Mein
Königreich war ein Apfelbaum.
Erinnerungen von Godehard
Schramm (2005, Verlag Sankt Michaelsbund).
Besprechung von Bernd Zachow aus den Nürnberger
Nachrichten vom 22.11.2005:
Der Blick eines Kindes
Godehard Schramm präsentiert sein neues Buch
Der Nürnberger Schriftsteller
Godehard Schramm stellt am 24. November, 20 Uhr, bei den 1. Schwaiger
Kulturtagen in der Gemeindebücherei in Schwaig sein neues Buch „Mein Königreich
war ein Apfelbaum“ vor.
Seinen jetzt erschienenen Kindheitserinnerungen hat Godehard Schramm ein Zitat
von Hans Blumenberg vorangestellt: „Einseitigkeit ist das Schicksal aller
Wahrnehmung.“ Das ist zu lesen als eine Art selbst gewährte Vorab-Absolution
für die Egozentrik und Parteilichkeit des darauf folgenden Textes. Letztlich
bastelte sich der Autor eine Geschichte seiner frühen und frühesten Jahre, die
trefflich in sein heutiges katholisch-konservatives Weltbild passt.
Erzählt wird vom Alltag einer Kleinbürgerfamilie in den muffigen 50er Jahren.
Der Vater, „Volksschullehrer“ im mittelfränkischen Örtchen Thalmässing,
ist ein latent unzufriedener Mann, sentimental und gleichzeitig cholerisch. In
dessen Ehe mit einer Katholikin aus Konstanz am Bodensee gibt es häufig
Spannungen. Nicht zuletzt, weil sich die Frau in der nüchtern-lutherischen
Heimat ihres Gatten nur schwer eingewöhnen kann. Zwischen zwei offenbar höchst
unterschiedlichen Temperamenten und familiären Traditionen steht der völlig
verunsicherte Erzähler als Kind: anlehnungsbedürftig, permanent um Ausgleich
und allseitige Anerkennung bemüht. Auch im außerhäuslichen Umfeld gelingt es
ihm kaum Fuß zu fassen, weil der Beruf des Vaters immer wieder Ortswechsel
erforderlich macht.
Das für die Entwicklung von Heimatgefühlen unabdingbare Kontinuum vermittelt
dem Knaben Godehard fast ausschließlich die „Kirche“ seiner Mutter. Wenn
der Erwachsene heute auf dieses Thema zu sprechen kommt, wird seine Diktion wie
Zuckerwatte: süß, weich und irgendwie substanzlos. Was natürlich kein Indiz für
geistige Unredlichkeit ist, aber vielleicht für gewisse Schwierigkeiten, über
die Formeln und Sprachklischees herkömmlicher Glaubensbekenntnisse hinaus
Inhalte zu vermitteln.
Hingegen kommen stets Farbe, Duft und Geschmack in Godehard Schramms
assoziatives Erzählen, wenn er sich an ganz profane Dinge und Vorgänge in
seinem kindlichen Leben erinnert. Die zwiespältigen Gefühle bei der
Hausschlachtung und beim Verzehr der Metzelsuppe werden sogar für den
eingefleischten Großstadtbewohner von heute nachvollziehbar. Nicht weniger
plastisch ist die Schilderung all der ernsthaften und oft auch grausamen Spiele,
mit deren Hilfe sich das Kind in einer ebenso faszinierenden wie erschreckenden
Realität zu orientieren versucht.
Kritischer Beobachter
Überzeugend dargestellt ist schließlich das Einzelgängertum, das dem Ich-Erzähler
zunächst aufgezwungen wird, an dem er aber nach und nach Gefallen zu finden
beginnt. So entwickelt er sich in jugendlichem Alter zum kritischen Beobachter
und schafft damit die Grundlagen für die spätere Schriftstellerlaufbahn.
Gerade diese in jeder Zeile spürbare persönliche Betroffenheit ist die Stärke
des neuen Buches. Es ist das Spannendste und Stimmigste, was Schramm in letzter
Zeit geschrieben hat.
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