1.)
- 2.)
Mein
Jenseits.
Roman von Martin Walser (2010,
Berlin University Press).
Besprechung von Jens Dirksen aus NRZ vom 9.2.2010:
Martin Walsers neue
Novelle „Mein Jenseits“ enttäuscht
Martin
Walser arbeitet sich mit seinem neuen Buch „Mein Jenseits“ am Glauben ab. Auf
den großen Walser-Wurf zum Thema wird man allerdings noch warten müssen. Im
Herbst soll der Roman „Muttersohn“ erscheinen.
Bis Martin Walser 2008 mit seinem
Goethe-Roman „Ein liebender Mann“ die
passende Wortlandschaft für die Risiken und Nebenwirkungen von Liebe im Alter
gefunden hatte, dauerte es eine Weile. In seinen Romanen „Der Lebenslauf der
Liebe“ (2001), „Der Augenblick der Liebe“ (2004) und „Angstblüte“ (2006) hatte
Walser das Thema schon mehrmals umkreist, ohne Angst vor Peinlichkeiten – und
war gescheitert, stilistisch, erzählerisch. So sehr das Thema zugeschnitten
schien auf den demografischen Wandel und ein Publikum jenseits der
Harry-Potter-Liga: Erst die Fallhöhe des Olympiers
Goethe ließ Literatur werden aus dem, was
zuvor bloß unverdaute Biografie und schwülstige Phantasie blieb.
Nun arbeitet sich Walser (82) mit seinem neuen
Buch „Mein Jenseits“ am Glauben ab. Wiederum mit Instinkt für den Zeitgeist.
Doch es geht in dieser schmalen Novelle nicht um das Comeback der Religionen in
der Politik, sondern um Augustin Feinlein, Chef einer psychiatrischen Klinik,
der seit Jahren schon 63 ist, weil er „aufgehört hat zu zählen“. Wir folgen
Feinlein nach Rom, das er „mein Jenseits“ nennt. Ein Touristen-Paradies, aber er
sucht die menschliche Erfahrung jenseits des Wissens. Das bringt ihn zu schönen
Sätzen wie „Glauben heißt, Berge besteigen, die es nicht gibt“. Oder: „Glauben
lernt man nur, wenn einem nichts anderes übrig bleibt.“ Aber wenn man dran
glauben muss, ist es schon zu spät.
Augustin Feinlein ist, wie fast jeder Walser-Held, ein
Mensch am Rande des Ich-Zusammenbruchs. Er laboriert daran, dass Eva Maria, die
Liebe seines Lebens, ihn doppelt verschmäht hat: beim ersten Mal als Studentin,
die es vorzog einen Grafen und sein Schloss zu heiraten – und dann, als Witwe,
ehelichte sie ausgerechnet Feinleins Stellvertreter, den erheblich jüngeren Dr.
Bruderhofer, der unablässig versucht, seinen Chef von der Klinik-Spitze zu
verdrängen. Jedenfalls glaubt Feinlein das. Und er glaubt an Reliquien. Deshalb
lässt er, wie zum verzweifelten Liebes- und Lebenstrost, in der Kirche von
Letzlingen (ein eher unsubtiler Namenskalauer) die Monstranz samt
Heiligblut-Reliquie mitgehen. So wird der Chef der Nervenklinik zum Patienten.
Und bleibt ein seltsamer Typ, von wenig Belang und so abstrus wie seine ganze
Geschichte.
Vielleicht sieht man es bei Walsers Hausverlag Rowohlt
ganz gern, dass der (teure) Band im Haus des ehemaligen Suhrkamp-Verlagsleiters
Gottfried Honnefelder erschienen ist. Auf den großen Walser-Wurf zum Glauben
wird man jedenfalls noch warten müssen. Im Herbst soll der Roman „Muttersohn“
erscheinen. Bei Rowohlt.
[...diese und weitere Besprechungen
finden Sie unter www.nrz.de]
Leseprobe I Gespräch
I Buchbestellung 0210
LYRIKwelt
© Neue Ruhr/Rhein Zeitung
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2.)
Mein
Jenseits.
Roman von Martin Walser (2010,
Berlin University Press).
Besprechung von Roland Mischke in den
Nürnberger
Nachrichten vom 12.02.2010:
Der neue Walser: Wüten gegen den Tod
Martin Walsers giftige Novelle «Mein
Jenseits«
In seiner neuen Novelle zieht Martin Walser (82)
wagemutig über die letzten Dinge her. Das ist ein Vorteil des Alters: Man wird
rücksichtslos und hat weniger Angst vor der Blamage. Denn man hat ja nicht mehr
so viel Zeit. «Mein Jenseits« heißt die soeben erschienene Novelle des Zeterers
vom Bodensee. Martin Walser liegt im Trend. Religion kommt wieder in Mode, in
Medien und unter Bekannten wird darüber diskutiert und medizinische Studien
verkünden, dass gläubige Menschen geschützter sind vor Krankheiten, depressivem
Verdruss und anderen lästigen finalen Angelegenheiten. So auch Walsers trauriger
Held. «Gäbe es Gott, könnten wir nicht von ihm sprechen«, belehrt er seine
Leser. «Dann gäbe es das Wort nicht.
Walser neues Buch bringt seinen Leser in der Lektüre zum herzhaften Lachen. Weil
er Altersmilde vermeidet, auf Altersweisheit pfeift und brachial auf Altersspott
und damit verbundenem Zynismus setzt. Eine offensive Form mit dem Diesseits
umzugehen, von dem für einen wie ihn nicht mehr viel zu erwarten ist. Zudem ist
das Buch raffiniert durchkomponiert. Wer anfängt zu lesen, steckt im
Klammergriff kruder, zorniger und trotziger Walserscher Gedankengänge und nimmt
selbst Passagen, die gaga anmuten, als Erkenntnisformen hin.
Walser wütet gegen den Tod
Der Autor ist völlig versponnen in die Geschichte seines «alten Knaben«. In
seiner Person wütet Walser gegen den Tod, das endgültige Ende. Er weiß, dass er
den Kampf nicht gewinnt, trägt ihn aber trotzdem aus. Augustin Finli, der als
63-Jähriger aufhörte, seine weiteren Jahre zu zählen, ist Chef des
Psychiatrischen Landeskrankenhauses Scherblingen – auf der Bodensee-Karte nicht
zu finden, aber garantiert dort anzusiedeln – und will nicht abtreten. Sein
Rivale, der 41-jährige Chefarzt Dr. Bruderhofer, will den Überfälligen im Amt
beerben, schließlich ist der um die achtzig. Aber das will Finli schon deshalb
nicht zulassen, weil der Dandy im Cordanzug mit kariertem Hemd ihm die
59-jährige Eva Maria ausgespannt hat. Das verzeiht er dem Jungen nie. Neue
methodische Ansätze in der Behandlung, technischer Fortschritt, Umbau der
Klinik. Alles Papperlapapp. Die Frau ist weg! Ein Unrecht. Da funktioniert bei
Finli der Altersstarrsinn so sicher wie der Pawlowsche Reflex.
Walser zieht alle Klischees, sein alter Sack ist unerträglich, arrogant und
peinlich. Ein Giftzwerg, der intrigiert, ein Realitätsverweigerer, der ewig
weitermachen will, ein irrer Egomane mit sadistischen Neigungen. Finli verordnet
sich eine Italienreise («Rom ist mein Jenseits«), um seine Religiosität zu
sammeln. «Warum glauben wir? Weil uns etwas fehlt«, dilettiert er als
Endzeitphilosoph. «Ein Vorfahr von mir hat gesagt: Glauben heißt Berge
versetzen, die es nicht gibt.« Er ahnt: «Glauben lernt man nur, wenn einem
nichts anderes übrig bleibt.« Finli kennt keine Demut.
Eine ordentliche Portion Blasphemie
Es kommt zu einer verwegenen Handlung: Finli wird zum Rächer aller von der
Religion Geblendeten. Aus einer Stiftskirche entwendet er eine Reliquie von
Millionenwert, den Blutstropfen Christi im Bergkristallgefäß. Die Kirchenoberen
lassen die Prozession, «Blutritt« genannt, trotzdem stattfinden, benutzt wird
einfach eine Reliquienkopie. Für Finli der Beweis, dass an die Kraft einer
Reliquie einfach nur geglaubt werden muss. Er erhält wegen des Diebstahls
Hausarrest, weil nicht klar ist, ob er schuldfähig ist. Unverdrossen untersucht
er dieses und andere Objekte religiösen Entzückens, findet ein Stück Nabelschnur
von Jesus, die beim Beschneiden überbliebene Vorhaut des Knaben, Milch der
Jungfrau Maria, Holz vom Kreuz auf Golgatha und mehr.
Walser ist ziemlich blasphemisch. Sein kauziger Protagonist wird viele Leute
empören. Wie auch immer, amüsant bleibt es bis zuletzt. Womöglich will Martin
Walser mit der Novelle erst mal testen, wie das Thema ankommt; denn daraus soll
ein Roman entstehen. Der könnte wieder bei Suhrkamp erscheinen, offenkundig will
Walser weg von Rowohlt. Wagemutig ist er ja, das macht das Alter.Die vollständige
Besprechung von Roland Mischke finden Sie unter
Nürnberger
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