Mein ABC. Von Adam und Eva bis Zentrum und Peripherie.
Buch von Czeslaw Milosz (2002, Hanser - Übertragung Doreen Daume).
Besprechung von Michael Braun in der Frankfurter Rundschau, 13.8.2002:

Die Passionen des Häretikers
Poetik der späten Ernüchterung: Czeslaw Milosz buchstabiert das "ABC" seiner Epoche

Zu den despektierlichsten politischen Einschüchterungsvokabeln, mit denen man einst linke Abweichler brandmarkte, gehört sicherlich die Bezeichnung "Renegat". Ein Renegat, das war nicht nur ein Abtrünniger von der reinen Lehre des Sozialismus, das war auch ein objektiver Verbündeter des Klassenfeindes. Czeslaw Milosz, der mittlerweile 91jährige polnisch-litauische Dichter, hat mit seinem Lebenswerk eindrucksvoll unter Beweis gestellt, dass gerade das notorische Renegatentum vor politischer Verführbarkeit schützt. Wer seine lakonischen Konfessionen liest, die jetzt unter dem Titel Mein ABC in einem Auswahlband bei Hanser gesammelt worden sind, wird einen Autor entdecken, der die unnachsichtige Selbstkorrektur und politische Desillusionierung zu seinem Lebensprogramm gemacht hat.

Sein Leben lang hat sich Milosz als Häretiker betätigt und all die schönen Glaubenswahrheiten seiner frühen Jahre revidiert. Die litauischen Dörfer, in denen er als Abkömmling einer Gutsbesitzerfamilie aufwuchs, wurden im Zweiten Weltkrieg von den willigen Vollstreckern der paranoiden Machtpolitik Stalins geschleift, die Einwohner nach Sibirien deportiert oder ermordet. Es bedurfte einiger traumatischer Lebenslektionen, bis sich der besserwisserische Avantgardist und sattelfeste Kommunist Anfang der fünfziger Jahre von seinen ideologischen Borniertheiten befreien konnte. In seinem Meisterwerk Verführtes Denken, in dem er 1953, zwei Jahre nach seinem Bruch mit dem realen Sozialismus, die ideologische Immunschwäche polnischer Schriftsteller analysierte, hat Milosz seine Wandlung zur Skepsis beschrieben.

In seinem ABC resümiert er nun noch einmal seine ästhetischen und politischen Metamorphosen in kleinen episodischen Brosamen. In einer Vielzahl von Stimmen, Porträts und Begegnungen lässt Milosz das zwanzigste Jahrhundert Revue passieren - anstelle eines weit ausholenden Essays bevorzugt er das mosaikartige Sammeln der Erfahrungen in Miniaturen und Streiflichtern. Der junge snobistische Lyriker, der im Wilna der dreißiger Jahre die Dichtung auf "Menschenerziehung" verpflichten wollte und die "Diktatur des Intellekts statt der Emotionalität" einforderte, erlebte als Rundfunkredakteur in Warschau die Nazis und verschickte humanistische Kassiber aus dem literarischen Untergrund.

Aus dem literarischen Partisan wurde nach 1945 ein ranghoher Diplomat des sozialistischen Polen, bis er 1951 mit der sowjetkommunistischen Variante des Totalitarismus brach und nach Frankreich emigrierte. Dort schloss er Freundschaft mit Albert Camus, der sich damals den stalinistischen Denunziationen des Meisterdenkers Jean-Paul Sartre ausgesetzt sah. Albert Camus ist neben den amerikanischen Dichtern Walt Whitman und Robinson Jeffers der einzige Schriftsteller, der in diesen Lebenserinnerungen mit sympathetischen Bemerkungen bedacht wird. Als geistige Mentoren, die seinen existenziellen Pessimismus wesentlich geprägt haben, nennt Milosz auch noch den Religionsphilosophen Lew Schestow und den polnischen Nationaldichter Adam Mickiewicz

Alle anderen großen Geister, die Milosz in den Episoden und anekdotischen Abschweifungen seines ABC herbei zitiert, werden in ihrer ideologischen Verbohrtheit gezeigt. Nicht nur Sartre und Simone de Beauvoir ("dummes Weib") werden gründlich entzaubert, sondern auch Heldengestalten der modernen Lyrik, wie etwa der unglückliche Sergej Jessenin ("Grobian, der betrunken auf den Tischen tanzte") oder Robert Frost ("kalte Poesie"). Während die westliche Intelligenz noch Jahrzehnte mit den Verheißungen des Kommunismus sympathisierte, zog sich Milosz nach seiner Übersiedlung in die USA 1956 auf Schopenhauer-Lektüre zurück, die ihn resistent machte gegen jedwedes "Prinzip Hoffnung". Aus dem enthusiasmierten Hegelianer Czeslaw Milosz war ab 1956 ein christlicher Pessimist geworden, der den "Mangel an Konsequenz" als politische Tugend entdeckte. Milosz folgt in seinem ABC einer Poetik der skeptischen Ernüchterung, wobei er freilich einen Bereich von seiner Lust am häretischen Denken ausnimmt: den der Religion. Wo die nietzscheanische Verkündung von Gottes' Tod zum modernen Gemeinplatz geworden ist, gestattet sich Milosz die Frevelei, am Gottesglauben festzuhalten. Die Schreckensjahre im Warschauer Untergrund, die er im Gegensatz zu vielen Dichterkollegen überlebte, haben ihn zum religiösen Bewusstsein zurück kehren lassen - "aus Dankbarkeit". So tastet sich das ABC folgerichtig immer wieder vor zur Exegese biblischer Texte und Motive. In seinen Reflexionen über die polnische Sprache und über seine oszillierende litauisch-polnische Identität verweist Milosz auch auf den Einfluss von alten Bibelübersetzungen auf seine geistige Entwicklung.

Was diese autobiographischen Konfessionen eines großen Dichters auszeichnet, ist ihr Verzicht auf jede selbstglorifizierende Prätention. Die Selbstbescheidung des Chronisten manifestiert sich hier in der demonstrativen Schlichtheit des Stils. Milosz betont immer wieder die "Ungenauigkeit" und unfreiwillige Fiktionalität seiner Notate, verweist auf die eigene Anfälligkeit für "Vorurteile" und "Fanatismus" und mokiert sich über seinen angeblich "hartnäckigen Nonkonformismus". Nicht als unbeugsamer Aufrechter sei er durch die Welt gegangen, sondern mit ähnlich vielen Unbesonnenheiten wie jene, an deren Lebenslauf er so präzis das "verführte Denken" analysierte. "Übrigens", resümiert er trocken, "sind natürlich auch Autobiographien gefälscht". Das aufrichtige Bekenntnis sei nur eine von vielen Masken des Autors: "Biographien sind wie Schneckenhäuser. Man wird nicht viel über das Wesen erfahren, das darin gewohnt hat." Allerdings, möchte man widersprechen, gibt es wenige Bücher, in denen so viel über die geistige Physiognomie des 20. Jahrhundert zu erfahren ist wie in diesem autobiographischen Alterswerk des Dichters Czeslaw Milosz.

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