Mein
Chlebnikov.
Gedichte, 2sprachig, russisch/deutsch von
Oskar Pastior (2003,
Edition Urs Engler, mit CD).
Besprechung von Gisela Reller auf
Reller-Rezensionen,
2009:
Velimir (eigentlich: Viktor Vladimirovič) Chlebnikov (1885
bis 1922) steht zwischen Symbolismus und Futurismus. Auch seine eigenwillige
Ästhetik formte sich zwischen diesen beiden Polen des russischen Modernismus,
als dessen herausragender Exponent er heute gilt. "Chlebnikovs Universalität
anstrebendes Denken", schreibt Rainer Goldt in Kasacks "Hauptwerke der
russischen Literatur", befruchtete beinahe alle Bereiche der russischen Moderne,
so [auch] Skrjabins Synästhetizismus (...). Sein literarisches Werk prägte nicht
nur Generationen russischer Lyriker, sondern fand auch in Prosa (...) und
Dramatik (...) Schüler." In seinem Nekrolog nannte Majakowski den einstigen
Weggefährten 1922 denn auch einen "Kolumbus neuer poetischer Kontinente, die
jetzt von uns besiedelt und urbar gemacht werden".
Mein Chlebnikov beinhaltet alle von Oskar Pastior übersetzten Texte von
Chlebnikov und die entsprechenden russischen Originale, sowie eine CD, auf der
Pastior mit beeindruckender Altmänner-Stimme seine Übertragungen liest. "Was es
zu übersetzen gibt", schreibt Felix Philipp
Ingold in seinem Essay, "ist das Unübersetzbare, das, was
Walter Benjamin das `Sprachliche an der
Sprache´ genannt hat: das Poetische." - Die von Pastior praktizierte Art des
Übersetzens entspricht nicht nur dem chlebnikovschen Konzept einer
selbstorganisierenden, hintersinnigen Laut- oder Vogel- oder Sternen- oder
Göttersprache, sondern auch Oskar Pastiors eigener Arbeit am `Wort als
solchen´." Oskar Pastior wurde 1927 in Hermannstadt (Siebenbürgen) geboren*. Von
1945-1949 war er ins sowjetische Arbeitslager im Donbass deportiert. Nach der
Rückkehr machte er Gelegenheitsarbeit, dann studierte er Germanistik und war
beim Rundfunk in Bukarest tätig. Seit 1969 lebt er als freier Schriftsteller in
Berlin. Er erhielt viele Preise, zuletzt den
Peter-Huchel-Preis 2001 und den Erich-Fried-Preis
2002. Im Oktober 2006 wird er den mit 40 000 Euro dotierten
Büchner-Preis erhalten.
Da ich über diese Gedichte Chlebnikovs und deren Übertragungen ins Deutsche mit
Ingold nur sagen kann, "Passt ins Ohr", lade ich Sie zum Hören ein. Nehmen Sie
sich die Zeit, die beigegebene CD zwei- oder auch dreimal zu hören, dann erst
werden Sie an Chlebnikovs unnachahmlicher "Lautsprache" Gefallen finden und
nicht damit einverstanden sein, dass er nur ein "Dichter für Dichter" ist. Und
dann erst werden Sie auch mehr über diesen lange totgeschwiegenen Dichter wissen
wollen: Velimir Chlebnikov in Tundutovo (Gouvernement Astrachan) als Sohn eines
Ornithologen geboren, übersiedelte zur Fortsetzung seines Studiums der
Naturwissenschaften und Mathematik 1908 nach St. Petersburg, wo er zunächst in
symbolistischen Dichterkreisen verkehrte, u. a. mit
Gumiljow. 1911 gehörte Chlebnikov zu den
Gründungsmitgliedern des russischen Kubofuturismus (Burliuk,
Kručënych, Lifšic, ab 1912 auch Majakowski).
Chlebnikov schuf filigrane Lyrik- und Prosagebilde, deren Sinn sich gleichzeitig
dem Verstehen darbietet und immer wieder entzieht. Doch Chlebnikov war nicht nur
Zahlenmystiker und Wortwurzelexperimentator, sondern auch ein engagierter,
scharf beobachtender Zeitgenosse, der einen befremdet-verfremdenden Blick auf
seine Gegenwart warf. Auf die Neue Ökonomische Politik schrieb er 1922 diese
Verse: Glaube nicht, dass das Recht / sich bei uns einquartiert, / damit
Neureich jetzt frech / durch die Straßen kutschiert. / Dafür wurde kein Gegner /
in die Hölle geschickt / damit dreist mit Juwelen / jeder Schieber sich
schmückt. (übersetzt von W. Tkaczyk)
1914/15 kam es zur Entfremdung und zum Bruch mit dem Futurismus. Chlebnikov
blieb von nun an ohne tiefere Bindung an literarische Schulen. Moskau, Cherson,
Rostow am Don, Astrachan, Baku und Pjatigorsk, auch Persien, markieren bis 1922
Stationen seines unsteten Lebensweges. Er befasste sich in dieser Zeit auch mit
dramatischen Versuchen. Sein letztes großes Werk ist das "Metapoem" (1922), ein
Versuch zur Überwindung herkömmlicher Gattungsgrenzen. "Das Metapoem (...)
verarbeitete altslavische, altorientalische und zentralasiatische Mythen und
bekräftigte noch einmal Chelebnikovs komplexen Entwurf von Autorschaft, der
Attribute des Priesters, Mönchs und Zauberers umfasste." (Klaus Städtke in
seiner "Russischen Literatur-Geschichte".) Chlebnikov ging es in all seinen
Werken nicht um Sprachbeherrschung, sondern darum, sich von der Sprache
beherrschen zu lassen. "An Chlebnikov (...) reizte mich gerade die
Unmöglichkeit, seinen Wortgeflechten mit einer Sinn-Klang-Rhythmus-Übertragung
beizukommen." (Oskar Pastior) Die Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt
sagt in ihrer Begründung für den Büchner-Preis, dass Pastior ein "methodischer
Magier der Sprache" sei, der ein Werk "von größter Radikalität und
Formenvielfalt" geschaffen habe.
Sehr ansprechend ist die Gestaltung des Buches Mein Chlebnikov:
pinkfarben auf weißem Bucheinband mit durchsichtigem Zellophanumschlag zum
Schutz des Buches und der CD, diese ebenfalls knallig pinkfarben - eine
Augenweide.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.reller-rezensionen.de]
Leseprobe I Buchbestellung I home I 0410 LYRIKwelt © Gisela Reller www.reller-rezensionen.de