Mein Leben von Maercel Reich-Ranicki, dtv 12830Mein Leben.
Autobiografie von Marcel Reich-Ranicki (
2000, DVA/2001, dtv).
Besprechung von Francis Pierquin, Vernouillet/Frankreich, 2.11.2002:

... und setzte doch nicht aufs falsche Pferd!

Hat er nicht von vornherein die falschen Karten gezogen? Aufs falsche Pferd gesetzt? Als neunjähriger Sprössling aus jüdischem Elternhaus zieht er 1929 samt Familie aus dem heimatlichen Polen in die deutsche Reichshauptstadt um, begeistert sich für die deutsche Kultur und beschließt schon in jungen Jahren, Literaturkritiker zu werden. Indes : Die deutschen Behörden scheinen nicht geneigt, ihm eine solche Laufbahn zu erleichtern, und im Herbst 1938 stecken sie ihn - wie 18.000 andere Juden auch - in einen Zug und schieben ihn nach Polen ab. Aus und vorbei mit dem Traum, deutscher Literaturkritiker zu werden? Es sieht ganz so aus, denn wenig später findet er sich im Warschauer Getto wieder und hat alle Aussichten, es nicht lebend wieder zu verlassen - es sei denn, um - wie seine Eltern - in Treblinka vergast zu werden. Auf wundersame Weise schafft er es dennoch, nicht nur das im Mai 1943 liquidierte Getto, sondern auch den ganzen Krieg zu überleben. Und als alles vorbei ist, ist er zwar erst 24 Jahre alt, sieht aber fast wie 50 aus und ist mittelloser denn je. Und, um mit Brecht zu sprechen : „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral". Also meldet er sich bei der polnischen Armee - noch ist der Krieg nicht zu Ende -, dann beim Auswärtigen Dienst und wird mit dem Zusatz „Ranicki" als Konsul nach London geschickt. Deutsche Literatur ade? Es sieht mehr denn je danach aus, um so mehr, als er 1949 nach Polen zurückberufen und erst mal ins Gefängnis eingesperrt wird. Weil er nicht ganz auf Linie ist - auf stalinistischer, versteht sich. Als er wieder auf freien Fuß gesetzt wird, stellt sich die Frage: Wovon leben, womit sich selbst mitsamt Frau und Sohn durchbringen? Ja: womit? Mit Kritiken, Rezensionen und Artikeln zur deutschen Literatur etwa? Im Nachkriegspolen, wo alles Deutsche geächtet wird? Hieße es nicht wieder mal aufs gänzlich falsche Pferd setzen? Der inzwischen bald dreißigjährige Marcel versucht es dennoch. Und hat wider Erwarten zumindest so viel Erfolg, dass er sich damit über Wasser halten kann. Aber er sieht ein: Auf Dauer ist es nichts. Und entschließt sich schließlich zum großen Sprung nach Westdeutschland - wo er 1958, sozusagen als Spätheimkehrer, mit nichts landet als mit dem, was er seine „portative Heimat" nennt: seine Liebe zur deutschen Literatur. Indes hat der westdeutsche Kulturbetrieb nicht auf ihn gewartet, und wer glaubt, ihm „seien rote Teppiche ausgelegt worden", irrt gründlich. Schickt er sich nicht an, einen Kampf auf verlorenem Posten auszufechten? Es sieht wohl so aus. Um so mehr, als er unter „deutsche Literatur" nicht nur west-, sondern auch ostdeutsche Literatur versteht. Aber Marcel, dem empfohlen wird, sich den Doppelnamen „Reich-Ranicki" zuzulegen, lässt sich durch nichts entmutigen und unternimmt es, den Literaturteil so mancher Zeitungen und Zeitschriften zu erobern. 1963 wird er bei der „Zeit" in Hamburg fest angestellt, für einen Kritiker ein ziemlicher einmaliger Status. Denn man hat registriert, dass seine Beiträge auflagenerhöhend wirken. 1973 wechselt er als Literaturchef zur renommierten „Frankfurter Allgemeinen Zeitung" über: Fortan ist in Deutschland er der Literaturkritiker, der sich genauso unermüdlich sowohl für Prosa als auch für Lyrik engagiert. Ist er jetzt mit dem Pferd, auf das er alles gesetzt hat, siegreich ins Ziel eingelaufen? Für seine Widersacher ist er sogar bereits weit übers Ziel hinausgeschossen, er aber meint, er könne sich noch mehr für die Literatur einsetzen. Und startet 1988 eine literarische Fernsehsendung, die zum Dauererfolg wird und ihn weit übers eigentliche Lesepublikum hinaus bekannt macht: Das literarische Quartett. Aufs gänzlich falsche Pferd hatte er also wohl doch nicht gesetzt. Aber nicht nur sein Leben, das er in der Autobiographie mit dem denkbar schlichten Titel „Mein Leben" dargelegt hat, ist beachtenswert, sondern auch seine Ansichten zur Literatur, die von seinem Leben letztlich unzertrennlich ist. Zu seinen originellsten, auf den ersten Blick befremdendsten Erkenntnissen gehört wohl die, „dass die meisten Schriftsteller von der Literatur nicht mehr verstehen als die Vögel von der Ornithologie". Befremdend ist dieser Satz aber eben nur auf den ersten Blick. Denn schon auf den zweiten versteht man, dass er nicht ganz und gar aus der Luft gegriffen ist, er ist noch nicht einmal abschätzig gemeint, im Gegenteil. Wer nach einem Bindestrich zwischen Leben und Literatur sucht oder den eigenen bestärken möchte, dem sei dieses Buch aufs Wärmste empfohlen und gegönnt.

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