mein papierener garten von Elfriede Gerstl, 2006, Droschlmein papierener garten.
Gedichte von Elfriede Gerstl (2006, Droschl).
Besprechung von
Paul Jandl in Neue Züricher Zeitung vom 24.10.2006:

Aus dem Staunen heraus
Gesammelte Gedichte von Elfriede Gerstl

Unter Künstlern ist das Stammcafé das edlere Äquivalent des Stammbaums. Wer im Wiener «Hawelka» die Nächte der sechziger Jahre mit H. C. Artmann, Konrad Bayer, Reinhard Priessnitz oder Hermann Schürrer verbracht hat, der  weiss, was eine Genealogie ist. Der kann sich ironisch zurückschreiben in ferne Zeiten und damit erst recht zum Dichter werden. 1932 ist die Österreicherin Elfriede Gerstl geboren, im April 2006 notiert sie ein «unerwartetes totengedenken»: «an einem sonnigen sonntag / über den graben gehen & ins hawelka schauen / ist wie ein friedhofsbesuch». Zu betrauern sind die Helden der Avantgarde, weil sie alle nicht mehr leben.

Elfriede Gerstls Lebenszeichen kommen zart, und sie kommen regelmässig, auch wenn der Literaturbetrieb sie für gewöhnlich überhört. Der grossartige und immer noch kaum entdeckte Roman «Spielräume» des Jahres 1977, die Gedichte der «wiener mischung» (1982) oder die Essays aus «Kleiderflug» (1995) haben die Wiener Schriftstellerin als das gezeigt, was sie ist: die  Äquilibristin unter Österreichs Dichtern. Schwebend vollführt sie ihre Kunststücke, und allein die Dialektik der Poesie verschafft ihr ein fragiles Gleichgewicht.

«mein papierener garten» heisst Elfriede Gerstls neuester Band, der Gedichte aus den letzten fünfzig Jahren versammelt. Ein Garten aus Papier ist der verwilderte Ort des Dichters, und für Elfriede Gerstl hat darin so manches Platz. Auch das «künstlerschicksal (aphorismus)»: «anfangs / für wenige / und dann / nur mehr für sich.» Gerstls Gedichte erzählen in knappen sprachlichen Bildern vom Alltag, von Ungeliebtem und Geliebtem, vom «mückenschwarm der befürchtungen», wie ein Zyklus heisst, oder von der Lust des Schreibens. Bisweilen auch von beidem gleichzeitig: «dichten wollen / aber die verhältnisse / sind in prosa». Die wienerischen oder österreichischen zumal, die das Geschriebene deutlich grundieren.

Vor dem allzu Sicheren ist Elfriede Gerstl stets zurückgeschreckt, dem Scheinfrieden geordneter Verhältnisse hat sie misstraut. Dass die Welt brüchig ist, muss der 1932 geborenen nachmaligen Schriftstellerin schon als Kind erschreckend klargeworden sein. Den behütenden grossbürgerlichen Haushalt, wie er bis 1937 bestanden hat, gab es danach bald nicht mehr. Mit Grossmutter, Mutter und Tante in einer Wohnung versteckt, hat Elfriede Gerstl die stille Dunkelhaft der Nazijahre überlebt. Das Element der Flucht hat sich in das Leben der Schriftstellerin eingeschrieben, die Flüchtigkeit in ihre Literatur. Unter der Überschrift «halbschlafgedicht» heisst es: «schnee fällt in meinen halbschlaf / etwas von mir fliegt in den flocken / von der salztorbrücke / über die treppe zur / ruprechtskirche // ich fühle / wie ich mich verstreue».

Knapp sind die Gedichte der Wiener Schriftstellerin, immer knapper werden sie, bis sie Aphorismen, «denkkrümel» sind. «die tat ist der tod / aller möglichen alternativen». Das dialektische Pendeln zwischen Unhaltbarem und Gesichertem treibt die Sätze Elfriede Gerstls an. Noch das, was auf den ersten Blick wie eine schlichte Alltagswahrnehmung daherkommt, ist durchdrungen von dieser Idee. «was weiss man schon / was man glaubt / was glaubt man schon was man weiss».

Elfriede Gerstl ist eine Skeptikerin ohne Larmoyanz, mit Lust geisselt sie die Grämlichen, die sich von der Literatur in ihrem Gram ermuntern lassen wollen. Und mit gleicher Lust kann sie sich der ewig Frohen annehmen: «manche kommen aus dem staunen nie heraus / manche nie hinein», heisst es im «lapidarium», das die Dichterin einer anderen österreichischen Elfriede gewidmet hat. Lapidar sind sie tatsächlich, diese Poesien, «eine luftreise wie nichts / auf den mond geblasen». Oder voller Wittgenstein. Der Philosoph klingt bei Elfriede Gerstl so: «Alles, was man sagen kann, kann man auch beiläufig sagen.» Niemand sagt das Beiläufige zwingender als die österreichische Dichterin.

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