1.) - 3.)

Meßmers Momente.
Aphorismen von Martin Walser (2013,
Rowohlt).
Besprechung von Andreas Thiemann in der Westfalenpost, 04.03.2013:

Martin Walser veröffentlicht drittes Meßmer-Buch
Der Schriftsteller Martin Walser hat mit „Meßmers Momente“ seine dritte tiefgründige Satz-Sammlung veröffentlicht. Das Buch voller Lebensweisheiten erschließt sich nicht jedem bis ins Letzte und wird verschiedene Leser sehr unterschiedliche Erfahrungen machen lassen.
 
Lebensweisheiten, die jedes Poesiealbum sprengen. Notierte Gedankenfetzen, die die Twitter-Generation verstummen lassen. Bekenntnisse, die Respekt einfordern, aber bisweilen auch Ratlosigkeit hinterlassen: „Meßmers Momente“ heißt das neue Buch von Martin Walser, das nach „Meßmers Gedanken“ (1985) und „Meßmers Reisen“ (2003) nun also zum dritten Mal eine tiefgründige Satz-Sammlung des Schriftstellers beinhaltet.

Erschien Walser in seinen letzten Büchern vielleicht schon ein wenig alterskokett, so liest er sich nun wieder eher melancholisch, suchend, zugleich aber auch ernüchtert, Erkenntnis-ergeben.

„Wir wissen mehr, als nötig wär’, um gut zu sein“, lautet eine solche Einsicht in Walsers Worten. Oder auch: „Wir können nicht zusammen leben, aber einander am Leben hindern, das können wir schon.“

Platz für alltägliche Erfahrungen

Nicht alle Aufzeichnungen in diesem Buch erschließen sich dem letzten Verstehen. Verschiedene Leser werden hier ganz unterschiedliche Erfahrungen machen und Bewertungen vornehmen. Doch die Fülle des Angebots hält für jeden offenen, empfänglichen Geist interessante und bereichernde Angebote bereit. Wenn Martin Walser fragt „Warum kann ich mich nicht in Ruhe lassen?“, dann bezeugt dies nicht nur seine eigene Umtriebigkeit, sondern erweitert sich zugleich ins Grundsätzliche der menschlichen Existenz.

Ganz alltägliche Erfahrungen finden dabei auch ihren Platz, ihre Zeilen. In der Klage „Dass die, die einen warten lassen, das überhaupt nicht merken“, verdichtet sich in faszinierend wenigen Worten ein Stück vermeintlichen Alltagsleids, das sich in der Summe der Jahrzehnte doch offenbar zu einem immerwährenden Ärgernis auftürmt.

„Ich möchte so müde sein dürfen, wie ich bin“

„Einzig bin ich nicht, aber allein“, konstatiert Martin Walser ohne falsches Mitleid, aber in der Einsicht in das Unabänderliche. Er schont seine Seele nicht in der Offenheit der Formulierungen, aber er nimmt auch keine Rücksicht auf sein Umfeld, seine Umgebung. Wir folgen ihm beinahe mitleidend in dem Bekenntnis „Ich möchte so müde sein dürfen, wie ich bin“ und ahnen Düsteres in seinem Bild „Ich bin eine Wohnung, aus der ich ausgezogen bin“.

Der Band „Meßmers Momente“ liest sich aus der Feder des fast 86-Jährigen wie ein großes Vermächtnis. Ein Extrakt vieler früherer Gedanken. Kürzer, prägnanter, griffiger in Sätze gefasst. Sprachlich auf ein absolutes Minimum reduziert, um auf diese Weise nichts als dem reinen Gehalt verbalen Raum zu gewähren.

Ein Buch, um zu entschleunigen

„Bis jetzt war’s Geplänkel. Jetzt hat die Schlacht begonnen, die von Anfang an verloren ist, aber nicht vermieden werden kann“, stellt Martin Walser ohne triefige Rührung oder kitschiges Selbstmitleid einfach nur fest. Und allen allzu redseligen Prominenten schreibt er ins überschätzende, ich-orientierte Stammbuch: „Wenn einer nicht sein Leben gelebt hat, sondern das eines anderen, dann schreibt er eine Autobiographie.“

Es gibt viel zu entdecken in diesem kleinen Buch, das so groß ist an Lebensfülle. Man kann es immer wieder zur Hand nehmen, um sich selbst zu messen und zu erden. Es tut gut, die eigene Eile für ein paar Leseminuten bewusst zu entschleunigen und sich auf „Meßmers Momente“ einzulassen, die immer auch etwas mit uns selbst zu tun haben.

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2.)

Meßmers Momente.
Aphorismen von Martin Walser (2013,
Rowohlt).
Besprechung von Jens Dirksen aus NRZ vom 8.3.2013:

Martin Walsers großer Donner der Worte
Am Freitag erscheint Martin Walsers neuer Aphorismen-Band „Meßmers Momente“. Er enthält auch Goldkörner der Wahrheit und manchen Ideen-Funken. Aber oft kommt der 85-Jährige doch mit einem großen Donner daher, der Entschiedenheit und Bescheidwissen suggeriert.
 
„Ich leide an Verfolgungswahn. Das ist das Einzige, was mich von meinen Verfolgern unterscheidet“, kalauert Martin Walser in seinem neuen Buch los. Was wie ein Witz daherkommt, der auf den Deckel von Franz Kafka geht, verrät schon gleich am Anfang dieses Aphorismen-Buches, welche Rolle Walser hier spielt: die des allwissenden Weltweisen. Was ihn nicht vor Plattitüden schützt: Am Ende der gut hundert Seiten steht die Einsicht: „Das Leben lacht. Mich aus.

Seit 1985 hat Martin Walser eine ganze Serie von „Meßmer“-Büchern erscheinen lassen, die immer wieder zugespitzte Denksätze bereithielten, Gedankenbilder, Seelenaufschreie und wohlbedachte Halbgedichte, Kurzprosa mithin. „Meßmers Momente“, das neue, das heute in die Buchhandlungen kommt, prunkt oft mit Gegensätzen und Unvereinbarkeiten, die mit aller Wortgewalt in ein, zwei, drei Sätze gepresst sind: „Ich kann mich hoffentlich nicht auf mich verlassen.“

Die Originalitätssucht treibt gelegentlich seltsame Blüten, „Jeder Tänzer hinkt, wenn er nicht tanzt“ – das gilt eben auch für manche Vergleiche. Überhaupt: Keine Wörter kommen in diesem Buch so oft vor wie „jeder“, „jede“ und „jedes“. Da will dann jeder, der bestraft wird, bestrafen. Und jeder, der Geld verdienen will, muss sich beleidigen lassen, „das muss jeder.“

So viel Entschiedenheit sorgt für ein donnerndes Auftreten. Und es könnte sogar Funken schlagen, wenn es beim Leser Zorn und Widerspruch hervorlocken würde, aber oft reicht der Provokationsgehalt nur für ein müdes Abwinken.

Goldkörner in Walsers Gedankenstaub

So bleibt es bei gelegentlichen Blitzen, denn da sind auch etliche Goldkörner in diesem Gedankenstaub. Und man sucht umso mehr mit Vergnügen danach, wenn man solche Sätze findet: „Zum Glück dauert keine Herrschaft, wenn auch jede zu lange dauert“. Oder: „Kein Genie zu sein und doch verkannt zu werden, das ist die Katastrophe.“ Walser darf das schreiben.

Der Schriftsteller Martin Walser hat mit „Meßmers Momente“ seine dritte tiefgründige Satz-Sammlung veröffentlicht. Das Buch voller Lebensweisheiten erschließt sich nicht jedem bis ins Letzte und wird verschiedene Leser sehr unterschiedliche Erfahrungen machen lassen.

Es ist dann noch viel von der Sehnsucht nach Einsamkeit die Rede, von den Demütigungen des Lebens und vom Nicht-bei-sich-Sein, das früher mal Entfremdung hieß und auch schon Gründe hatte. Einmal aber gibt es auch einen guten Rat, der manche Psychotherapie ersetzen könnte: „Man muss, was man nicht weiß, schreiben, um es kennenzulernen.“

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3.)

Meßmers Momente.
Aphorismen von Martin Walser (2013,
Rowohlt).
Besprechung
von Simone Dattenberger im Münchner Merkur, 8.03.2013:

Neues Werk von Martin Walser
"Meßmers Momente": Nichts für Feiglinge

Martin Walsers Neuerscheinung " Meßmers Momente " ist nichts für Feiglinge. Das Buch ist hart, schroff und fordernd. Eine Kritik:

Meßmer ist wieder aufgetaucht. Von Zeit zu Zeit erscheint diese rätselhafte Figur wie ein Komet in Martin Walsers Kosmos: 1985 in „Meßmers Gedanken“, 2003 in „Meßmers Reisen“. Sie ist ein freies Wesen, das nichts mit Walsers ureigenem Medium, dem üppigen Erzählen, zu tun haben will, aber auch nicht mit Dramatischem oder rein Lyrischem. Diese literarische Größe ist einfach. In „ihrem“ dritten Buch, „Meßmers Momente“ genannt, hat sich dieses Denkerpoeten-Konstrukt in die finstersten Gefühle und Ängste des Ichs versenkt.

Der Schriftsteller vom Bodensee hat in all seinen Romanen Sentenzenartiges, Aphorismusähnliches in den narrativen Baukörper wie kostbare Steinverzierungen eingelagert. In „Meßmers Momente“ stehen sie für sich – hart, schroff, fordernd. Auf eine Verpackung, die all das mildert, wartet der Leser vergebens. Aussagen wie „Die Welt ist alles, was verpfuscht ist“ oder „Zugeben, dass du jetzt da bist, wo du gern/ mit Verachtung hingeschaut hättest“ werden einem um die Hirnwindungen geschlagen. Lesen ist nichts für Feiglinge, ist dieses Mal das Motto von Walser, der dafür seinen Meßmer von der Mild-sein-Kette lässt. Mit ihm stürzt er sich in Melancholie und Selbstgeißelung, Depression und Verzweiflung, Selbstbezichtigung und Nihilismus. Die in allen Walser-Werken wirkende grundsätzliche Lebensbejahung und das Ins-Leben-Vertrauen sind fast ausgemerzt.

Aber so grausam und insistierend das Rütteln an den Gitterstäben der Existenz ist, die einem das Ich, die anderen, die Welt, die Gesellschaft ständig aufrichten, dieses Rütteln ist doch formuliert. Und zwar gut. In dieser Kunst, die sich mitunter selbst gern beschimpft, bekommt das Tröstliche seinen warmen Körper. An ihn dürfen wir Leser uns schmiegen. Gerade weil Walser wettert: „Tust du genug, um Hunger und Furcht/ zu vertreiben?/ Wie bequem hast du’s?/ Schicksalsrabatt, das ist dein Fall!/ Merkwürdigkeitskrämer./ Ablasshändler./ Feuilletonist./ In Bäche verliebter Mörder./ Gedankenkränze flechtend/ deinem verfluchten Grab./ Nachtschrat, grinsender./ Wörterer.“

Mit seinen düsteren Aphorismen umkreist Martin Walser alle Schattierungen von vorwurfsvoller Selbstbefragung, Gewissenserforschung und Anklage gegen andere. Dass darin das Sein als Schriftsteller immer wieder ventiliert wird, macht das Buch doppelt sympathisch. Die Figur Meßmer stellt sich nicht nur Fragen, die an uns selbst nagen, sie stellt gleichzeitig den Künstler als Schaffenden in Frage.

Schon mit den Zitaten, die den eigenen Texten vorangestellt sind, werden jene beiden Klage-Stränge eingeführt. Friedrich Hölderlin, Robert Walser und Franz Kafka sind die Gewährsmänner – mit ihrer Metapher vom Fisch, der auf dem Strand zappelnd erstickt. Bei dem Ältesten der Dichter sind es noch unmittelbar die Gefühle, die (Fisch-)Qualen erleiden. Die beiden Männer der Moderne jedoch begreifen das Empfinden nur durch das Geschriebene – und beschreiben genau das als Sterben. In diese poetischen Paradoxa reiht sich Martin Walser ein – schließlich liebt er die Koexistenz von Gegensätzen. Und deswegen darf’s ein bissl Hoffnung geben: „Ich bin ausgelaufen./ Dann vertrocknet./ Hat mich jemand/ aufgewischt, war’s Gott.“

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.merkur-online.de]

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