Meine Zeit, mein Tier, Mandelstam-Biografie von Ralph Dutli, 2003, Ammann1.) - 2.)

Meine Zeit, mein Tier.
Biographie von Ralph Dutli über Ossip Mandelstam (2003, Ammann)
Besprechung von Ulrich M. Schmid in Neue Zürcher Zeitung vom 28.10.2003:

Dichten in der Sowjetnacht
Ralph Dutlis mustergültige Mandelstam-Biografie

Wenn einer berufen ist, eine Biografie von Ossip Mandelstam (1891-1938) zu schreiben, so ist es Ralph Dutli. Vor zwanzig Jahren hatte Dutli begonnen, Ossip Mandelstams Lyrik und Prosa zu übersetzen; im Jahr 2000 war die zehnbändige Gesamtausgabe im Zürcher Ammann-Verlag abgeschlossen. Dutli kennt jede Zeile von Mandelstam, sein feines Ohr hat allen Modulationen des russischen Dichters nachgehorcht. Dutlis Vermittlungsarbeit wurde von einem berühmten Vorgänger vorbereitet: Bereits 1959 hatte Paul Celan in seinen Übertragungen auf Mandelstams weltliterarisches Format aufmerksam gemacht. Allerdings dominiert in diesen Texten oft Celans eigenes lyrisches Temperament - allein schon die Auswahl der übersetzten Gedichte zeigt eine Vorliebe für tragische Themen, die gewiss einen wichtigen Teil von Mandelstams lyrischem Œuvre ausmachen. Celan blendet indes alles aus, was nicht in die elegische Diktion hineinpasst: den albernen, den lebensfrohen, den sinnlichen Mandelstam, der auch Gedichte über Strassenbahnen, Tennis oder Eiscrème verfasste. Celan hat sich Mandelstam konsequent anverwandelt; Spuren des russischen Dichters finden sich denn auch in Celans eigener Lyrik. Dutli geht einen Schritt über Celan hinaus: In seinen Übersetzungen werden alle Facetten von Mandelstams Schaffen für den deutschen Leser erfahrbar: die sprachlichen Klangkompositionen, die kulturphilosophischen Spekulationen, die Vielfalt der poetischen Bilder.

Die tragische Perspektive, die in der Rezeption von Mandelstams lyrischem Werk dominiert, trifft in viel stärkerem Mass auch auf seine Biografie zu. Fortgesetzte Anfeindungen durch die offizielle Sowjetkultur, zwei Verhaftungen, wiederholte Selbstmordversuche, qualvoller Tod in einem Durchgangslager bei Wladiwostok - so heissen die Stationen eines Martyriums, das in der heutigen Wahrnehmung alle anderen Aspekte von Mandelstams Leben zu überschatten droht. Dutli beginnt deshalb seine Mandelstam-Biografie mit einer Darstellung des modernen Orpheus-Mythos, der sich um die Gestalt Mandelstams rankt: Der «reine Sänger» bezwingt den Gott der Unterwelt und stirbt schliesslich selbst den Opfertod.

Dutli beleuchtet diesen Mythos kritisch, er ist aber weit davon entfernt, dem Leiden Mandelstams seinen Respekt zu versagen. Im Gegenteil: Er begreift Mandelstams Verschwinden in der «Sowjetnacht» als Teil einer condition poétique, die konsequent am künstlerischen Ideal einer absoluten Aufrichtigkeit festhält. Schon Joseph Brodsky hatte auf den fatalen Kausalitätsnexus zwischen Leiden und Lyrik hingewiesen, der sich im Bewusstsein der Leser oft einstellt, letztlich aber die künstlerische Autonomie des Dichters entwertet: «Es ist ein grässlicher Trugschluss zu glauben, dass Leiden grössere Kunst hervorbringe. Leiden macht blind, taub, es ruiniert, und oft tötet es. Ossip Mandelstam war bereits vor der Revolution ein grosser Lyriker.»

Auch Dutli weicht allen sentimentalen Zuschreibungen konsequent aus. Er entwirft das Bild eines streitbaren, humorvollen, bisweilen auch naiven Dichters, der sich seines eigenen literarischen Ranges sehr wohl bewusst war. Bezeichnend ist folgendes Beispiel: Mandelstam lebte 1919 in Feodossija auf der revolutionsgeschüttelten Krim und bestritt seinen kärglichen Lebensunterhalt durch Bettelei. In dieser misslichen Lage versammelte er seine potenziellen Mäzene und sagte streng zu ihnen: «Beim Jüngsten Gericht wird man euch fragen, ob ihr den Dichter Mandelstam verstanden habt, und ihr werdet mit Nein antworten. Man wird euch fragen, ob ihr ihn ernährt habt, und wenn ihr mit Ja antwortet, so wird euch vieles verziehen werden.»

Judentum

Ein Leitmotiv in Mandelstams Leben bildet sein schwieriges Verhältnis zum Judentum. Dutli arbeitet die Ambivalenzen von Mandelstams Familiengeschichte präzise heraus: Der Vater stammte aus einem orthodoxen Stetl in Litauen, während die Mutter zur aufgeklärten jüdischen Intelligenz in Wilna gehörte und ganz in der russischen Kultur lebte. Mandelstam wuchs in einem säkularen Umfeld auf und konvertierte 1911 in einem pragmatischen Akt zum Christentum, weil unter Nikolai II. eine Dreiprozentquote für jüdische Studierende an den Universitäten galt. Mandelstam vergass aber seine Wurzeln nie und entwickelte in seinen Essays aus dem Judentum eine umfassende Kulturvision. Mandelstam träumte von einer hellenistisch-jüdisch-christlichen Weltkultur, in der sich die ganze Menschheit aufgehoben fühlt. Das Judentum galt Mandelstam dabei als Keimzelle jener schöpferischen Gestaltungskraft, die alle Materie mit Geist durchdringt.

In zahlreichen Gedichten versuchte Mandelstam, poetische Chiffren für das Judentum zu finden. Dabei spielt das schwarz-gelbe Gebetstuch des Grossvaters aus einer Kindheitserinnerung eine wichtige Rolle - Mandelstam setzte diese Farbkombination später immer wieder als Schuldmetapher ein. Dieses künstlerische Verfahren hat vor dem Hintergrund von Mandelstams Übertritt zum Christentum zu prekären Missverständnissen geführt. Dutli moniert, dass Mandelstam in der «Encyclopedia Iudaica» (1971) und noch im «Neuen Lexikon des Judentums» (2001) als «Repräsentant des jüdischen Selbsthasses» bezeichnet wird: Eine solche Charakterisierung greife viel zu kurz und bleibe blind für die Tatsache, dass Mandelstam in den zwanziger und dreissiger Jahren verschiedentlich bekräftigt habe, er liebe das Judentum und sei auf den «ehrenvollen Titel eines Juden» stolz.

Ossip Mandelstams Biografie endet nicht mit dem physischen Tod des Dichters. Bevor sein lyrisches Werk zu einem Kernbestand der Weltliteratur werden konnte, musste der gültige Text seiner Gedichte gesichert und bewahrt werden. Nadeschda Mandelstam, die Witwe des Dichters, wachte als Hüterin über seinen Nachlass - sie fertigte Abschriften an, versteckte die Kopien an verschiedenen Orten und vertraute sie Freunden zur Aufbewahrung an. Überdies lernte Nadeschda Mandelstam das ganze Korpus von Mandelstams Gedichten auswendig. Auf diese Weise sollte das unzuverlässige Speichermedium Papier durch die unangreifbare Existenz der Texte im Gedächtnis ersetzt werden. Daraus ergab sich allerdings für Nadeschda Mandelstam die Pflicht, die politische Verfolgung zu überleben.

Dieses biografische Projekt war letztlich erfolgreich: Wenige Jahre vor ihrem Tod im Jahr 1980 erlebte Nadeschda Mandelstam die Rückkehr der Gedichte ihres Mannes nach Russland: 1973 erschien ein von der sowjetischen Kulturverwaltung fabrizierter Auswahlband, der in einem tendenziösen Vorwort die offizielle Deutung von Mandelstams Lyrik definierte. Mit keinem Wort wurde aber die politische Verfolgung Mandelstams erwähnt. Erst 1990 konnte in Moskau eine unzensierte zweibändige Mandelstam-Ausgabe publiziert werden; die Auflage von 200 000 Exemplaren war in wenigen Tagen vergriffen. Damit war die Eingliederung von Mandelstams Werk und Biografie in das kollektive Gedächtnis Russlands allerdings noch nicht abgeschlossen. 1998 veröffentlichte die 95-jährige Emma Gerstein ihre Erinnerungen, in denen sie Nadeschda Mandelstam scharf angriff. Gerstein, die in den dreissiger Jahren mit den Mandelstams befreundet war, wandte sich vor allem gegen Nadeschdas erotische Freizügigkeit und beschimpfte sie als «bisexuelle Exhibitionistin» und «schamlose Äffin».

Allerdings wird Gersteins späte Abrechnung den Tatsachen kaum gerecht. Man darf annehmen, dass Gerstein vor allem gegen den schriftstellerischen Erfolg von Nadeschda Mandelstams Memoiren anschrieb. In ihrem einflussreichen «Jahrhundert der Wölfe» hatte Nadeschda nicht nur das Zusammenleben mit Ossip Mandelstam in einfühlsamen Worten geschildert, sondern gleichzeitig eine hellsichtige Analyse des totalitären Staats gegeben, der eifersüchtig über sein Monopol auf die Deutung der Wirklichkeit wachte. Emma Gerstein wusste, warum sie ihre Gegendarstellung zu Nadeschda Mandelstams Sicht der Dinge erst 1998 veröffentlichte: Am Ende des 20. Jahrhunderts war kein Zeitzeuge mehr am Leben, der diese letzte biografische Version hätte korrigieren können. Der umfassende Publikumserfolg von Gersteins Memoiren zeigt aber in aller Deutlichkeit, wie präsent die Persönlichkeit Mandelstams in der heutigen russischen Kultur ist.

Biografie als Effekt der Lyrik

Ralph Dutlis Mandelstam-Buch darf nicht nur wegen der Ausgewogenheit der Darstellung als mustergültige Dichterbiografie gelten. Dutli bleibt nie in den biografischen Details stecken, er verweist den literarischen Klatsch in die gebotenen Grenzen und räumt der Lyrik breiten Raum ein. Mandelstams Leben wird dadurch als eine Folge, nicht als Ursache seines Schreibens erkennbar. Immer wieder weist Dutli auf Mandelstams exklusive Befähigung zum Dichtertum hin, das in seiner übermächtigen Wirkungskraft alle anderen Lebenskompetenzen verdrängte. Mandelstam lebte von der Hand in den Mund; er blieb zeitlebens ohne feste Wohnung und behielt keine Anstellung länger als ein paar Monate. Es gibt nicht viele Fotodokumente von Ossip Mandelstams unstetem Lebensweg. Dutli präsentiert in seinem Buch aber einige Aufnahmen, die man sonst nicht kennt. Unter den Trouvaillen befinden sich eine Aufnahme des dreijährigen Mandelstam in Pawlowsk, ein Gruppenbild aus Armenien und ein Porträt aus der Verbannung in Woronesch. Aus dem Zusammenspiel von biografischer Erzählung, subtiler Deutung der Gedichte und fotografischem Bildmaterial entsteht in Dutlis Buch das Lebensbild eines Dichters, der die Ausdrucksmöglichkeiten der Lyrik im 20. Jahrhundert entscheidend erweitert hat.

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Leseprobe I Buchbestellung 0305 LYRIKwelt © NZZ

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Meine Zeit, mein Tier, Mandelstam-Biografie von Ralph Dutli, 2003, Ammann2.)

Meine Zeit, mein Tier.
Biographie von Ralph Dutli über Ossip Mandelstam (2003, Ammann)

Besprechung von Renate Wiggershaus in der Frankfurter Rundschau, 26.11.2003:

Im Jahrhundert der Wölfe
Woher nur nahm Ossip Mandelstam seinen Witz? Ralph Dutlis einfühlsame Biographie sucht die Antwort

Wohl kaum ein Schriftsteller des 20. Jahrhunderts hat so viel Menschenverachtung, so viel Leid und Grauen erfahren, ohne seinen Wagemut, seine geistige Heiterkeit und visionäre Klarsicht zu verlieren, wie der russische Dichter Ossip Mandelstam. Es sind diese ans Wunderbare grenzenden Facetten seines Wesens, die der Russist und Mandelstam-Kenner Ralph Dutli in seiner so einfühlsamen wie präzisen Mandelstam-Biographie immer wieder aufscheinen lässt. Woher nahm der Dichter seine intensive Lebensfreude, seinen Witz und Humor, seine Gabe, noch in verzweifelten Situationen - bespitzelt und isoliert - seine Depressionen zu überwinden und offen zu sein für Augenblicke des Glücks: für die "Wolkenpracht" des Himmels, für Signacs "Sonne aus Mais" oder den "Chor" der schwarzerdigen Schollen, die ihm in der Verbannung zur "Freiheitserde" wurden, deren "schwarzberedtes Schweigen" die Hoffnung ausdrückt, dass das gedichtete Wort den Chronisten überleben wird?

Dutli schildert Ossip Mandelstam als einen Menschen voll scheinbarer Widersprüche: ein Weltbürger und Europäer, der sich Orten und Regionen wie etwa Petersburg, der Stadt seiner Kindheit und Jugend, oder Armenien, dem er einen ganzen Band mit Lyrik und Prosa widmete, oder der Krim, seinem "geliebten Ausblick auf den Mittelmeerraum", zutiefst verbunden fühlte und der gleichzeitig ein Leben in nomadisierender Unabhängigkeit führte. Marina Zwetajewa sprach 1916, als sie eine leidenschaftliche Beziehung zu dem 25-Jährigen hatte, von Mandelstams wehmütiger "Sehnsucht nach dem Heim, das er immerzu floh". Später allerdings wurden aus Mandelstams von geistiger Unruhe diktierten Aufbrüchen erzwungene Fluchten vor politischem Terror, wurde er im eigenen Land zu einem Ausgestoßenen, Unbehausten.

Auf den ersten Blick widersprüchlich erscheinen auch seine geistesgeschichtliche Verwurzelung im Russischen wie im Hellenistisch-Römischen, seine Zugehörigkeit zum Judentum - er wurde 1891 als erster Sohn einer assimilierten jüdischen Familie im damals zaristischen Warschau geboren - und seine Verbundenheit mit dem Christentum. Um nach Studienaufenthalten in Paris und Heidelberg an der Petersburger Universität studieren zu können, ließ er sich taufen. In der christlichen Kunst entdeckte er eine "lichtvolle innere Freiheit". Die sah er bedroht, als deutsche Soldaten 1914 die gotische Kathedrale von Reims zerstörten. Im letzten Vers eines frühen Antikriegsgedichtes verleiht er dem gotischen Dom zu Köln Stimme: "Was habt in Reims ihr meinem Bruder angetan!" Ein Jahr zuvor hatte er ebenso entschieden den verleumdeten Juden Mendel Bejlis gegen die antisemitischen Ausfälle des futuristischen Dichters Welimir Chlebnikow in Schutz genommen und Chlebnikow mit den Worten zum Duell aufgefordert: "Ich fühle mich als Jude und als Russe beleidigt" - denselben Chlebnikow übrigens, dem er neun Jahre später trotz eigener Not beistand, als jener obdachlos, verkannt und hungernd um Hilfe bat. Solche Verhaltensweisen waren für Mandelstam vereinbar dank seiner Weltzugewandtheit, seiner Großzügigkeit, seiner Bereitschaft zur Versöhnung.

Doch für solche Kultiviertheit waren die Zeiten alles andere als günstig. Bereits die Oktoberrevolution 1917 hatte ein fatales Resultat: Nicht das Proletariat, in dessen Namen die Demokratie erkämpft werden sollte, übernahm die Macht, sondern die bolschewistische Partei. In einem Anna Achmatowa gewidmeten Gedicht sprach Mandelstam von einem "Sieg mit abgeschnittenen Händen". Mit ihr, der lebenslangen, vertrauten Gesprächspartnerin und ihrem ersten Mann, Nikolaj Gumiljow, verband ihn die Zugehörigkeit zur Gruppe der Akmeisten.

Der Akmeismus, den er 1933 im Rückblick als "Sehnsucht nach Weltkultur" definierte, war eine literarische Bewegung, die den "Spielereien der Futuristen" und der mystischen Jenseitigkeit des russischen Symbolismus Wirklichkeitsnähe und Dinghaftigkeit der Sprache entgegenstellte und Kunst als lebendiges Gedächtnis begriff. Im Akme Verlag war 1913 Mandelstams erster Lyrikband mit dem anagrammatischen Titel Kamen ("Stein") erschienen. "Der Stein", heißt es in Mandelstams Essay über den Akmeismus, "wird unter den Händen des Baumeisters zur Substanz". Zur Parole der Bolschewiki aber wurde: "Mit eiserner Hand werden wir die Menschen ins Glück jagen." Die Schaffung der Geheimpolizei Tscheka mit dem Auftrag, "alle Konterrevolutionäre" zu vernichten, wurde Ausgangspunkt eines entfesselten Terrors. Wie reagierte Mandelstam auf diese Angst und Schrecken erregende Entwicklung? Zum einen mischte er sich ein. Kühn, aber vergeblich, als er beim Tscheka-Vorsitzenden Dserschinsky selber vorsprach; erfolgreich, als er den Komintern-Vorsitzenden Nikolaj Bucharin um die Freilassung seines inhaftierten Bruders oder die Verschonung fünf älterer Bankangestellter bat, die zur Abschreckung erschossen werden sollten. Der einflussreiche Bucharin half Mandelstam immer wieder in fast ausweglosen Situationen, bis er selber verhaftet, gefoltert und im dritten großen Schauprozess 1938 zum Tode verurteilt wurde.

Zum anderen: Mandelstam beobachtete genau. Er begriff, dass die Zwangsausweisung von Intellektuellen, die Errichtung eines Lagers schon zu Lenins Zeiten Vorboten für Schlimmeres waren. Den Vorsatz zu emigrieren gab er auf, als sein Freund Gumiljow 1921 als "Konterrevolutionär" erschossen wurde. Er glaubte, "seinem Schicksal nicht entgehen" zu können. Mehr oder weniger verborgen nistet das Grauen in seinen Gedichten. Von Untergang, Sterbezeit, Nachtschwärze, dem Verschwinden der Sonne ist die Rede. Immer seltener wurden seine Texte abgedruckt. Was der Zensurbehörde nicht passte, wurde von ihr einfach passend gemacht. Aus dem Satz "Die Kultur ist zur Kirche geworden" wurde "Die Kultur ist zum Heerlager geworden". Viele Gedichte, wie das berühmte vom "Wolfshund-Jahrhundert", trug Mandelstam nur noch vertrauenswürdigen Freunden vor. Trost, Ermutigung fand er in den tragischen Zeiten abgetrotzten Werken von Ovid, dem ans Schwarzmeer verbannten Römer, oder von Dante, dem zum Tode Verurteilten. "Das Gestern ist noch gar nicht geboren", schrieb er in dem Essay "Das Wort und die Kultur". "Mich verlangt es nach Ovid und Puschkin." Und in einer Prosaskizze: "Unsere Klassiker sind ein Pulverkeller, der noch nicht explodiert ist." Als jedoch die Verhältnisse immer unerträglicher wurden, Deportationen und Liquidierungen, Zwangskollektivierung und "Entkulakisierung" millionenfaches Leid bewirkten, bäumte sich alles in ihm auf. Sein Ehrgefühl, seine moralische Integrität, sein rebellischer Humanismus diktierten ihm das "Epigramm gegen Stalin", indem er den Diktator einen "Seelenverderber" und "Bauernabschlächter" nannte, seine Marionetten "schmalhalsige Brut". Mandelstam wurde denunziert, verhaftet, in dem berüchtigten Lubjanka-Gefängnis verhört und - wie seine Frau Nadeschda in ihrem großen Memoirenwerk Das Jahrhundert der Wölfe betont - "wunderbarerweise" nicht hingerichtet, sondern verbannt. "Isolieren, aber erhalten" hieß die Devise kurz vor dem ersten, von der Weltöffentlichkeit beobachteten sowjetischen Schriftstellerkongress.

Trotz Armut, Krankheit, Wohnungsnot, Depressionen entstanden in der Verbannung von Woreschnew noch einmal mehr als hundert Gedichte voller Musikalität - hellhörig und hellsichtig, rätselhaft lebensfroh und außerordentlich schön. Mandelstam war sich klar, dass es sich nur um einen Aufschub handelte: "Wir werden sterben wie das Fußvolk stirbt / Doch nicht ein Lobeswort für Raub und Unfreiheit und Lüge." Er wurde erneut verhaftet und zu fünf Jahren Arbeitslager verurteilt. Am 27. September 1938 starb er im eisigen Inferno eines Transitlagers bei Wladiwostock.

Ralph Dutli stellt Leben und Werk dieses - neben Achmatowa, Pasternak und Zwetajewa - zu den größten russischen Dichtern des 20. Jahrhunderts zählenden Mannes mit viel Empathie, dabei nüchtern und kenntnisreich dar. Seine Quellen sind neben Mandelstams Werk und Briefen vor allem das unschätzbare autobiographische Werk der heroischen Nadeschda Mandelstam, ferner Dichtungen und Tagebuchaufzeichnungen von Zeitgenossen, essayistische Arbeiten von Joseph Brodsky, Pier Paolo Pasolini, Philippe Jaccottet und Mandelstams erstem Übersetzer Paul Celan, schließlich in den Archiven des KGB lagernde Verhörprotokolle und Untersuchungsdossiers, die erstmals 1991 zur Zeit von Gorbatschows Glasnost-Politik gesichtet und veröffentlicht wurden.

"Nur einen Leser möchte ich! Einen Helfer! Arzt! Auf Dornentreppen: ein Gespräch! Was gäb ich her..." endet eines der späten, in der Verbannung entstandenen Gedichte Mandelstams. Dutlis Biographie und das von ihm übersetzte und herausgegebene Werk des Dichters laden dazu ein, zum Leser und Gesprächspartner eines der kühnsten und menschenfreundlichsten Dichter des mörderischen zwanzigsten Jahrhunderts zu werden.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.fr-aktuell.de]

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