1.) - 2.)
Mein Ich und sein
Leben.
Buch von Frank
Goosen (2004, Eichborn).
Besprechung von Jens Dirksen in der NRZ vom 27.2.2004:
Egoskopie
"Mein Ich und sein Leben":
Liegengebliebenes und Oftbelachtes von Frank Goosen.
Das Schönste an Harald Schmidts Kreativpause ist, dass man nicht genau weiß, ob die Kreativität nun eine Pause macht oder die Pause kreativ ist. Es sieht ganz so aus, als ob einige Speerspitzen der Soziokultur zwischen Emscher und Ruhr ebenfalls eine Art Kreativpause eingelegt haben: Während die Missfits mit dem Besten aus zwei Jahrzehnten die Ehrenrunde drehen, serviert Herbert Knebel "Gutes vom Vortach", der nun auch schon 15 Jahre dauert. Und Frank Goosen, der vom Tresenlesen zum Schreibtischschreiben gewechselt ist, sammelt für sein drittes Buch Liegengebliebenes und Oftbelachtes aus den 90er Jahren auf. Ein Remix aus Erzählungen und Glossen: "Mein Ich und sein Leben".
Schon der Fanfaren-Titel kündet von der Rollen- und Selbstdistanz, die Goosen den notorischen Autobiografikern aus der Bohlen-Liga voraus hat. Der Distanzschuss ist eben der Trick eines Komikers, der mit lauter Mitteilungen aus dem ganz normalen Leben hantiert, als seien es Sensationen. Derjenige, den Goosen da Ich sagen lässt, ist nicht nur bei sich, sondern auch am anderen Ende des auf sich selbst gerichteten Mikroskops. Die reinste Egoskopie. Die Welt kommt darin nur als schlecht designtes, aber leidlich bequemes Möbelstück vor, in dem das Ich Platz nimmt. Nur gut, dass es noch die Randfiguren gibt, die nicht ganz bei sich sind: Onkel Theo, der Spätheimkehrer, der mitten im Wirtschaftswunderland Kippen sammelt und Tonnen von Tabak im Keller bunkert. Oder Onkel Hanno, der im Krieg so viel auf die Mütze bekommen hat, dass er dauernd "Strike, Bossa Nova, Strike" brüllt (und dann - huch! - mit der Bohrmaschine 1954 eine ganze Siedlung kurzschließt, kurz bevor Rahn das 3:2 gegen Ungarn macht). Diese schrägen Vögel wenigstens lassen ahnen, dass die Welt Abgründe hat und manches Ich nicht einig ist, weder mit der Welt noch mit sich. Nicht mal in der Pause. (NRZ)
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2.)
Mein Ich und sein
Leben.
Buch von Frank
Goosen (2004, Eichborn).
Besprechung von Frank Schorneck aus dem titel-magazin,
14.3.2004:
Witziger Egotrip
Dass der Bochumer Kabarettist und Autor
Frank Goosen nach gerade einmal zwei Romanen im vergangenen Jahr mit dem
Literaturpreis Ruhrgebiet geehrt wurde, hat auch ihn selbst überrascht. Schließlich
sieht er sein literarisches Schaffen mit Stolz als
"Unterhaltungsliteratur" - und dies erfüllt er auch in seinem neuen
Buch im besten Sinne.
Doch Goosens literarische Karriere scheint voll von Überraschungen zu sein. So war zwar nach dem Ende des überaus erfolgreichen Vortragsduos "Tresenlesen" zu erwarten, dass ein eingeschworener Fankreis das geschriebene Wort Goosens begierig aufnehmen würde, doch dass Liegen lernen - Goosens Erstling - dermaßen gefeiert wurde und eine Verfilmung in kürzester Zeit in die Kinos kam, das war schon außergewöhnlich. Kenner des Kabarettisten Goosen konnten in dem Roman einige Elemente aus früheren Programmen wiedererkennen. Ähnlich bei Pokorny lacht, dem zweiten Roman des Bochumers, in dem er gar einen (mäßig sympathischen) Kabarettisten zum Helden macht.
"Alte Bekannte"
Wer nun glaubt, in seinem dritten Buch werde endlich die Frage beantwortet, ob sich Goosen literarisch vom Kabarett lösen und uns mit neuen Ansätzen überraschen kann, der wird wieder auf ein späteres Buch vertröstet. Die "Komischen Geschichten", so der Untertitel, sind zum größten Teil "alte Bekannte", allerdings zumeist für diese Buchausgabe überarbeitet. So finden sich hier jede Menge Kolumnen, die in kürzerer Form das Ruhrstadtmagazin MARABO schmückten, ein paar Tresenlesen- und Soloprogramm-Höhepunkte sowie ein buntes Sammelsurium weiterer Texte für Hörfunk und Magazine.
Äußerst gelungen ist die Komposition der Texte, die feine Dramaturgie der "Kapitel". Unter der Überschrift "Bevor ich war - Rumba pa ti" finden sich drei Geschichten aus "grauer Vorzeit" im Ruhrgebiet. Da ist der verworfene Anfang eines Romans, die wunderbare "Das Wunder von Bern"-Geschichte "Strike, Bossa Nova, Strike" sowie die dem Programm "Indiskret" entnommene Geschichte der zaghaften Annäherung der Eltern von Goosen in der Bochumer Tanzschule "Bobby Linden".
Der zweite Teil, "Geschichten aus der orangenen Zeit", dürfte der Lieblingsabschnitt eingefleischter Liegen lernen-Fans sein. Erste Annäherungsversuche zwischen Jungen und Mädchen in einer Zeit modischer Entgleisungen, Erlebnisse mit Lehrern, die auch bei Spoerl ein Zuhause gefunden hätten, und alkoholische Exzesse auf Klassenfahrten prägen die Adoleszenz von Goosens literarischem Ich.
Pommesbuden-Erotik und Mohnstreusel-Trip
Im Abschnitt "Das Ich und die anderen - Friends and enemies of Carlotta" wechselt schlagartig der Tonfall. Vor allem in "Herrje" geht der Autor scharfzüngig und doppelbödig den Grundproblemen und -bedürfnissen zwischen Mann und Frau auf die Spur. "Bad Love" hingegen tänzelt unverkennbar in den Fußstapfen von Nick Hornby. Zwischen dem hintergründigen "Misstrauischen Monolog" und der hitzigen Pommesbuden-Erotik in "Heiß und fettig" wirkt die Anekdote zu den Dreharbeiten an Liegen lernen ein wenig fehl am Platz. Den nächsten Block bilden Geschichten über das Leben in Hotels, Erfahrungen auf der Bühne und im Ausland - eingestreut eine Geschichte, die den Begriff Bahnverkehr neu definiert sowie ein Mohnstreusel-Trip auf Borkum.
Zum Ende hin wird der Ton der Stories melancholischer. Unter der poetischen Überschrift "Gedanken beim Abtasten von Häuserwenden" drehen sich eben diese Gedanken zunehmend um Einsamkeit, Leere und Tod. Gerade hier, in Geschichten wie "Nachtlicht" oder vor allem in "Art of dying", zeigt Goosen seine Stärke, humorvoll und leicht dem Leser eine Gänsehaut zu verschaffen. Vor allem der Bogen, den "Art of Dying" zu den locker-leichten Kindheitsgeschichten der ersten Seiten schlägt, lässt diese Geschichtensammlung beinahe wie aus einem Guss wirken, so dass es sich durchaus empfiehlt, dieses Buch - anders als in der Regel Geschichten- oder gar Kolumnensammlungen - nicht häppchenweise, sondern als Ganzes zu genießen.
Und weil Frank Goosens Geschichten gleich noch
mal so gut sind, wenn er sie persönlich vorträgt, erscheint in Kürze auch
noch das von ihm selbst eingelesene Hörbuch auf dem Bochumer Label Roof Records
- ein Muss für alle, die keine Karten für eine Lesung bekommen können.
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