1.) - 5.)
Menschenflug.
Roman von Hans-Ulrich
Treichel (2005, Suhrkamp).
Besprechung von Klaus Zeyringer aus Der Standard, Wien vom
9.7.2005:
Pegasus im Tiefflug
Hans-Ulrich Treichels neuer Roman
"Menschenflug" dreht sich wieder um den verlorenen Bruder
Dabei bemüht er von Beginn an ein Motivhämmerchen des Expliziten, das auf die literarischen Ausformungen pocht. Stephan, ein zweiundfünfzigjähriger Akademischer Rat, sitzt in Berlin zum ersten Mal über dem handgeschriebenen Lebenslauf seines Vaters, als ein heftiges Gewitter niedergeht. Durch das kaum geöffnete Kippfenster sprüht Regenwasser, und schon sind die genealogisch-biografischen Tintenspuren, "besonders die ersten Zeilen", auf immer verwischt (wie im Film rauscht eben der Regen leicht in die Klischeetraufe).
Was dem Romandonner folgt, erfährt nur in manchen Passagen eine subtilere Gestaltung. Dieser Stephan fühlt sich in einer Lebenskrise. Wie der Vater werde er mit vierundfünfzig einem Herzanfall erliegen, bildet er sich ein und nimmt eine "Auszeit".
Zwar arbeitet er weiterhin an der Freien Universität, wo er sich ohnehin seit Jahren auf "schweigen und verwalten" beschränkt, zieht jedoch zu Hause aus und will reisen. Seine Frau Helen, eine ungemein verständnisvolle Psychoanalytikerin, und ihre beiden erwachsenen Töchter aus erster Ehe bleiben etwas blass am Rande der Aufmerksamkeit dieses scheinbar beschaulichen Charakters.
Bei dem Versuch, in sich zu gehen, gerät Stephan wieder an die wolhynische Herkunft, an seine zwei so unterschiedlichen Schwestern, vor allem an die Geschichte des Bruders: Er war 1945 in Polen auf dem Treckwagen zurückgeblieben, während die Eltern von Russen misshandelt worden und dann in den Wald entkommen waren - erst in den Fünfzigerjahren wandten sie sich an den Suchdienst.
Der nachgeborene Stephan musste sich als Ersatzkind fühlen; und nun, als ihn die Vergangenheit wieder aufsucht, damit er sie aufsuche, will er jenen Findel, den die Mutter als ihren Sohn zu erkennen gemeint hatte, zunächst nicht sehen. Schließlich habe er ja schon darüber publiziert: "Sein Bruder war das Trauma seiner Eltern und ein Phantasma seiner Kindheit.
Sein Bruder gehörte ins Buch, nicht ins Leben." Deutlich und breit verweist Treichel auf der Verlorenen-Geschichte ersten Teil, nicht ohne eher in peinlichem Selbstlob als in distanzierter Ironie deren Erfolg zu betonen, sei doch das Werk "Prüfungsstoff" der Goethe-Institute und "in mehrere Sprachen übersetzt".
Da sich der müde Akademische Rat in seiner "Auszeit" Bewegung verschrieben hat, trabt er regelmäßig zum Lilienthaldenkmal, dessen Inschrift "Dem Vater des Menschenfluges" das Titelmotiv in Gang setzt, eine Mischung aus diffusem Heimweh und sporadischer Todesahnung. Auf einer Ägypten-Reise schlägt er im zweiten Teil des Romans einen weiteren Bogen um den Familien-Erinnerungs-Komplex.
Viel mehr als eine der üblichen Kulissen mit obligaten Freud-Verweisen schafft Treichel hier nicht, selbst der Zufall wirkt bemüht. Im schwierigen Moment, auf dem Weg zum Tal der Könige, allein in der Wüste, kommt Stephan, dem das Herz wehtut - "Er hätte gern den Menschenflug gemacht" -, eine Dea ex Machina zu Hilfe. In Berlin erwarteten ihn gute Nachrichten", beginnt der dritte Teil. Stephan erhält, so anachronistisch es klingt, "Kriegsgefangenenpost" vom Suchdienst, der die gesamte Akte übermittelt.
Die Herkunftsbilder, die Spuren bleiben verwischt wie des Vaters Lebenslauf, immerhin ist die Recherche nach der verlorenen Zeit dokumentiert. Schließlich steht Stephan dem vermeintlichen Bruder, einem Alten auf Krücken, gegenüber, begibt sich zu einem Heimattag der Wolhyniendeutschen und sagt sich auf der Rückfahrt: "Keine Vergangenheit!" Zukunft hat er da allerdings auch keine, denn in einem Herzschlagfinale, dem Treichel einen entsprechenden Rhythmus gibt, erleidet Stephan einen Infarkt, ausgerechnet beim Landeplatz der Rettungshubschrauber unweit des Lilienthaldenkmals.
Treichel erzählt aus einer Er-Perspektive, die ganz nahe an der Hauptfigur dranbleibt. Somit sind die Ungeschicklichkeiten dem Erzähler anzulasten, all diese unnötigen "so etwas wie", "sozusagen", "natürlich". Sie machen den Ausdruck schwerfällig, ohne die Bedeutung anzureichern. "In gewisser Weise", heißt es, "duzte er sich ja nicht einmal selbst" - in welcher Weise? Sogar die wohl ironisch gemeinten Passagen wie jene über DaF (Deutsch als Fremdsprache) und OöDaF (Ostösterreichisches DaF) wirken steif: "Immer weniger Menschen wollten so- zusagen immer weniger Deutsch lernen." Sozusagen.
Die "Leere", erklärt Treichel in den Poetikvorlesungen, sei ohne Zweifel seine "prägendste Kindheitserfahrung"; im Schreiben gehe es um Lebenserfahrungen und Wahrnehmungsweisen, die "irgendwann in den Vorsatz münden, sich dem eigenen Selbst sowie der Welt vorzugsweise schreibend zu nähern". Dies bedarf einer jeweils angemessenen Erzähldistanz - Treichel hat sie in seinem Roman vom motivisch auftrumpfenden Beginn an nicht finden können und sich mit dem Ausgang der Geschichte auktorial fixiert. Einem Ich hätte ich diesen Duktus abgenommen.
Gewiss, Hans-Ulrich Treichel versteht es, einen Roman zu konstruieren, eine Welt aus Sprache zu schaffen. Hier jedoch macht er Sinnbilder zu poetischen Aufklebern. In diesem Menschenflug erscheint Pegasus so beladen, dass er keine besondere literarische Höhe erreicht.
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2.)
Menschenflug.
Roman von Hans-Ulrich
Treichel (2005, Suhrkamp).
Besprechung von Daniele
Völker aus den Nürnberger
Nachrichten vom 10.08.2005:
Leben auf Umwegen
Hans Ulrich Treichel liest aus „Menschenflug“
Hans Ulrich Treichel (53), zur
Zeit Professor am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig, ist Gast des Erlanger
Poetenfests (25. bis 28. August). Der Autor liest aus seinem jüngsten Roman
„Menschenflug“.
Die schönsten Antihelden der deutschen GegenwartsLiteratur beschreibt
derzeit Hans-Ulrich Treichel. In „Menschenflug“ steht wieder so ein
Figurentypus im Mittelpunkt. Stephan ist ein Eigenbrötler, „nicht
auskunftsbereit und offenherzig, . . . ein äußerst verschlossener
Mensch“, der von sich selbst sagt: „Wenn es so etwas wie eine Grundregel in
seinen Beziehungen zu anderen gegeben hatte, dann hatte sie gelautet: Menschen,
die er mochte, mochten ihn nicht.“ Und: „Menschen, die ihn mochten, mochte
er nicht . . . Wer nach diesen beiden Regeln lebte, hatte die
Garantie, ein rundum unglücklicher Mensch zu sein.“
Damit wird die Geschichte des Ich-Erzählers aus Treichels Roman „Der
Verlorene“ weitererzählt: Vierzig Jahre sind seitdem vergangen, und der im
Krieg auf der Flucht verloren gegangene ältere Bruder ist trotz emsiger
Recherchen nicht wieder aufgetaucht. Das Stöbern in der Vergangenheit ist für
Stephan dennoch befremdlich, weckt zu viele Erinnerungen an die strengen Eltern,
die in ihm immer nur eine Art Ersatzkind sahen.
So macht er sich eher halbherzig auf die Suche nach dem Findelkind 2307, das die
Eltern bereits vor Jahren als ihr eigen Fleisch und Blut ansahen. Seine Suche
ist alles andere als zielstrebig, da sich Stephan in einer Art „Midlife-Krise“
befindet, die er durch eine einjährige Auszeit zu meistern glaubt.
Doch statt zu sich selbst findet er auf einer Ägyptenreise zu einer anderen
Frau. Auch hier zeigt sich Stephans Halbherzigkeit: Er hat weder den Mumm, die
Affäre richtig auszuleben, noch den Elan, die Schönheit des Landes zu genießen.
So erscheint seine Reise letztlich als bloße Spiegelung seines armseligen
Lebens.
Als Stephan zurückkehrt, möchte man kaum glauben, dass er doch noch aktiv
wird: Er sucht und findet tatsächlich das Findelkind 2307. Hermann ist
mittlerweile ein alter verbitterter Mann, und es kommt zu keinem gemeinsamen
Gespräch. So steht Stephan am Ende wieder auf dem Boden unliebsamer Tatsachen,
ein Zerrissener, der nur Umwege wählt.
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3.)
Menschenflug.
Roman von Hans-Ulrich
Treichel (2005, Suhrkamp).
Besprechung von Ulrich Steinmetzger aus der NRZ vom 15.8.2005:
S ie hatte immer schon die Angewohnheit, ihn aufmerksam und erwartungsvoll anzuschauen und dadurch zum Reden zu ermuntern, um ihm dann, wenn er redete, nicht mehr zuzuhören und ihren eigenen Gedanken nachzusinnen. Wobei ihr besonderes Geschick darin bestand, ihn auch in Phasen vollständiger Unaufmerksamkeit weiterhin höchst interessiert anzublicken . . . Wer so redet, kann noch ordentlich Lebenszeit nebeneinander verbringen. Wer so reden lässt, hat seinen Thomas Bernhard gelesen. Und weiß dessen abgekochten Humor für seine Zwecke zu nutzen.
Kaum Lehre und eine große Leere
Lustig ist das nicht, höchstens komisch. Und komische Leute haben wir viele, vom akademischen Mittelbau bis in die Spitzen der Gesellschaft, von Ostwestfalen bis nach Berlin. Man muss sie nur beobachten und ihnen beim Reden zuhören. Kommt es also von ungefähr, wenn weltweit das Interesse an Deutsch als Fremdsprache rückläufig ist?Das ist eines der vielen Probleme von Stephan, denn so heißt sein Fach, das er an der Universität verwaltet. Gern wäre er Professor geworden, doch auch als akademischer Rat ist er unkündbar. Das ist viel mehr als nichts. Aber das ist nicht genug. Kaum Lehre und eine große Leere. Stephan ist eine der typischen Treichel-Figuren, die ungeschickt, schwermütig und vergrübelt am Leben vorbeistolpern.
Als Individuum ist Stephan uninteressant. Jeder hat so einem schon einmal die Freundschaft gekündigt. Doch wenn Hans-Ulrich Treichel, Professor am Leipziger Literaturinstitut, von ihm erzählt, folgen wir diesem beziehungslosen Driften durch die Tage mit größtem Amüsement. Nicht so sehr, weil er diesen Stephan zum Prototypen macht, vielmehr, weil er aus bekannten Dingen Funken schlagen kann. So sehr, dass einem das hinterhältig Erhellende solchen Vorgehens kaum bewusst wird.
Stephan steht neben sich und seinem Leben. Er ist sich und den anderen fremd geworden mit den Jahren. In seinem 52. nähert er sich dem Sterbensalter seines Vaters und empfindet "Zwischenbilanzbedarf". Er zieht sich von der Familie für ein Jahr in eine Steglitzer Dachwohnung zurück. Das ist konsequenter Ausdruck seiner Heimatlosigkeit: Seine Eltern waren Vertriebene und sind lange tot, genau wie der Ehrgeiz in Ehe, Job und ganz allgemein. Eigene Kinder hat er keine und Überzeugungen auch nicht. Nur manchmal stolpert das Herz.
Das Interessanteste seines Lebens hatte er einst in einen Roman gepackt, um es loszuwerden. Treichel zitiert hier seine Biographie und sein immens erfolgreiches Debüt als Erzähler von 1998. Die Eltern hatten 45 auf der Flucht vor den Russen seinen älteren Bruder verloren. Diesem Verlust hatte sich auch Stephan genähert, um ihn wegzusperren wie in ein Einmachglas. Dann hatte er sich verbeamten lassen und war fortan durch seine Tage hypochondert. Er eifert nicht mehr, er schweigt und verwaltet. Er ist der kleine nachgeborene Bruder mit Phantomschmerzen, "nicht krank, aber untersuchungsbedürftig".
Ernüchternder Realismus
Die Verhältnisse sind befriedet und befriedigend. Aber etwas fehlt den Kindern des deutschen Wirtschaftswunders bis heute zum Abheben in den Menschenflug. Vielleicht eine Vision? Vielleicht auch schon so etwas wie eine Basis, aus der sie wachsen könnte? Treichels Gabe ist es, mit solchem ernüchterten Realismus trefflich unterhalten zu können, ohne banal zu werden. Das ist eine große Kunst. Da verzeiht man gern, wenn das Buch als Verdichtung von Zufällen vor allem in den Details besticht.[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]
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4.)
Menschenflug.
Roman von Hans-Ulrich
Treichel (2005, Suhrkamp).
Besprechung von Stephan
Maus auf der Homepage www.stephanmaus.de
(SZ,19.8.05):
König
Zufall und seine Staatsstreiche
Hans-Ulrich
Treichel verwässert ein Flüchtlingsdrama: Menschenflug
Stephan ist knapp über fünfzig, Akademischer Rat und in der Midlife Crisis – großer epischer Stoff. Sein Herz stolpert und damit auch sein Leben. Er nimmt ein Sabbatical von seiner Familie, der intelligenten Psychotherapeutin Helen und ihren zwei hübschen, kühlen Töchtern aus erster Ehe. So gerne hätte Stephan einen Satz eigener Töchter, aber in seinem Leben sind selbst die Kinder aus zweiter Hand. In seiner einsiedlerischen Selbstfindungsklause über den Dächern von Berlin Steglitz besinnt sich der leidenschaftslose Mann aus dem akademischen Mittelbau auf das Ursprüngliche zurück: Woher komme, wohin gehe ich?
Die Antwort auf die letzte Frage liegt in unmittelbarer Sichtweite: Da Stephan in das Alter kommt, in dem sein Vater an einem Herzinfarkt starb, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, daß er schon bald die Kardiologie des Benjamin Franklin-Klinikums von innen kennenlernen wird. Schon jetzt kreist der Rettungshubschrauber wie ein knatternd Menetekel über seine Jogging-Strecke am Teltow-Kanal, die ihn vorbeiführt an ein Denkmal für Otto Lilienthal, dem Erfinder des Menschenflugs. Ach könnte man doch nur abheben, heiter durch die Lüfte gleiten, in himmlischer Leichtigkeit! Aber meist reicht es ja doch nur wieder zu einem Flug mit dem Rettungshubschrauber auf Krankenkassenkosten.
Die
Antwort auf die Frage nach seiner Herkunft zwingt unseren Akademischen Rat zur
Beschäftigung mit einem lange verdrängten Familientrauma. Stephans Eltern
waren Wolhyniendeutsche. Bei ihrer Flucht aus der heutigen Ukraine haben sie
ihren ältesten Sohn auf einem Wagen des Flüchtlingstrecks
zurückgelassen, als sie vor russischen Truppen in den polnischen Wald flüchteten.
Dieser verlorene Sohn war die traumatische Leerstelle, um die herum Stephans
Familie organisiert war. Die fünfköpfige Familie wurde vor allem durch einen
Schuldkomplex zusammengehalten. Darüber hat Stephan einen Roman geschrieben.
Genau wie Hans-Ulrich Treichel, der in seinem Roman „Der Verlorene“ eben
dieses Thema behandelt hat.
Nun hat Treichel das Sequel zu seinem 1998 erschienenen Porträt der bundesdeutschen Nachkriegsgesellschaft geschrieben. Sein akademischer Rat tastet sich linkisch an den verlorenen älteren Bruder heran. Lieblos, ohne wirkliches Engagement, weil gerade sowieso nichts anderes zu tun ist in seiner Steglitzer Selbstfindungsklause, macht er sich auf die Suche nach Findelkind 2307. An dieser Halbherzigkeit krankt nun auch Treichels Roman, der lustlos zwischen Vertriebenendrama und Midlife-Crisis-Klamauk schwankt. In drei stilistisch farblos dahererzählten Teilen mischt Treichel deutsche Vergangenheitsbewältigung (geht immer) mit den menschlichen, allzu menschlichen Betrachtungen eines Mannes von fünfzig Jahren. Zwischendurch gibt es eine Runde Sex in Ägypten mit dekorativ vor sich hinbröselnden Pyramiden und aufreizend durch den Pool kraulenden Damen aus dem akademischen Oberbau.
Sowieso, Ägypten! Ein Drittel dieses Vertriebenen-Romans spielt nicht etwa am Dnjepr, sondern am Nildelta, was Treichel Gelegenheit gibt, eine Grabkammer voller lebloser Reiseeindrücke in seinem Text abzuladen. Sechzig Seiten TUI-Prosa in einem Flüchtlingsdrama. Und das Kamel und die Feluke und der Bettelbub. Natürlich soll das irgendwie Stephans Flucht vor der eigenen bedrohlichen Vergangenheit in die unverfängliche Menschheitsvergangenheit zeigen. Aber diese unmotivierte Urlaubsprosa zeigt nicht viel mehr als die seitenschinderische Flucht des Romanciers vor seinem eigentlichen Thema. So bekommt das Genre Flüchtlingsdrama eine ganz neue Bedeutung.
Stephans hervorstechendste Eigenschaft ist seine Unkündbarkeit. Er ist rundum abgesichert, nichts kann ihn wirklich berühren. Seine Nachforschungen stellt er eher aus Langweile als aus einer obsessiven Notwendigkeit heraus an. Nur die Panik vor einem drohenden Herzinfarkt vermag diesem vollimprägnierten Charakter noch zwei, drei Extrasystolen zu entlocken. Nun ist ein solch Unkündbarer, der dem Leben selbst schon gekündigt hat, nicht per se eine uninteressante Figur. Im Gegenteil. Doch Treichel beschreibt das Schicksal seines desillusionierten Mittelbau-Menschen leider in einer blassen und zu scherzhaftem Geplänkel neigenden Sprache, die in ihren besten Momenten allenfalls Leitartikel-Niveau erreicht. Seite um Seite unterfordert der Autor seine Leser mit all den vermeintlich heiteren, aber leider nur faden psychischen und physischen Midlife-Crisis-Zipperlein eines Übersättigten. So interessiert es auch nicht mehr, daß Stephan auf der letzten Seite zu seinem definitiv letzten Menschenflug abhebt. Der Leser hat diesem Unkündbaren schon lange gekündigt.
Treichel ist bemüht, seine Belanglosigkeiten durch forcierte dramaturgische Konstruktionen einigermaßen zusammenzuhalten und ihnen durch gezwungene motivische Verklammerung einen pseudo-literarischen Anstrich zu geben. So gerät Stephan am Ende seiner Suche zufällig in ein Wolhyniertreffen in Uelzen. Wie das? Weil Uelzen gleich neben Celle ist, wo Stephan das Findelkind 2307 ausfindig gemacht hat, und der dortige Hunderwasserbahnhof den Helden an die wolhynischen Erdhütten erinnert. Man kommt aus dem Schmunzeln über so viel heiter-luftige Ironie nicht mehr heraus. Ach könnte der „Menschenflug“ doch nur fliegen! All die wenig überraschenden Überraschungen und mal großen, mal kleinen Staatsstreiche von König Zufall lassen diesen vermeintlich heiteren Roman endgültig in pure Albernheit umkippen.
Das Porträt von Stephans Gefühlswelt beschränkt sich auf stereotype Vulgärpsychologie. Der Mann hat ein Mutterproblem, so viel steht fest: „Vielleicht hatte sie ihn ein wenig zu fest in die Arme geschlossen. Zumindest manchmal. Dann aber so fest, daß er keine Luft mehr bekam.“ Die Mutter wollte nämlich den verlorenen Sohn aus dem verbliebenen herauspressen. So aber bekam Stephan Asthma und jenes fatale Herzdrücken, das ihn eines Tages noch in die kardiologische Notaufnahme bringen wird. Das Psycho-Consulting-Team der Lindenstraße schmiedet plausiblere Neurosen. Bei Treichel wird Familientherapie zur Herzvorsorge. Lustig ist das Therapeutenleben. Als Stephan nach überwundenem Familientrauma schließlich mit seiner psychotherapierenden Gattin zum Knutschen auf die Freudianische Couch klettert, wohnt der kopfschüttelnde Leser der Geburt eines neuen Genres bei: das tiefenpsychologische Vertriebenen-Vaudeville.
Stephans halbherzige Nachforschungen nach seinem älteren Bruder vermögen seinem blassen Charakter keine Tiefe zu geben. Treichel hat mit der kardiologisch bedingten Lebenskrise und dem Midlife Crisis-Geplänkel seines Anti-Helden ein durchaus tragfähiges Flüchtlingsdrama verwässert, was allerdings nicht weiter tragisch ist, denn schließlich hat er es schon in dem „Verlorenen“ erschöpfend abgehandelt. Das Thema hat seine Dringlichkeit verloren. Man kann sich des Verdachtes nicht erwehren, Treichel habe mit diesem Sequel nur auf die sichere Bank setzen und noch einmal an den Erfolg seines „Verlorenen“ anknüpfen wollen. Stephans Überlegungen zu seinem Roman legen eine solche Vermutung nahe: „Das Buch hatte seine Leser gefunden, es war in mehrere Sprachen übersetzt und sogar zum Prüfungsstoff für die Sprachexamina der Goethe-Institute ausgewählt worden.“ Hans-Ulrich Treichel ist sogar zum Professor für das Deutschen Literaturinstitut der Universität Leipzig ausgewählt worden. So geht das in diesem Land, wenn man als Autor vor allem Arbeitsmaterial für den vergangenheitsbewältigenden Deutschunterricht produziert.
Treichels neuer Roman ist exakt die Art von Text, die man aus dem akademischen Oberbau eines Literaturinstituts erwartet: Ohne jede Dringlichkeit, satt, abgesichert, voller akademischer Formalismen und hanebüchener dramaturgischer Kniffe, lächerlich überkonstruiert – irgendwie unkündbar.
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5.)
Menschenflug.
Roman von Hans-Ulrich
Treichel (2005, Suhrkamp).
Besprechung von Thomas Laux aus der Frankfurter Rundschau, 14.9.2005:
Dieses lästige Herzstolpern
Hans-Ulrich Treichels neuer Roman
"Menschenflug" widmet sich der Midlifecrisis des deutschen Mannes
Das ist so ein durch und durch deutscher Roman.
Niemals könnte ein derartiger Text in - sagen wir - Italien oder Spanien
entstehen, denn dafür bräuchte man eine gehörige Menge Grau, im Leben wie
beim Wetter, vor allem aber in der Sprache. Allein das Wort
"Dachstubensehnsucht", das der Hauptfigur Stephan in den Mund gelegt
wird und diese ganze seltsame Stammbaumrecherche, die da auf einmal bei ihm
aufkommt mit seinen 52 Jahren - unvorstellbar, dass der damit verbundene Kontakt
mit Staub und Dunkelheit, dieses Aufspürenwollen von Vergangenheit und eigenen
Wurzeln, einen in Rimini oder Barcelona überkommen könnte. Nein, das ist
abgrundtief deutsch. Ein anderes Wort der gleichen Kategorie, das hier
auftaucht, lautet "Zwischenbilanzbedarf". Man muss sich das auf der
Zunge zergehen lassen.
Stephan, ein akademischer Rat in gesicherter Position, ist der Mann, der von
derart bürokratischen Gefühlen befallen wird. Dabei ist er mit einer
sympathischen, einfühlsamen Psychoanalytikern liiert, die aber wohl auch nicht
verhindern konnte, dass Stephan nun in einer dicken, so genannten Midlifecrisis
steckt. Er spürt, dass er älter wird, insbesondere, dass er sich gefährlich
jenem Alter nähert, in dem sein Vater mit nur 54 Jahren jäh verstarb. Wie ein
Damoklesschwert schwebt dieser vorzeitige Tod des Vaters über Stephans Tun und
Denken, wobei erschwerend hinzukommt, dass er selbst schon immer wieder diese
Aussetzer hat, diese Herzstolperer, diese lästigen Tachycardien.
Ungemütliche Fragen
Zufällig bekommt er nun den handgeschriebenen Lebenslauf seines Vaters in die Hand, 40 Jahre nach dessen Tod, und damit gerät so einiges in Bewegung. Die Informationen aus dem Schriftstück werfen ungemütliche Fragen bezüglich seiner Eltern und deren Herkunft auf - sie waren Wolhyniendeutsche und mussten im Januar 1945 aus dem kleinen Ort Bryschtsche (in der heutigen Ukraine gelegen) fliehen. Dabei ließen sie ihr bis dahin einziges Kind, einen 16 Monate alten Jungen, zurück. Die Existenz dieses Kindes wurde von den Eltern lange Zeit verschwiegen, es hieß zunächst, der Junge sei bei der Flucht verhungert, erst spät in den fünfziger Jahren wurde nach diesem Kind überhaupt gesucht, da war es in Wirklichkeit aber schon längst als Findelkind zu unbekannten Adoptiveltern gelangt. Warum begann die elterliche Suche erst so spät? Lebte dieses Findelkind überhaupt? Und wenn, wie sollte man sich heute dazu verhalten? Es ist auffallend, wie zögerlich und ambivalent sich Stephans Suche nach diesem Bruder in Wahrheit gestaltet: Er will ihn ausfindig machen und zugleich eine Zusammenkuft auch irgendwie vermeiden. Diffus spürt er, dass mit einem Auffinden auch die eigene Biographie aufgemischt würde und sein Leben neu sortiert werden müsste.Am Ende: Krückenwedeln
Die Recherchen und die dabei zustande kommenden Zufälle, Verwicklungen und Abweichungen bilden den Hauptstrang der Handlung, bei der man die zunehmende Zerrissenheit dieses Mannes recht gut nachvollziehen kann. Treichel lässt seine Hauptfigur zwischendurch allerdings eine ausführliche Reise nach Ägypten unternehmen, einen Trip, der retardierend auf den Plot wirkt und vom Wesentlichen ablenkt. Mit der Suche nach dem Bruder und/oder den eigenen Wurzeln hat diese weite Reise nämlich nichts zu tun. Allenfalls ließen sich hier ansatzweise weitere Indikatoren für die Krise dieses Mannes finden (sexuelle Lust bei gleichzeitiger Angst vor einem Seitensprung etwa), für die flattrig gewordenen Lebensmaximen eines Mannes im mittleren Alter, dem die Sicherheiten durch die Hand zu rieseln scheinen. Allerdings hätte es dafür nicht einer Reise zu den Königsgräbern bedurft, das hätte Stephan auch in Steglitz haben können.[...diese und weitere
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