Mein
deutsches Dschungelbuch.
Texte von Wladimir
Kaminer (2003, Manhattan Verlag).
Besprechung von Ursula März in Die Zeit vom
6.11.2003:
Schelm von unten
Die endlosen Texte des Kultautors Wladimir
Kaminer
Kaminer-Texte gleichen in einem Punkt der Figur des Bohemiens: Sie dürfen nichts werden und aus diesem Grund auch nichts von sich wissen wollen. Will der Bohemien etwas werden, und sei es immer noch mehr er selbst, rutscht er augenblicklich in die abscheuliche Kategorie des Boheme-Darstellers ab. Der Bohemien ist aber seinem Wesen nach weder unkultiviert noch ungebildet; ohne ein paar Bücher zu kennen, wäre er nur ein Tagedieb. Unvermeidbar stößt er also eines Tages die Tür auf, hinter der sich die Schätze der reichen Boheme-Theorie verbergen, und beginnt zu lesen und zu lernen, wer er ist.
Unvermeidbar merkten die Kaminer-Texte eines Tages, dass sie Kaminer-Texte sind. Sie merkten gleichzeitig, dass sie immer solche zu sein haben: lakonisch, skurril, dies aber im Rahmen des Realistischen, und – erstaunt. In Ton und Haltung eignet ihnen eine leicht gespielt wirkende treuherzige Befremdung. In Form und Dramaturgie eignen ihnen die Ziellosigkeit eines entspannten Geplauders. Bei a anzufangen bedeutet bei Kaminer-Texten keineswegs, bei z zu enden. Es kann von a nach m, von da aus nach f und dann sprunghaft nach o oder y gehen. Ein Text aus Wladimir Kaminers Deutschem Dschungelbuch kann damit beginnen, dass die Adresse von Familie Kaminer versehentlich ins Telefonverzeichnis geraten ist, was irgendeinen Spinner dazu veranlasst hat, alle möglichen Produkte von der Bild-Zeitung bis zu Medikamentenproben an die Kaminers schicken zu lassen. Von da aus entwickelt sich der Kaminer-Text zum Bericht eines Inlandfluges von Berlin nach Erfurt in einem Kleinstflugzeug, das den Künstler Kaminer zur Aufzeichnung einer Literatursendung transportierte, an der unter anderem der Dichter Ondratschek teilnahm; ein Name, der den realen Dichter Wondratschek verschlüsselt, wie eine Badehose den Mann verhüllt, der sie trägt.
In der Kleinstadt, mit Mumm
Der typische Kaminer-Text geht Arm in Arm mit dem Alltagsleben seines Verfassers, des auf Deutsch schreibenden, seit 1990 in Berlin lebenden Russen Wladimir Kaminer, der im Café Burger am Prenzlauer Berg die Russendisco erfand und betreibt und Texte verfasst, die zunächst in verschiedenen Zeitungen (unter anderen in der ZEIT) erschienen, von Kaminer mit außerordentlichem Erfolg vor Publikum vorgetragen wurden und sich aufgrund ihres Erfolges inzwischen in Buchform versammeln. (Außerdem verfasste er den Roman Militärmusik.) Es eignet dem typischen Kaminer-Text folglich auch etwas Tautologisches. Das gilt für Wladimir Kaminers neuestes Buch Mein deutsches Dschungelbuch deshalb in besonderer Weise, weil die Erkundungsreise durch größere, kleinere und sehr kleine Städte, die der Autor darin unternimmt, die Wege seiner offensichtlich permanenten Lesereisen nachzeichnet. Kaminer reist durch Deutschland, um zu lesen, und schreibt über die tausend deutschen Orte, an denen er las. Wir sehen ihn also in der Position eines langsam aussterbenden Berufsstandes, des Handelsvertreters, der mit seiner Ware von Kiel nach Chemnitz, von Brandenburg in die Pfalz unterwegs ist, in Pensionen und durchschnittlichen Hotels absteigt, in durchschnittlichen Lokalen speist, sich mit öffentlichen Verkehrsmitteln bewegt und Hunderte von Menschen trifft, die alle dasselbe Gebiet bevölkern: die soziokulturelle Mitte Deutschlands.
Hier gibt es weder schwere Armut noch schwer gesicherte Vorortvillen, weder Subkultur noch extreme Existenz. Hier gibt es: Volkshochschulen und Braten mit Beilage, Sekt Marke Mumm und idealistische kleinstädtische Kulturreferenten. Hier herrscht angeblich, wenn man Karl-Heinz Bohrer folgt, die Grauenhaftigkeit der deutschen Aufgeräumtheit mit Gartenzwerg als Emblem. Ein solcher schmückt auch das Cover von Kaminers Buch.
Und was, drängt es den Leser der Kaminer-Texte zu fragen, was wollt ihr eigentlich mal werden? Wollt ihr Literatur werden oder Ethnografie des Inlands, Kalendarium, Sittengeschichte oder moralische Reflexion? Na, würden die Kaminer-Texte vielleicht antworten, das sind wir doch schon alles ein bisschen. Ein bisschen reicht.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.zeit.de]
Leseprobe I Buchbestellung 0706 LYRIKwelt © Die Zeit/Ursula März