Mein Arbeitstirol von Friedrike Mayröcker, 2003, SuhrkampMein Arbeitstirol.
Gedichte 1996-2001 von Friederike Mayröcker (2003, Suhrkamp).
Besprechung von Franz Haas in Neue Zürcher Zeitung vom 26.6.2003:

Ein herzzerreissend poetisches Larifari
Friederike Mayröckers neuer Gedichtband «Mein Arbeitstirol»

Seit einem halben Jahrhundert knüpft Friederike Mayröcker an einem magischen Sprachteppich, an dem jede neue Masche ebenso kunstvoll wie zufällig aussieht. Wer dieser Autorin vorwirft, sie gehe zu willkürlich um mit ihrem Garn, sollte sich nach den Gründen für die Sogwirkung fragen, die seit Jahrzehnten von ihren Texten ausgeht. Zwar zieht sie nicht gerade die Massen an, aber doch eine ansehnliche Schar von hellhörig Lesenden. Ihren ersten Prosaband nannte sie mit listigem Understatement «Larifari» (1956), ihre letzte Gedichtsammlung hiess sibyllinisch «Notizen auf einem Kamel» (1996). Das neueste Buch trägt den schönen und wohl unerklärlichen Titel «Mein Arbeitstirol», enthält Lyrik aus den letzten Jahren und überrascht nur angesichts des Alters der Autorin, denn ihre grandiosen Gedankensprünge und Wortschöpfungen sind zappelfrisch wie eh und je.

Kunst der Assoziation

Vor zwanzig Jahren, als Friederike Mayröcker noch gar nicht so alt war, schrieb sie in der halluzinatorischen Prosa des Bandes «Reise durch die Nacht» von ihrer Vermutung oder Hoffnung, «dass die Assoziationskraft mit zunehmendem Alter eher zu- als abnimmt». Jetzt, mit bald 80 Jahren, hat sie das wieder einmal bestätigt. Denn eines der Wunder von Mayröckers Poesie liegt in der Kunst der Assoziation, durch die sie der Sprache Verblüffendes entlockt, was den Leser zwar verstören, aber ihm seinerseits auf assoziative Sprünge helfen kann. Ein weiteres Mirakel ist ihr beharrlich weltabgewandtes Wandeln in einem privaten Zettelhain, jetzt genauso wie schon in den Jahrzehnten der allgemeinen ideologischen Schaustellerei. Doch bei aller Freiheit von Ideologie ist in ihren Gedichten erstaunlich viel von der Wirklichkeit die Rede, vom häuslichen Alltag in ihrem «Elendsquartier», vom Hier und Jetzt der körperlichen Hinfälligkeit, freilich nie vom letzten Schrei der Weltgeschichte.

Auch Mayröckers neueste Gedichte haben eine ganz eigene intime Verbindung mit der Welt. In ihren versponnenen Kopfspielen holt sich die Autorin allerlei Kunstsparten und Dichterkollegen in ihre legendäre Wiener Wohnung, eine papierene Schreibhöhle von rigorosem Chaos (in einer Sondernummer der Zeitschrift «Wespennest» 1999 bestens dokumentiert). Der Dadaismus und Beckett sind oft bei ihr zu Gast, noch häufiger Hölderlin und der Surrealismus. Aber auch mit jungen Poeten hält sie zitierend Zwiesprache, mit Thomas Kling, Franz Josef Czernin, Raoul Schrott, als «grüne Lichtburschen» sind vielleicht auch sie gemeint. Auf diese Weise ist auch ihre Dichtung welthaltig, Raum und Zeit haben eine präzise Rolle (die Entstehung der einzelnen Gedichte zwischen 1996 und 2001 ist genau datiert). Malerei und Literatur aus allen Weltgegenden sind ständig präsent. Und immer wieder bringt sie die eigene Intimität ins Spiel der Worte. Doch keine Spur von den sogenannten grossen Ereignissen, kein Hauch von Politik aus diesen aufgeregten österreichischen Jahren, nicht einmal ein direkter Hinweis auf den Büchner-Preis, den Friederike Mayröcker im Oktober 2001 spät, aber doch bekommen hat.

In fabelhafter Distanz geht auch der September 2001 in ihr vorbei: Am 8. schreibt sie das Gedicht «Luftseele undsoweiter», das mit einem «Mund» und einem «Mond» beginnt und mit «Päonien» endet. Zehn Tage später, eine Woche nach den Attentaten in Amerika, schreibt sie «Aspekte der Malerei», ein Gedicht von herrlich trostloser Hinterhofromantik: «und jeden Tag der Blumenstrauss / im Milchglasfenster vis-à-vis / ich ahne Tulpenrot in altem Blechgeschirr . . .» Vom selben Tag ist aber auch ein Gedicht ohne Titel, das anfangs so harmlos spricht über «diese weisslichen Büsche vom Fenster aus», dann von der Freude «beim Gedichteschreiben», schliesslich noch einmal von einem «Päonienfenster», dann jedoch brüsk und kursiv endet: «. . . die / Welt zusammengebrochen.» Um welche oder um wessen Welt es sich handelt, wird nicht gesagt. Solche Zurückhaltung ist in jedem Fall bewundernswert, besonders aber in jener Zeit kurz nach dem 11. September, als die schreibende Welt sich in eine Erklärungshysterie hineinsteigerte und alle Meinungsdämme brachen. Der wie üblich überraschende Abschluss dieses Gedichts zeigt abermals, dass Friederike Mayröckers Mitteilungsbedürfnis nicht von dieser Welt ist.

Ein ganz gravierend irdisches Ereignis ist jedoch deutlich in der Chronologie der Entstehung dieser Gedichte ersichtlich, allerdings durch eine Leerstelle: Nach dem Tod von Ernst Jandl im Juni 2000 ist eine Lücke von vier Monaten, jene Trauer- und Schreckenszeit, in der das separat veröffentlichte «Requiem für Ernst Jandl» (2001) entstand. Mayröcker und Jandl waren im Leben ein Paar und in der Kunst siamesische Zwillinge. Ihre Werke wären ohne den Zwilling nicht so geworden, wie sie sind. Er sagte, er wäre ohne sie verdammt gewesen «zum Kinderwagenschieben» und zu einer mittelmässigen Existenz. Sie nannte ihn schon in früheren Texten ihren «Vorsager» und ihren «Ohrenbeichtvater». Sie hat ihn in alle ihre Bücher einbezogen. Hier aber, in dem neuen Band «Mein Arbeitstirol», geht eine Schwellenlinie durch den Textkorpus, etwa in der Mitte des Buches. Sie teilt diese Gedichte in diesseits und jenseits von Jandls Tod.

Ewige Finsternis

Als Jandl im Sterben liegt, Anfang Juni 2000, schreibt Mayröcker: «ach ich KLEBE an diesem / Leben an diesem LEBENDGEDICHT». Dann folgt die besagte Lücke von vier Monaten. Danach geistert «ER» noch deutlicher als früher durch ihre Verse, entstehen noch mehr Gedichte in seinem Angedenken, wie diese private Erinnerung an ein Weltereignis:

Sonnenfinsternis '99 / Bad Ischl

für Ernst Jandl

erst wieder in 700 Jahren sagt ER 1 Jahrhundert Ereignis sagt ER solltest du nicht versäumen sagt ER auf dem Balkon ER setzt die Spezialbrille auf verkrieche mich mit dem Hündchen in der Schreibtischnische die Vögel verstummen - 1 Jahr danach SEINE ewige Finsternis....Fortsetzung

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