Mehr Meer von Ilma Rakusa, 2009, DroschlMehr Meer.
Erinnerungspassagen von Ilma Rakusa (2009, Droschl).
Besprechung von Karl-Markus Gauss aus Der Standard, Wien vom 12.2.2010:

Verwehte Augenblicke
Wegfahren, um anzukommen, ankommen, um wegzufahren: Ilma Rakusas Erinnerungsbuch "Mehr Meer"

Das Mädchen geht noch nicht zur Schule und hat auch noch kein eigenes Zimmer: "Aber drei Sprachen, drei Sprachen hatte ich." Ungarisch von der Mutter, Slowenisch vom Vater und Italienisch von den Leuten in der Stadt, in der die Familie seit kurzem wohnt, Triest. In dieser Stadt sieht das Kind, das begabt ist für die sinnliche Wahrnehmung der Dinge, aber auch fürs Träumen im abgedunkelten Zimmer, zum ersten Mal das Meer, hier holt es sich die lebenslange Sehnsucht nach seinem Branden und Rauschen, Anblick und Geruch.

Aber da sind auch andere Sehnsüchte, rätselhafte, sie werden von den Namen, den Landschaften des Ostens geweckt, die das Mädchen in selige Aufregung versetzen, denn: "meine innere Kompassnadel zeigt nach Osten" , dorthin, wo weit verstreut die Vorfahren lebten. Der Körper der Heranwachsenden, der Frau wird den familiären "Gedächtnisspeicher" später geradezu vegetativ aktivieren, denn alles, was mit der Legende ihrer Familie zusammenhängt und in den mythischen Osten Europas führt, verspürt er als inneres Beben, als Unruhe, als drängendes Begehren, aufzubrechen und sich auf den Weg zu machen: "Ich war ein Unterwegskind... Ich fuhr weg, um anzukommen, und kam an, um wegzufahren."

Aus dem Unterwegskind ist die Unterwegsdichterin Ilma Rakusa geworden, die von Zürich aus in die Welt geht und als grandiose Übersetzerin die Welt in Gestalt russischer, slowakischer, ungarischer, slowenischer, französischer Dichtungen nach Hause bringt. Nun hat sie ein bezauberndes und bewegendes Buch ihrer Kindheit und Jugend vorgelegt, das im Untertitel bescheiden "Erinnerungspassagen" heißt und dessen Titel auf Triest verweist: Mehr Meer. Vor Triest und dem Anblick des "ersten Meeres", das "mir den Atem verschlug" , lagen bereits andere Städte und Gezeiten. Denn geboren wurde die Autorin 1946 in der heute zur Slowakei gehörenden Kleinstadt Rimavská Sobota, wo der ungarische Großvater Direktor einer Konservenfabrik, die Mutter Apothekerin war und sich der Vater als versprengter Flüchtling aufhielt.

Als die Tochter laufen lernte, übersiedelte die junge Familie nach Budapest, die zärtlichen Litaneien des Kindermädchens Piri sorgten dafür, dass das Ungarische für Rakusa die Sprache der Märchen, der Gefühle geblieben ist. 1949 ging es weiter nach Ljubljana, wo der slowenische Vater, ein studierter Chemiker, sich eine Existenz aufzubauen versuchte. Von Ljubljana behielt das Mädchen den Nebel und den Geruch von Braunkohle im Gedächtnis, und einen wilden Garten, doch kein Jahr war um, dann hieß es neuerlich Abschied nehmen.

In Triest gründete der Vater eine Import-Export-Firma. Firma und Familie übersiedelten 1951 nach Zürich. Hier endete die Wanderschaft der "Kofferfamilie" ; das Kofferkind aber wird in seiner Fantasie zu den verlorenen Orten zurückkehren und sie, sobald es die Schweizer Schulen hinter sich hat, als Reisende neuerlich aufsuchen.

Ilma Rakusa erzählt von der großen Wanderung ihrer Familie mit sinnlicher Kraft des Erinnerns und Vergegenwärtigens. Auf die Spuren ihrer Vorfahren setzt sie sich in Litauen und Polen, in vielen Kronländern der einstigen Donaumonarchie - und stets mit dem Gefühl, dort nichts Fremdes, sondern etwas zutiefst Vertrautes zu entdecken. Die Wanderung der Eltern wiederum ist ursächlich zwar mit dem Krieg und jener Teilung Europas verbunden, die seine Folge war, aber die Autorin deutet sie gleichwohl nicht als Zwang, die Länder zu wechseln, sondern als Freiheit, immer neu anzufangen, als periodischen Zugewinn unbekannter Sprachen, Sphären, Klänge und Orte.

Unterwegskindheit

Die düstere Kehrseite des Umherziehens wird nur selten und für kurz aufgeschlagen: Da ist der Geschäftspartner des Vaters, der sanftmütige und herrlich kindische "Onkel Misi" , ein ungarischer Jude und englischer Offizier, dessen Verwandte dem Faschismus zum Opfer fielen und der sich eines Tages umbringt; da ist jenes andere Triest, von dem die Erzählerin, die sich immer nach der Stadt am Meer sehnen wird, nach und nach aus Büchern Kenntnis nimmt, die Stadt, in der das einzige Konzentrationslager auf italienischem Boden stand, eine Hochburg des italienischen Nationalismus, der es mit der slowenischen Bevölkerung immer hochmütig und verächtlich gehalten hat ...

Zürich wird für das Unterwegskind nicht zur Endstation, sondern zum festen, zum sicheren Ausgangspunkt. Wieder kommen zwei Sprachen dazu: Deutsch ist für Ilma Rakusa bald die tröstliche Sprache der Bücher, das Schwyzerdütsch hingegen erlernt sie zwar, aber es wächst ihr nicht ans Herz, bleibt zweckgebundenes Mittel zur Kommunikation mit der Umgebung. Was Wunder, dass das Kind, dem das Wissen um die Flüchtigkeit der Dinge wie eingeboren ist, sich früh Methoden aneignet, dem Fließenden Gestalt, dem Vergehenden Ordnung zu geben? Schon die Volksschülerin macht sich unentwegt Notizen, hält fest, was sie sieht und hört und riecht und vielleicht schon morgen nicht mehr sehen, hören, riechen, nur mehr aus dem Gedächtnis wird heraufrufen können.

Die "Liste" , die gebetsartige, beschwörende Aufzählung von Dingen - von Blumen, Namen, Ortsbezeichnungen, Grabinschriften -, ist der Kern von Rakusas literarischer Ethik, die sie mit dem von ihr übersetzten Danilo Kis teilt, der in seinen Romanen seitenweise die Namen verstorbener, ermordeter Nachbarn und Gefährten aufzählt. Worin sich bereits das Kind in seinen Notizheften übte, darin ist die Erzählerin auf der Höhe ihrer Meisterschaft unübertrefflich: Immer wieder unterbricht sie den Strom der Erinnerungen, den Fluss der Erzählung, um akribisch und poetisch zugleich "Listen" zu erstellen. "Verlässlich" sind ihr etwa diese Gerüche präsent: "der Braunkohlegeruch (Ljubljana), der Geruch nach Tang und frittierten Sardinen (Triest), Zypressenduft (Triest, Grado), der Geruch nach Zuckerwatte und gerösteten Mandeln (die Jahrmärkte meiner Kindheit), der Geruch nach abgestandenem Fett und Pisse (Provinzbahnhöfe Osteuropas), Javelwassergeruch (ungeziefergeplagter Süden), dumpfer Weihrauchgeruch (Italiens Kirchen), Jodgeruch (alte Apotheken)."

Sprachenkundig, weltgewandt, ist die Heranwachsende begabt für die Freundschaft, für die Liebe, aber auch für die Einsamkeit. Lange weiß Ilma Rakusa nicht, ob sie, die ausgezeichnete Pianistin und begeisterte Sängerin, sich für die Musik oder die Literatur entscheiden soll. Erste Liebschaften stehen unter dem Zeichen der himmlischen Musik, mit zwanzig entscheidet sie sich jedoch für das Schreiben, vielleicht auch, weil beim Musizieren auf professionellem Niveau viel reglementierte Zeit für das drillgemäße Üben erübrigt werden muss.

Im letzten Viertel ihrer "Erinnerungspassagen" wechselt Rakusa die Form, ja sogar das Genre. Kursorisch deutet sie die vielen Wege an, die sie seit Studententagen gegangen ist, memoirenhaft nennt sie Persönlichkeiten und Ereignisse, die für sie wichtig wurden. Auch das liest man gerne von einer Autorin, die weiß Gott einiges erlebt und interessante Menschen kennengelernt hat; vielleicht nimmt sie die am Ende ausgelegten Fäden selbst noch einmal auf, um eines Tages gewissermaßen reguläre Memoiren zu schreiben. Im grandiosen Buch ihrer Kindheit aber bewegen weniger die Porträts berühmter Zeitgenossen als die Beschwörungen verwehter Augenblicke, die leuchtenden Bilder vom wehen Glück, die Szenen einer großen Reise, die das Leben selbst ist.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.derstandard.at]

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