1.) - 2.)
Meines
Helden Platz.
Roman von Lajos
Parti Nagy (2005, Luchterhand - Übertragung Terézia
Mora).
Besprechung von Jörg Plath in der Frankfurter Rundschau, 10.8.2005:
Der Arturo Ui der Vögel
Größenwahn zwischen Stammtisch und
Weltherrschaft: Lajos Parti Nagys glänzende Parabel auf totalitäre Systeme
Als Lajos Parti Nagy vor vier Jahren mit einem
Stipendium in Berlin lebte, wurde er bei den wenigen Lesungen stets als
ungarischer Lyriker, Prosaist, Dramatiker und Feuilletonist mit einem
unglaublichen, einem stupenden Sprachwitz vorgestellt - und als die Zuhörer die
Werke dieses einzigartigen Künstlers endlich kennen lernen wollten, hieß es süffisant:
Aus eben diesem Grund sei Nagy, ein etwas untersetzter Mann mit einem kantigem
Gesicht unter strubbeligem Haupthaar, unübersetzbar. Eigentlich jedenfalls.
Dann las der 1953 geborene Autor immerhin einige wenige Gedichte aus dem
viersprachigen Band europink (1999), und deren Übertragungen machten, so
vorläufig sie auch sein sollten, außerordentlich neugierig. Doch es blieb bei
Kostproben.
Nun ist endlich mehr von Lajos Parti Nagy auf Deutsch zu lesen, noch dazu ein
Roman, der die eminenten Fähigkeiten des Autors dank der blendenden Übertragung
von Terézia Mora nicht
nur erahnen lässt. Meines Helden Platz ist ein Stück aus dem Tollhaus
des politischen Fanatismus, er bietet brillante Rollenprosa eines Größenwahnsinnigen
zwischen Stammtisch und Weltherrschaft und entpuppt sich am Ende als ein
Experiment aus dem Labor der Postmoderne.
Siegeszug faschistischer Tauben
Alle drei Aspekte tragen auf ihre Weise zu einer atemlosen Lektüre bei, bei der einem das Lachen regelmäßig im Hals stecken bleibt. Spannender und beängstigender ist noch nie vom Siegeszug einer faschistischen Bewegung erzählt worden. Freilich gibt es auch wenige Bücher, in denen die wichtigsten Protagonisten Tauben sind, die sich über alle Maßen aufplustern.Stalins gefiederter Wiedergänger
Dieser gefiederte Wiedergänger von Hitler, Stalin und einigen weniger bekannten Diktatoren rückt seinem menschlichen Nachbarn so sehr auf den Leib, dass der Schriftsteller in eine andere Wohnung flieht. In diesem Versteck erhält er im zweiten Romanteil überraschenderweise E-Mails von einer Figur aus einer seiner Erzählungen, die ihm äußerlich gleicht. Sie berichtet in den heimlich abgesandten elektronischen Briefen, dass sie in den Händen von Tubitza sei, der ihr Flügel transplantiert habe.[...diese und weitere Besprechungen
finden Sie unter
]
Leseprobe I Buchbestellung I home 0805 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau
***
2.)
Meines
Helden Platz.
Roman von Lajos
Parti Nagy (2005, Luchterhand - Übertragung Terézia
Mora).
Besprechung von Raoul Löbbert aus Rheinischer
Merkur, 22.09.2005:
Lajos Parti
Nagy überzeugt mit einer Parabel gegen den Totalitarismus
Wenn Tauben
Menschen wären
Der erste Satz ist der Akkord, der den Roman zum Klingen bringt: „Vor wenigen Minuten sind tausend weiße Vorschüler vom Heldenplatz in die Luft geschossen worden.“ Die Vorschüler, Programmpunkt der Feierlichkeiten zur Ausrufung der Welttaubenherrschaft, verschwinden zwischen „bauchigen Wolken“, um dann herunterzufallen, „der eine schneller, der andere langsamer, je nachdem, ob sich ein Engelsfallschirm geöffnet hat oder nicht.“
Lajos Parti Nagys Roman „Meines Helden Platz“, von Terézia Mora kongenial aus dem Ungarischen übersetzt, ist eine aberwitzige Farce auf das Entstehen und Funktionieren totalitärer Systeme. Mit der Konventionalität von Orwells „Animal Farm“ – der Vergleich drängt sich bei dem Sujet Tiere, Parabel, Totalitarismus unweigerlich auf – hat „Meines Helden Platz“ wenig gemein. Viel jedoch mit der Düsternis Kafkascher Parabeln und den skurrilen Satiren eines Jonathan Swift.
Tauben und Weltherrschaft? Im Grunde keine Überraschung. Tauben sind unzählig, überall und lassen gerne aus der Luft etwas fallen, was der Mensch dann vom Sakko wischen darf. Eine Kriegserklärung. Sie sind eine „Paria-Kultur“, wie Nagy es in einem Interview formulierte, „halb Haustier“ und „halb unterdrückt“. „Aber in dem Roman geht es ja sowieso nicht um Tauben.“
Ganz recht: Es geht um die in allen Diktaturen gleichen Sprachversatzstücke, um den unfreiwillig komischen „Reiner Weizen“-Kampfgruß des Rassenführerpräsidenten Cäsar Tubitza, die „Mimimi“-Hymne, die „Herrentierchen“, das Gefasel von der „ethisch homogenen Kollergesellschaft“. „Es geht darum“, so Nagy, „dass die Sprache den zur Macht strebenden Menschen entartet, demaskiert. Der in seiner eigenen Unsicherheit immer etwas Größeres sagen will, als in seinen Mund passt.“ Der Machtmensch als lächerliches Geflügel, zum Schreien komisch und gefährlich. Dem Leser bleibt das Lachen im Halse stecken.
Die Sprache enttarnt Obertäuberich Cäsar Tubitza als revolutionäre Knallcharge, seine der Rassenschande niemals abgeneigte Gattin Renzilein als First-Lady-Parodie. Der Held des Buches trägt den obskuren Namen „Mein Held“ und ist eine gespaltene Persönlichkeit, ein Ich-Erzähler, der dem „dichterischen Nervenfieber“ eines anderen Schriftsteller-Ichs entsprang, „Kapierst du das?“, fragt das Schriftsteller-Ich. Nein? – „Von jetzt an werde ich du sein in diesem zu allem fähigen Bestiarium.“ Immer noch nicht? – Stellen Sie sich ein Vexierbild vor, auf dem Sie mehrere versteckte Figuren, Identitäten suchen müssen. Jede ist ein Teil des Bildes, ein Teil von dem, der das Bild malte, und ein Teil desjenigen, der das Bild betrachtet. Sie alle sind Sie, und Sie sind nichts – wie „Mein Held“. Oder: Jeder kann zu einem solchen Nichts werden, auch wenn er es selbst jetzt noch nicht glauben kann.
„Mein Held“ ist Tubitza ausgeliefert. Der quält und erniedrigt ihn, will ihn zur Taube machen.Tubitza transplantiert „Meinem Helden“ Federn auf den „Podex“, damit er wird, was er selbst nicht ist, größer als er selbst, ein Taube-Mensch-Hybrid, Begründer einer neuen, überlegenen Rasse. Ein mitleidloser Versuch mit einem Mitleid erregenden Resultat, das fürs Ausstopfen zu hässlich und für die Exekution im Fahrstuhlschacht zu schade ist. Aus seinem Krankenbett schickt der Klumpen Fleisch mit Federn, der „Mein Held“ war, E-Mails, Hilferufe, an das Schriftsteller-Ich, das „Meinen Helden“ erfand und sich in seiner Wohnung verbarrikadiert hat, um nicht sehen zu müssen, wie die Krallenkreuzer – eine Anspielung auf die faschistische Bewegung der „Pfeilkreuzler“ in Ungarn – auf der Straße paradieren.
Mehr noch als die Schmerzen wütet in „Mein Held“ der Wunsch, Rache an Cäsar Tubitza zu nehmen. „Rache ist eine Handlung, die man begehen möchte, wenn und weil man machtlos ist“, schrieb George Orwell. Aus dem Wunsch nach Rache entsteht der Wille zur Macht. Das „Reiner Weizen“ kommt „Meinem Helden nun immer leichter von den Lippen. Er lernt, im Formationsflug zu fliegen, wird Tubitzas Adlatus und findet sich in der Macht zurecht, die weich und warm ist wie ein Federkissen. Er bedient sich ihrer, obwohl sie ihn unterdrückt, um selbst an die Macht zu kommen. Währenddessen schreibt „Mein Held“ weiterhin E-Mails an sein Alter Ego. Es sind keine Hilferufe mehr, sondern Drohungen.
Bei den Feiern zum Erringen der Welttaubenherrschaft wagt „Mein Held“ den Putsch und fegt Tubitza vor laufenden Fernsehkameras von der Bühne. „Mein Held“ ist am Ziel: an der Macht. Sein anderes Ich sitzt derweil ungläubig vor dem Fernseher. Es stört. Der Fahrstuhlschacht wartet auf ihn. Vorher werden noch tausend Vorschüler in die Luft geschossen. Bei manchen geht der Engelsfallschirm auf, bei manchen nicht. Große Kunst, bizarrschön, genial.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.merkur.de]
Leseprobe I Buchbestellung 0905 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © R.L./Rheinischer Merkur