1.)
- 4.)
Meine
Preise.
Prosa von
Thomas Bernhard (2008,
Suhrkamp).
Besprechung von Ronald Pohl aus Der Standard, Wien vom
13.1.2009:
Es gab - mit Blick auf die vielen Literaturpreise, die ihm während der 1960er und 1970er-Jahre wie selbstverständlich zugesprochen wurden - keinen undankbareren Preisempfänger als Thomas Bernhard. Ganz gleich, welche Institution sich bemühte, ihn für seine unvergleichliche Literatur mit einem Preis zu bedenken: Sie musste mit Proben seiner nachlässigen, ja geradezu gehässigen Ablehnung rechnen. Bernhard ging mit denjenigen am härtesten ins Gericht, die ihm Gutes tun wollten.
Was aber wäre aus Thomas Bernhard (1931-1998) geworden, wenn ihn die von ihm so sehr gering geschätzten Institutionen tatsächlich mit Nichtbeachtung gestraft hätten? Bernhard, so ist es in den um 1980 verfassten Prosastücken von Meine Preise faszinierend nachzulesen, genoss die ihm zuteil werdende Anerkennung durch Preisstifter durchaus.
So kaufte er sich für die Entgegennahme des "Grillparzerpreises" 1971 einen (natürlich zu engen) Anzug bei "Sir Anthony" am Wiener Kohlmarkt. Geschäfte wie den besagten, durchaus kostspieligen Salon kennt der "Parvenü" vom Sockenerwerb. Es sind diese Irrtümer bei der Kleidergröße, die vielleicht die Essenz von Bernhards lebenslangem Auszeichnungsüberdruss ausmachen.
Niemand, der einen Preis auslobt, kann damit rechnen, Bernhards Größe auch nur annähernd gerecht zu werden. Bernhard bleibt sich selbst die schlechthin inkommensurable, die unersetzbare Konstante: Er ist derjenige, der er ist. Literatur, wie sie Bernhard schreibt, ist für ihn selbst voraussetzunglos. Es gibt für ihn als Meteoriten keine Herkunft: keinen Ursprung, keinen Begnadungskontext. Sieht man womöglich von der Litanei des weggelegten Kindes ab, das sich - nach Absolvierung einer Salzburger Kaufmannslehre - als Literaturproduzent im alpenvorländischen Lodenmantel grandios neu zu erfinden verstand.
Auf engstem Raum werden in Meine Preise Bernhards Triumph und Elend als das sichtbar, was sie sind: Seiten ein- und derselben, jeweils verführerisch funkelnden Medaille. Der Autor Thomas Bernhard, dieser Verfertiger nicht enden wollender Litaneien über Tod und schwer erträgliches Lebensleid, ist sozial nicht vermittelbar. Er entspringt "naturgemäß" einem Boden, der diffus bäuerlich riecht und notdürftig weltkleinstädtisch wirkt.
In dieser nach Düngemitteln riechenden Voraussetzungslosigkeit - die Bernhard der Zweiten Republik später gnadenlos zum Vorwurf machen sollte! - liegt sein wahrer Triumph: Er, der einst missachtete Bierfahrer und geschmähte Lokalreporter im Salzburgischen, kann einen Kulturminister wie den wackeren Theodor Piffl-Perèević (VP) 1968 anlässlich der Überreichung des "kleinen" Österreichischen Staatspreises für Literatur tatsächlich bis zur Weißglut reizen.
"Stumpfsinn und Heuchelei" , weiß Bernhard, der als Dankesredner ein paar Sätze über die "Lächerlichkeit" zusammengeklaubt hat, behaglich zu konstatieren. Und der Weltautor kartet viele Jahre später erbarmungslos nach: Es mag immerhin so gewesen sein, dass Piffl-Perèević "etwas von steirischen Kälbern und Kühen und von obersteirischen Schweinen und untersteirischen Mistbeeten" verstanden habe.
Er, Bernhard, weiß es besser. Er verwendet zwar die erhaltenen Preisgelder für die Anzahlung von Vierkanthöfen und für das Einsetzen neuer Fensterkreuze. Aber er sitzt, als Weltautor in Schlagdistanz zum Weltgeist, am längeren Prosaast. Er sagt: "Es ist alles lächerlich, wenn man an den Tod denkt." Und der Tod ist ein Meister in kursiv gestellten Lettern. Bernhard, der seine Dankesreden am Frühstückstisch unkonzentriert zusammenzustellen pflegte, brauchte in Wahrheit keinen Zuspruch durch solche, die ihn auszuzeichnen wünschten.
Mit Meine Preise ist ein ergötzlich lesbarer Band dieses eigensüchtigen Riesen doch noch greifbar geworden - die schlankesten Bernhard-Sätze, gemünzt auf sein eigenes, lebenslanges Dilemma: "Ich bin geldgierig, ich bin charakterlos, ich bin selbst ein Schwein".
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2.)
Meine
Preise.
Prosa von
Thomas Bernhard (2008,
Suhrkamp).
Besprechung von Jens Dirksen in der NRZ vom 22.1.2009:
Wer einmal an einer Literaturpreisverleihung teilgenommen
hat, gehört einerseits zu den verschwindend kleinen Minderheiten in diesem Land.
Weiß aber andererseits, wieviel Dramatisches, Trauriges, Spannungsgeladenes und
Entlarvendes es zu erzählen gibt von derlei Versuchen, einer grundsätzlich
randständigen Existenz- und Äußerungsform wie der Literatur Öffentlichkeit,
Aufmerksamkeit, ja Scheinwerfer zu schenken. Stolpernde Dichter, holpernde
Bürgermeister, selbstbesoffene Lobredner und weinselige Orchester – man könnte
glatt einen ganzen Roman auf eine Literaturpreisverleihung zulaufen lassen oder
darum herum spielen.
Schnell noch einen Anzug gekauft – und umgetauscht
Thomas Bernhard, der diverse Male zu den Hauptbetroffenen solcher
Veranstaltungen gehörte, aber auch zu den raren Schriftstellern, die gleich
mehrmals in ihrem Leben einen Literaturpreis dankend abgelehnt haben, ließ es
bei kurzen Texten bewenden. Als er den
Grillparzer-Preis bekommen sollte, kaufte er sich kurz vorher in Wien einen
neuen Anzug, den er hinterher wieder umtauschte – weshalb anschließend irgendwer
im Anzug eines Grillparzerpreisträgers durch Wien spaziert ist. Dafür wurde
Bernhard vor der Preisverleihung so wenig beachtet, dass man ihn zum Festakt aus
den Publikums-Sitzreihen herausholen musste.
Beim Bremer Literaturpreis fiel ihm so lange nichts für eine Dankesrede ein, bis
er eine halbe Stunde vorher aus dem Satz „Mit der Kälte nimmt die Klarheit zu"
eine kurze Ansprache entwickelte, die kürzeste, die je zum Bremer Literaturpreis
gehalten wurde. Von der Ansprache des Lobredners über sein 1963 erschienenes
Prosadebüt „Frost" verstand Bernhard kein Wort, dafür pumpte ihn draußen vor der
Tür dann der Lektor an, der „Frost" angenommen hatte und nun plötzlich 5000 Mark
brauchte.
Richtig glücklich war Bernhard folgerichtig nur über seinen ersten Preis, den
Julius-Campe-Preis, den er sich 1964 mit Gisela
Elsner und Hubert Fichte teilen
musste, weil die Jury sich auf einen einzigen Kandidaten nicht einigen konnte.
Danach wusste er, was ihn bei derlei Gelegenheiten erwartete.
All das liest sich in der schäumenden und schnaubenden Prosa Thomas Bernhards recht bärbeißig amüsant. Und doch bleibt zu fragen, ob man wegen dieser eher nebensächlichen, vor allem biografisch interessanten Texte gegen das testamentarische Verbot des vor fast genau 20 Jahren gestorbenen Großschimpfers verstoßen musste. Bernhard wollte bekanntlich keinen einzigen Text aus seinem Nachlass publiziert wissen – sicherlich auch, um dem Bild des streng und bös auf dem Richtigen und Wahren beharrenden Fundamentalskeptikers eine allerletzte Rundung zu geben. Das, was jetzt unter dem Titel „Meine Preise" zu lesen ist, spricht eher dafür, dass Bernhard seine relevanten Texte zu Lebzeiten veröffentlicht hat. (NRZ)
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3.)
Meine
Preise.
Prosa von
Thomas Bernhard (2008,
Suhrkamp).
Besprechung von Helmut Schönauer,
23.01.2009:
Meine Preise
Preise scheinen eine eigene Literaturgattung zu sein. Mittlerweile gibt es allein im deutschsprachigen Raum einige Tausend Preise, die mehr oder weniger regelmäßig vergeben werden. Preise haben vor allem zwei Nutznießer: die Juroren, die eine wie immer geartete Kompetenz herausstreichen dürfen und dabei noch eine Jause oder ein kleines Honorar kriegen, und die Preisträger, die durch den Preis zu etwas Geld und einer Zeile für den Grabstein kommen. Dem Publikum ist der Preis ziemlich egal, die Dichter sollen dichten und nicht herum preisen!
Thomas Bernhard hat in den sechziger Jahren so allerhand Preise bekommen. Voller Süffisanz und Ekel schreibt er über diese heiligen Kühe die da heißen: Grillparzer-Preis, Franz-Theodor-Csokor-Preis, Literaturpreis der Wirtschaftskammer, Büchner-Preis.
Die Erfahrungen sind immer die gleichen: Ekel, dass man diesen Preis entgegennehmen muss, völlig debiles Ambiente bei der Preisübergabe und anschließend Scheck, mit dem sich ein Stück Leben bewältigen lässt.
Thomas Bernhard erzählt voller Schalk, was er sich mit den Preisgeldern jeweils gekauft hat, einmal eine Ruine, die er später zu einem Bauernhof ausgebaut hat, einmal ein Sportauto, mit dem er in Jugoslawien prompt einen Totalschaden gebaut hat. Und der Preis für diesen Preis war immer der Höchste: Anzug kaufen, Rede vorbereiten. Beides hat der Autor immer am letzten Abdruck erledigt, auf dem Weg zur Preisverleihung schlüpfte er noch schnell in einen unpassenden Anzug, während er bei der Rede oft nur einen Satz wusste und ein paar Notizen vorlas.
Natürlich sind die Erzählungen über die Preise höchste Literatur, die gerade wegen der schlichten Übertreibung genau auf die Preis-Realität abzielt.
„Wenn mich die Leute fragten, wer denn diesen sogenannten Großen Staatspreis schon bekommen habe, sagte ich jedesmal, lauter Arschlöcher und wenn sie mich fragten, wie denn diese Arschlöcher hießen, so nannte ich ihnen eine Reihe von Arschlöchern, die ihnen alle unbekannt waren, nur mir waren diese Arschlöcher bekannt.“ (71)
In dieser Tonart werden die Preise abgehandelt und beim Leser entsteht die größte Fröhlichkeit. Was man schon längst vermutet hat, ist hier wirklich schwarz auf weiß aufgeschrieben.
Uns Leser ermuntert dieses orgiastische Anti-Preis-Buch, denn es ist nicht einzusehen, warum gerade die Schriftsteller von einem Preis zum andern hecheln müssen und dabei die letzte Glaubwürdigkeit verlieren. Man stelle sich vor, die Lokführer wären so preisgeil. Du stehst am Bahnhof und willst wissen, wo der Zug hinfährt, stattdessen geben sie über Lautsprecher durch, was der Lokführer alles gewonnen hat. Das wäre zum Kotzen. In der Literatur ist das aber die Wirklichkeit.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.schoenhauer-literatur.com]
Leseprobe I Buchbestellung 0209 LYRIKwelt © Helmuth Schönhauer
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4.)
Meine
Preise.
Prosa von
Thomas Bernhard (2008,
Suhrkamp).
Besprechung von Bernd Berke in der Westf.
Rundschau, 25.02.2009:
Literaturpreise sind doch eine wunderbare Sache, sie bedeuten
etwas Ruhm und Geld für den Autor, der sonst vielleicht arm und unbeachtet
geblieben wäre. Solche Gaben können aber auch Zorn erregen.
Beispielsweise bei Thomas Bernhard, der ohnehin als schimpfwütiger Rohrspatz der
Literatur kaum zu übertreffen war. Aus seinem Nachlass liegt jetzt der schmale,
aber ergiebige Band „Meine Preise" vor, in dem der unbequeme Österreicher einige
seiner Auszeichnungen durch den Wolf dreht.
Gelegentlich grinst einen hier das ganze absurde Elend des Literaturbetriebs
zwischen Streichquartett und blödsinnigen Festreden an. Ein bilanzierendes
Bernhard-Zitat lässt den ewigen Zwiespalt ahnen: „Ich haßte die Zeremonien, aber
ich machte sie mit, ich haßte die Preisgeber, aber ich nahm ihre Geldsummen an."
Welch eine lästige, stocksteife Notwendigkeit also. Hinfahren, abholen und alles
andere vergessen. Das wäre wohl ratsam.
So kennt man ihn: Thomas Bernhard ist zutiefst beleidigt, wenn er einen Preis n
i c h t kriegt – und er ist oft stinksauer, wenn er dann einen bekommt.
Eigentlich kein Wunder. Denn tatsächlich kann er hanebüchene Szenen schildern:
Da wird er von einem ahnungslosen Laudator mit der gleichzeitig geehrten
Preisträgerin verwechselt („Frau Bernhard") und korrigiert sich auch hernach
nicht mehr. Oder: Der Autor, der mal wieder in Begleitung seiner Tante
erschienen ist, wird von der versammelten Festgemeinde im Saale gleich gänzlich
übersehen und irgendwo hinten in Reihe soundsoviel platziert. Man kennt den
Dichter überhaupt nicht, mit dem man sich schmückt.
Thomas Bernhard rächt sich nicht zuletzt damit, dass er ganze Städte (wie etwa
Bremen) wortgewaltig als kulturlose Orte niedermacht. Man ahnt es: Derlei
süffige Stadtbeschimpfungen aus berufenen Federn wären gewiss mal eine
Extra-Edition wert.
Als schiere, mit voller Absicht betriebene Demütigung empfindet es Bernhard,
dass man es wagt, ihm den kleinen (und eben nicht den großen) Österreichischen
Staatspreis anzudienen. Diese mindere Ausführung trage doch fast jeder
Nachwuchsschreiberling mit sich herum, befindet der Mann, der sich selbst
zeitweiligen Größenwahn attestiert.
Als es den Schriftsteller selbst einmal in eine Jury verschlägt, merkt er, wie
man dort „naturgemäß" (Bernhards Lieblingswort) nach kenntnisfreier Willkür,
Lust und Laune entscheidet. „Nehmen wir doch
Hildesheimer", ruft da einer
unvermittelt in die Runde. Alle anderen sind gleich einverstanden, denn das
Mittagessen wartet schon.
Bernhard windet auch einige bunte Girlanden in seine Betrachtungen. So erfährt
man, wie er sich von einem Preisgeld einen schicken Sportwagen gekauft und
alsbald zu Schrott gefahren hat oder wie er ein marodes Haus anzahlen konnte.
Der Autor, der sich sonst (wie auch seine Preis-Dankesreden im Anhang belegen)
vor allem auf pessimistische Litaneien verstand, wird hier sichtbar als jemand,
der luftig leicht erzählen konnte und dabei keineswegs an Schärfe verlor.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie in www.westfaelische-rundschau.de]
Leseprobe I Buchbestellung 0209 LYRIKwelt © Westf.Rundschau