Meine armen Lieblinge.
Prosa von Birgit Kempker (2003, Kiepenheuer & Witsch).
Besprechung von Joachim Otte in der Frankfurter Rundschau, 3.12.2003:

Ich ist ein Transformationshilfstier
Permanente Metamorphose: Birgit Kempkers Prosa ist adjektivgeil wie kaum eine andere

"Du bist die nauticale Haut. Du navigierst. Heb ab. Wir vernetzen. Du bist eingekreist. Du suchst Erfahrung und Empfindung. Du suchst sie hier. Lüpf Deckel von Schädel. Zieh Hautsack von Fleisch. Kreis Lasso. Nicht fang dich ein. Zirze mit Hüfte. Reiss dich hin." Der gewöhnliche Leser legt einen solchen Text nach ein paar Seiten weg. Er blickt auf das Nana-Mouskouri-hafte Autorinnenfoto mit Rosen und Hornbrille, da ist die Sache klar für ihn. Was erst fängt ein Kritiker damit an? Möglich, dass er genauso reagiert. Unlesbar, mag er denken, unrezensierbar. Er ist geneigt, Birgit Kempkers Text Meine armen Lieblinge mit einem Kurzsatz abzufertigen: "Grütze statt Hirn".

Möglich aber auch, dass sich derselbe Kritiker dann der Essaysammlung "Der gewöhnliche Leser" von Virginia Woolf erinnert. "Wie sollte man ein Buch lesen?" heißt ein Text daraus, in dem übrigens die Kritiker - jene "pelzverbrämten, talarbekleideten Autoritäten der Bibliothek" - gar nicht gut wegkommen, weil sie durch ihre Vorschriften darüber, was und wie zu lesen sei, den zum Lesen notwendigen "Geist der Freiheit" vernichteten und dem Ziel im Wege stünden, zum "Komplizen" des Lesers zu werden.

Halb skeptisch, halb reuig streift der Kritiker also seinen Pelz ab, versucht mit nackter Haut die Komplizenschaft und springt aufs Neue in den mit seltsamem Text-Plasma gefüllten Pool. Tatsächlich: Jetzt geht ihm einiges unter die Haut, von Zeit zu Zeit gerinnt ihm das Plasma zu Mikrostrukturen voller Sinn und Schönheit: "Du sollst nur so viele Himmel über dir haben, wie in dir sind."; "Die Engel standen hinter mir und reichten mir Wörter von unten mit langen Stangen."; "Ich kann den Lippen nicht verbieten, nach deinen zu picken, und deinen nicht, dass sie, wenn sie meine sehen, zur Seite gehen, automatisch." Er versteht jetzt besser Kempkers literarische Ambition: den Versuch, die Ich-Auflösung als Text sichtbar zu machen, dabei jedoch gleichzeitig eine rauschhaft-radikale Subjektivität sprechen und auf diese Weise doch wieder ein, wenn auch extrem quecksilbriges, Text-Ich entstehen zu lassen.

"Auch ich bin nur ein Satz" lautet eine Kapitelüberschrift, ein erster Satz eines anderen Kapitels: "Ich bin die Rede von einem Ich." Insofern lässt sich die auch auf dem Cover gedruckte Zeile "Altes Ego adieu" programmatisch verstehen. Nach so etwas wie einer Handlung zu tauchen, erübrigt sich also weitgehend, weil der Text keine Erzähltiefe hat, keinen Narrativsinn, auf dessen Grund der blinkende Schlüssel zu einem Verständnis wartet. Stattdessen vollzieht sich die permanente Metamorphose von Assoziationen, Eindrücken und Metaphern. So wird aus einem "Kuscheltier ein Transformationshilfstier. Ein Drache. Ein Schraubenzieher. Ein Wundergestell. Ein Wandergesell." Ich ist ein Kuscheltier, und zum Spielgefährten und Spiegelbild nimmt es sich ein Du, ein Wir, oder ein ErSieEs. Ob es sich dabei um Emanationen des alten bzw. neuen Egos handelt oder um echte "Andere", vielleicht sogar um Projektionen von "realen", also außer-literarischen Personen, bleibt im Unklaren; auch hier geht das Eine (buchstäblich) ins Andere über. "Mein Mann fickt viel in der Froschgasse, sagt meine Frau", sagt ein männliches Text-Ich, aber zugleich sagt es auch: "mein Mann". Von einer Mutter ist die Rede, traumatische Erfahrungen des alten Ego werden ahnbar, ebenso also die Motivation dieses Egos, "adieu" in Richtung des alter ego zu sagen.

Im Prolog, einer quasi-schamanistischen Anrufung und Beschwörung eines Du, muss dieses Du jene alphabetisch-alchemistische Transformation in Form einer "Orchideenoperation" über sich ergehen lassen. Wie das ganze Buch ist dieser Text gleichermaßen verhext wie versext; so "adjektivgeil" (um ein Kempker-Wort zu nehmen) ist nur wenig Literatur. Die Vereinigung vom Text-Ich und einem außerliterarischen Körper-Ich wird buchstäblich sexuell und sexuell buchstäblich, der Stream of Consciousness ist ein Ejakulat. Birgit Kempker kennt viele Stellungen, die Literatur dazu einnehmen kann. Homerisch: "Du bist schattengeliebt, verschlungen, schattengeboren". Profan: "Du vögelst mit deinem Schatten." Derb: "Die Fresse der Gefickten zu brutal real und erst mal die Fotze." So bewegt sich Kempker stilistisch virtuos und hochartifiziell zwischen Hohelied und Gosse. Zwischendurch tauchen in dem typographisch wie ein Prosagedicht gehaltenen Text staccatohafte Reime auf (z.B. Wundergestell-Wandergesell), so dass sich das Sprecher-Ich selbst fragt: "Würde ich ein Rapper? Herr, schick mir Oden."

Doch virtuos ist nicht automatisch meisterhaft, sagt sich der Kritiker, und artifiziell nicht automatisch kunstvoll. Er wird nicht schwanger von all dem Ejakulat, weil es steril ist. Je ambitiöser Kempkers Text wird, desto prätentiöser gerät er. Er ist radikal in einem negativen Sinn: Der Exzess an literarischer Energie richtet sich gegen sich selbst. Und wie Kempkers Text weiß, sind Exzesse "auf Auslöschung aus, nicht auf Genuss". Wo also das neue Ego sein sollte, bleibt nichts außer einer Leerstelle. Im Vakuum aber ist es kalt.

Das Buch ist insofern spektakulär, als es zugleich radikal und beliebig ist. Die Adjektiv- und Metaphern-Cluster sind zu lang, um im Blick zu bleiben und überfordern sich selbst. "Man hat mir diese Freundin gegeben, damit ich die Angst überwinde, verwechselbar zu sein. Altes Ego adieu und so." Mit der Freundin mag Friederike Mayröcker gemeint sein, deren Stil mit "und so" zitiert wird, aber hier wird damit höchstens die Angst vor Verwechselbarkeit überwunden, nicht jedoch die Verwechselbarkeit. Oder: "Viele Schlüssel sind Tarnung, und das ist gut, weil die Türen sich öffnen und Trauer herausregnen kann und Ekstase eintritt etc." Was diesen Satz dominiert, ist das "etc." und eben nicht "Ekstase" oder "Trauer". Was da nicht alles noch eintreten könnte. Es bleibt im "etc.". Wenn es aber dort bleibt, dann ist es nicht so, "dass alles geschieht, was geschrieben steht", wie das Ich aus dem Kapitel "Ich bin ein Wurm" biblisch verkündet. Dann geschieht - im Gegensatz zu Mayröckers Texten - trotz allen Sprachaufwands letztlich gar nichts, dann ist die Adjektivgeilheit ein Symptom der Sprachlosigkeit, findet vielleicht auch der gewöhnliche Leser. Denn auch der trägt manchmal Pelz und so..

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