Meine Jahre mit Ledig.
Eine Erinnerung von Fritz J. Raddatz (2015,
Rowohlt).
Besprechung von Bernd Noack in den Nürnberger Nachrichten vom 17.03.2015:

Abschiedsbuch über eine Männer-Beziehung
Fritz J. Raddatz schrieb über die „Jahre mit Ledig“

Aus dem Erinnerungsbuch ist ein Abschiedsbuch geworden: Kurz nachdem sich Fritz J. Raddatz im Februar in der Schweiz das Leben nahm, sind jetzt die Aufzeichnungen über seine Jahre mit dem Verleger Heinrich Maria Ledig-Rowohlt erschienen.

Er sagte „Geliebter“ oder „Schätzchen“, „meine Lieben“ oder „meine Süßen“ zu seinen Untergebenen, egal, ob männlich oder weiblich. Er machte Purzelbäume auf dem Tanzparkett vor geladenen Honoratioren. Er residierte in dem „phantastischsten, phantasievollsten Chaos“. Er trug zu farbigen Krawatten lila- oder orangefarbene Strümpfe und breite, bestickte Hosenträger. Er soff (blieb aber hellwach) und hurte nächtelang auf der Reeperbahn, auf die er auch die großen Literaten schleppte, und verbarg doch nur seine Schüchternheit. Er hörte nur richtig zu, wenn es um Literatur oder Geld ging. Im Grunde war er einsam, ein „sensibler Elefant“. . .

Verbeugung vor dem Verleger

Die Liste mit Aufzählungen, wie und was der Verleger Heinrich Maria Ledig-Rowohlt war (der den Namen seines Vaters, also Rowohlt, nie selber verwendete), ließe sich beliebig fortsetzen. Man kann sie sich zusammenstellen aus dem Erinnerungsbuch „Jahre mit Ledig“, das als letzte Arbeit des Feuilletonisten Fritz J. Raddatz, der am 26. Februar dieses Jahres in Pfäffikon freiwillig aus dem Leben ging, zur Hand genommen werden muss. Und ein wenig liest man es dann als einen schriftlichen Abschied von dem Menschen, dem Raddatz so vieles zu verdanken hatte: Eine Verbeugung im Abgang sozusagen, mit einem milde lachenden Auge und der zu Raddatz gehörenden gehörigen Portion Selbstdarstellung und -bewunderung. Eines bleibt klar: Ohne Heinrich Maria Ledig-Rowohlt wäre Fritz J. Raddatz nicht das geworden, was er war.

Aufmerksame Leser werden Teile dieses schmalen Bändchens schon aus den Erinnerungen „Unruhestifter“ kennen, den Raddatz 2003 vorlegte. Aber hier hat man die Geschichte einer seltsamen Beziehung, halben Freundschaft, gegenseitigen Abhängigkeit noch einmal komprimiert, zusammenhängend und um einige Schnurren erweitert, bisweilen zugespitzt und geheimnisraunend. Gab es gar eine homoerotische Verbandelung zwischen den beiden Männern? Raddatz’ Plauderei freilich macht vor der Bettkante halt.

Indiskretes Büchlein

Es ist gleichwohl ein indiskretes, ein süffiges Büchlein, nicht nur, weil es anscheinend seinerzeit in den 60er Jahren keine Verlagsarbeit ohne Alkohol (und Zigaretten) gab. Ledig (1908 – 1992), der Lebemann, und Raddatz, der aus dem Osten kam und schnell auf den Champagner- und Porsche-Geschmack gebracht werden konnte, bugsierten gemeinsam den Rowohlt-Verlag (den Ledig von seinem Vater Ernst Rowohlt übernommen hatte) höchst erfolgreich durch die nachkriegsdeutschen Literaturgewässer, die noch stürmisch waren: „Ich hatte die Ideen, und es war Ledig, der das ermöglichte. Tatsächlich war es eine Ehe. Der Ältere liebte, der Jüngere verehrte.“ Nie gab es einen richtigen Arbeitsvertrag zwischen dem Verlag und dem jungen Büchernarren aus der DDR, der über seine mütterliche Bekanntschaft mit Mary Tucholsky dem Hamburger „Letternsüchtigen“ aufgefallen war. Ledig angelte sich den Raddatz, machte ihn – gegen die Widerstände Alteingesessener – zu einer Art Stellvertreter seines Hauses, in dem Sartre und Camus, Graham Greene und Ernest Hemingway, Tucholsky und Hans Fallada veröffentlicht und die legendären rororo-Taschenbücher erfunden wurden. Es war eine politische Zeit und deren Puls übertrugen sie gemeinsam „auf die Rotationsmaschine“.

Eitelkeiten und Missverständnisse

Irgendwann (nach zehn Jahren) kam es zum Bruch zwischen den beiden Männern, „die einmal fast einer gewesen waren.“ Eitelkeiten, Eifersüchteleien, Missverständnisse, Kündigung – und nach Jahren des Schweigens ein „Vergessen wir, was zwischen uns geschah“. Es ist schön, solche „Histörchen“ und Anekdoten noch einmal lesen zu können, fast ein wenig wehmütig.

Die Verlagsgebräuche haben sich geändert, die Verleger auch. Für „sensible Elefanten“, wie es Ledig und auch Raddatz (der später Feuilletonchef der Zeit werden sollte) waren, für bunte Socken und „gockelnden Größenwahn“ ist da heute kein Platz mehr: „Vermutlich ist das Flair eines Ledig-Rowohlt den Jüngeren in ihrer Computer-, Webseite- und E-Mail-Welt kaum noch zu vermitteln: seine Spielsucht, sein Kunsthunger, seine hinterhältige Liebe wie abgründige Freundlichkeit. Ein Bürger auf Abwegen, die er sich zugleich polsterte. Ein Verleger als Bohemien.“

Die vollständige Besprechung von Bernd Noack mit Abb. finden Sie unter Nürnberger Nachrichten

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