuscheln sich unter den Schutzmantel von Madonna Sprache. Martin Walser verlässt sich lange genug auf diesen Mutter-Schutz, sodass er keine Angst haben muss im semantischen Fragmentarium. Gewieft benutzt er den "Zufall" kollernder Kaleidoskop-Teilchen und ordnet sie zu immer neuen Mustern. Ein buntes Spiel - nicht nur des Ornaments, sondern auch der Klugheit. Und seiner Persönlichkeit.

Denn sie erlaubt dem Leser oft, Meßmer mit Walser zu vergleichen und umgekehrt. In dieser Zwischenwelt von Intimität und Distanz handelt der Autor genauso "zwischendrin" Lebensfreude/-überdruss und Todesangst, Reiseepisoden und soziale Reflexionen, lyrische Anmutungen und komische Begegnungen, Sex-Sehnsucht und Altern ab. "Meßmers Reisen" durch die Daseins-Ganglien: "Ich rase, mich spreizend, in der leeren Schachtel herum, mein Donnern und Dröhnen füllt die Welt. Ich übe Stürze, die ich vermeide. Ich lache mich, um zu überleben, des öfteren tot."

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Meßmers Reisen von Martin Walser, 2003, Suhrkamp2.)

Meßmers Reisen.
Roman von Martin Walser (2003, Suhrkamp).
Besprechung von
Ina Hartwig aus der Frankfurter Rundschau, 26.7.2003:

Eine Schöne findet Meßmer überall
Fremd bleibt er sich trotzdem: Martin Walser nimmt nach fast zwei Jahrzehnten seine Selbstbetrachtungen wieder auf

Grundsätzlich gesprochen, hat sich seit den Zeiten Rousseaus nicht viel geändert. Das bürgerliche Ich interessiert sich nach wie vor brennend für sich selbst, und es strebt danach, dieses Interesse in Worte zu fassen und der Allgemeinheit zur Kenntnis zu bringen. "Ich will meinen Mitmenschen einen Mann zeigen in der ganzen Wahrheit der Natur, und dieser Mann bin ich", schrieb Rousseau in den Confessions. Der Überzeugung des Genfer Aufklärers, über eine einzigartige (wenn auch keineswegs glückliche) Subjektivität zu verfügen, drückt sich inzwischen gern in Form raffinierten Selbstzweifels aus: "Er erzählt immer, dass er etwas nicht über sich bringt. Aber er erzählt es natürlich so, als hasse er sich dafür, dass er dergleichen nicht über sich bringt. (. . .) Das ist überhaupt ein Erzählprinzip bei seinen Suaden. Zu erzählen, was gegen ihn spricht, damit es für ihn spreche."

Die Sätze entstammen Martin Walsers Buch Meßmers Reisen, das dieser Tage in die Buchhandlungen kommt. Es ist ein bemerkenswerter Wiederauftritt nach dem im letzten Jahr heiß diskutierten, vom Verdacht des Antisemitismus umwehten Schlüsselroman Tod eines Kritikers, jenem Buch, in dem Marcel Reich-Ranicki - darin zumindest herrschte Einigkeit - bösartig karikiert worden war.

Mit Meßmers Reisen knüpft Walser direkt an den gefeierten Band Meßmers Gedanken von 1985 an - nicht nur der Titel deutet die Fortsetzung an, auch die Form. Wieder tritt Walser mit dem fiktiven Namen seines Alter ego Meßmer auf, wieder legt er ein - über einen langen Zeitraum entstandenes - Gemisch von Sinnsprüchen und kleinen Erzählungen vor, von Aphorismen und Anekdoten, halb Tagebuch, halb Notizbuch. Wieder geht Walser auf Reisen, diesmal nicht nur in das eigene, zerklüftete Innere, sondern in die Welt hinaus, wo er, letzten Endes, doch wieder nur das eigene Ich entdeckt. Ab einem bestimmten Zeitpunkt entkommt man sich nicht mehr: "Das Alter ist der Nachteil des Lebens."

Jemand geht hier in Deckung. Wenn man auch nicht genau weiß, wovor, so ahnt man doch, dass es wohl nötig ist. Denn Martin Walser ist ein für Aggression begabter Mensch, eine Aggression, die sich keineswegs nur gegen andere, sondern ebenso gegen ihn selbst richten kann: "Sein Ehrgeiz: So lange seine Hände trainieren, bis er sich selber erwürgen könnte." Diese abgründige Feststellung, vielleicht die abgründigste des ganzen Buchs, schwankend zwischen Bitterkeit und Koketterie, gehört dem dritten und letzten Teil von Meßmers Reisen an, in dem es, einer versteckten Selbstdeutung gemäß, um den "verspäteten Hass" geht.

Ist es ein Hass, der nicht kommt zur rechten Zeit, der zuschlägt, wenn er dem Anlass gar nicht mehr angemessen ist? War Tod eines Kritikers so ein Akt des verspäteten Hasses? Derlei Fragen drängen sich unweigerlich auf, ohne dass sie eindeutig zu beantworten wären. Walser seinerseits verrät: "Wer mich verachtet, der soll wieder verachtet werden." Das ist mehr als nur eine Anspielung, es ist ein Bekenntnis, allerdings ein Bekenntnis mit beschränkter Haftung: "Das klappt einfach nicht", trägt Walser nach. Es klappt nicht, andere zu verachten. Wirklich nicht? Jedem steht es frei, Meßmers Selbstdeutungen zu akzeptieren oder nicht. Die Freiheit, sich für ein in zu großer Freundlichkeit verbrachtes Leben zu bedauern, nimmt sich dafür der Schriftsteller.

Mögen muss man diesen larmoyanten, seltsam antiquierten Ton nicht, aber gemocht werden will Meßmer andererseits gar nicht. Die Frage, ob er sympathisch wirkt oder nicht, ist falsch gestellt. Was Meßmer quält, wäre vielleicht die höflichste Frage an dieses Buch. Nun, die Antwort ist so einfach wie ausufernd. Es quält ihn, in der Reihenfolge der Kapitel: Älterwerden und Tod (I), die vorbeiziehende Liebe (II), der unrechtzeitige ("verspätete") Hass (III). Und unter der Oberfläche dieser allzumenschlichen Großkomplexe brodelt die vergnügte Verzweiflung beziehungsweise das verzweifelte Vergnügen, nicht mit sich identisch zu sein: "Bleib dir fremd." Walser hat seinen Freud und seinen Adorno seit Jahrzehnten drauf. "Ich will absehen von mir", hieß es bereits in Meßmers Gedanken, die teilweise wörtlich zitiert werden in Meßmers Reisen. Dennoch ist die neue Selbstbefragung und -darstellung weniger geschmeidig, weniger konsistent als in dem vor fast zwei Jahrzehnten erschienenen Gedanken-Buch.

Nicht nur eine bewegte politische Entwicklung liegt zwischen damals und heute; die deutsche Vereinigung und, wie Walser spätestens seit der Paulskirchen-Rede lamentiert, die Übernahme der öffentlichen Macht durch die Guten ("das waren noch Zeiten, als die Heuchler rechts waren"). Der Tugendterror macht ihm zu schaffen, was weder neu ist noch falsch, doch durch die spezifische Walser'sche Paranoia einen unangenehmen, egozentrischen Hautgout bekommt. Die moralische Besserwisserei linker Heuchler, lüstern beschworen von angewiderten Altlinken (wie Walser) und von Konservativen sowieso, nimmt dieser Schriftsteller so persönlich, dass er sich sogar ein auf ihn angesetztes Mordkommando zusammenphantasiert: ". . . ehrwürdige Männer. Dass sie nachts Erschießungskommandos befehligen, würde man ihnen am Tag überhaupt nicht zutrauen." Dabei könnte Walser doch ganz gemütlich in seinem schönen Haus am Bodensee den Fernseher ausgeschaltet lassen. Aber Meßmer sieht halt gern fern.

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Meßmers Reisen von Martin Walser, 2003, Suhrkamp3.)

Meßmers Reisen.
Roman von Martin Walser (2003, Suhrkamp).
Besprechung von Jakob Ebner aus Rezensionen-online "LitFo":

Im Jahr 1985 erschien das Buch "Meßmers Gedanken" von Martin Walser. "Meßmers Reisen" ist nun eine Fortführung dieses Textes. Er besteht aus kurzen Sentenzen, oft nur aus einem Satz, gelegentlich auch aus einer Seite oder mehr. Die Texte sind prägnant formuliert, sprachlich ausgefeilt und bringen einen Gedanken überraschend kühn auf einen Punkt. - Meßmer wird selten genannt, seine Reise nur kurz angedeutet, aber es ist ohnehin eine innere Reise. Die Figur ist Ansprechpartner, aber indem sich der Autor an ihn wendet, spricht er zugleich über sich. So spiegeln sich manche autobiographische Ereignisse oder Probleme. Zur Diskussion über Nazivergangenheit und Schuld heißt es S. 47: "Die Deutschen sind alle Nazis. So einfach ist das. Ihre einzige Chance: Sie sagen diesen meinen Satz nach: Die Deutschen sind alle Nazis. Dann sind Sie selber, obwohl Sie ein Deutscher sind, keiner. Wenn Sie aber sagen: Die Deutschen sind nicht alle Nazis, dann sind Sie einer. Ja, mein Herr, Wichtiges ist immer einfach. Wer sich nicht einfach ausdrückt, hat nichts zu sagen."

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