1.)
- 2.)
Meine
Zeit der Trauer.
Roman von Joayce Carol Oates
(2011, S. Fischer - Übertragung Silvia Morawetz).
Besprechung von Peter Pisa aus der Kurier, Wien, 15.10.2011:
Unzertrennlich
Raymond Smith war fast immer bei ihr. Trat sie irgendwo
auf, hielt er Daumen und Händchen, war Stütze, nahm der so zerbrechlich
wirkenden Ehefrau alles ab.
Er war selbst Schriftsteller, vor allem aber Gründer und Verleger einer
Literaturzeitschrift. Ein sehr feiner Mensch dürfte Smith gewesen sein.
Joyce Carol Oates fällt nach der Schreckensnachricht sofort eine schottische
Ballade ein:
Es war einmal ein Schiff ...
Und unser Schiff, es hieß
Die Goldene Nichtigkeit
Dann kommen die verwirrenden Gefühle. Der Ärger über die übliche Frage: "Wie
geht's?" Die Träume. Die Heimatlosigkeit. Die späte Verwunderung darüber, dass
ihr Mann die meisten Romane und Kurzgeschichten von ihr gar nicht gelesen hat -
wieso nicht? Umgekehrt war es genauso.
Denn auch wenn die zwei ständig zusammen waren: Jeder arbeitete bzw. schrieb
acht, neun Stunden am Tag. Da ist man allein.
Joyce Carol Oates hat "Meine Zeit der Trauer" geschrieben,
als es einen "Neuen" gab. Als sie notierte, dass ihr ein "Wiederfinden der Welt"
wenig wahrscheinlich vorkomme, war Joyce Carol Oates - 13 Monate nach Smith' Tod
- bereits mit einem Neurowissenschaftler der Princeton Universität verheiratet.
Hatte "Meine Zeit der Trauer" vielleicht vor allem den Sinn,
Raymond Smith am Leben zu erhalten? In diesem Fall ist es ein zu egoistisches
Buch geworden.
KURIER-Wertung: **** von
****
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2.)
Meine
Zeit der Trauer.
Roman von Joayce Carol Oates
(2011, S. Fischer - Übertragung Silvia Morawetz).
Besprechung von Sibylle Raudies in der WAZ
vom 13.1.2012:
Joyce Carol Oates erzählt von ihrer Zeit der
Trauer
In ihrem Tagebuch verarbeitet die Schriftstellerin
Joyce Carol Oates den tragischen Verlust ihres geliebten Mannes Raymond Smith
und schildert ihren schmerzhaften, aber nicht wehleidigen Weg zurück ins Leben.
Lange hat Joyce Carol Oates öffentlich geschwiegen zum Tod ihres Mannes Raymond Smith, dem Herausgeber des Literaturmagazins Ontario Review. Im Februar 2008 war der 77-Jährige nach Komplikationen bei einer schweren Lungenentzündung gestorben. 47 Jahre waren die beiden Literaten miteinander verheiratet. Erst jetzt hat sich Oates mit „Meine Zeit der Trauer“ ihren Abschiedsschmerz von der Seele geschrieben.
Bei aller Tragik, allem fühlbaren Schmerz hat dieses Tagebuch keinen wehleidigen, klagenden Ton. Es ist mehr ein erstauntes Beschreiben, wie sehr die Welt eine andere ist ohne den geliebten Menschen. An ihrer Seite ist über lange Strecken der Trauerphase ein „echsenartiges Wesen“, das sie runterzieht in den Sumpf der Zweifel am Recht, alleine weiterzuleben. Nur an der Uni bei ihren Studenten fühlt sich die Welt für die Witwe fast normal an. Diesen Teil ihres Lebens hatte sie ohnehin nie mit ihrem Mann geteilt.
Oates denkt in ihrem Trauertagebuch auch über die Beziehung zu ihrem verstorbenen Mann nach. Sein erstes, unveröffentlichtes Manuskript liest sie erst als Witwe. Auch er hatte kaum eines ihrer Werke gelesen. Oates fragt sich, inwieweit das – kinderlose – Paar einander wirklich kannte. Sie öffnet ihr bis dato abgeschirmtes Privatleben schonungslos vor dem Leser.
In allen Phasen ihrer Metamorphose lässt Oates lakonische Selbstironie einfließen, bricht die Dramatik auf. Die Witwe, von der sie oft in der dritten Person spricht, blickt verwundet, traurig und hoffnungslos auf sich und die Welt, sucht kein Mitleid, sondern einen Weg, weiterzuleben.
Und sie findet ihn am Ende. Der erste Schritt ist eine ruhige Nacht mit Schlaf ohne Tabletten, der zweite gar ein neuer Mann, den Oates nur kurz erwähnt. Mittlerweile ist sie mit ihm verheiratet, einen Namen bekommt er im Buch nicht. Und am Ende ihres Witwenbuches benennt sie die wichtigste aller Witwenpflichten. Am ersten Todestag des Mannes zu denken: Ich lebe noch!
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