Mehrkampf von Burkhard Spinnen, 2007, Schöffling1.) - 3.)

Mehrkampf.
Roman von Burkhard Spinnen (2007, Schöffling&Co.)
Besprechung von Harry Nutt in der Frankfurter Rundschau, 8.01.2008:

Das ganze Leben danach
Burkhard Spinnens Roman "Mehrkampf"

Am Anfang fallen Schüsse. Roland Farwick sackt zusammen, überlebt den Anschlag aber. Er ist nur leicht verletzt. Hat der Schütze ihn gar nicht tödlich treffen wollen? Und warum schießt überhaupt jemand auf den Ex-Weltrekordler im Zehnkampf?

Burkhard Spinnen hat für seinen Roman "Mehrkampf" das Genre des Krimis gewählt, in dessen Hauptfigur Roland Farwick unschwer der Leichtathlet Jürgen Hingsen zu erkennen ist, der nach mehreren Weltrekorden bei den Olympischen Spielen 1988 in Seoul gescheitet war. Beim 100-Meter-Lauf, der Eröffnungsdisziplin des Zehnkampfs, schied er nach drei Fehlstarts aus. Hingsens nervöses Zucken im falschen Moment ist bis heute ein Rätsel und Bestandteil der bundesrepublikanischen Sportmythologie. Der idealtypische Athlet, dessen Körper sogar vom betagten Nazi-Bildhauer Arno Breker in Bronze gegossen wurde, blieb in der öffentlichen Wahrnehmung vor allem mit seinem Versagen im Gedächtnis. Spinnen verwischt Hingsens Spuren nur schwach, indem er seine Romanfigur Farwick vier Jahre früher als Hingsen in Los Angeles beim Weitsprung scheitern lässt.

Gibt es den einen Augenblick?

Es dürfte Spinnen kaum darum gegangen sein, sein handwerkliches Können auch einmal in den Gattungen Krimi und Sportroman unter Beweis stellen zu wollen. Für sein intelligentes Spiel mit zwei Akteuren der so genannten 78er Generation geben sie allenfalls die Folie ab, auf der er seinen ambitionierten Versuch über das Scheitern und das fahrlässige oder bewusste Bleiben unter den eigenen Möglichkeiten abbildet. Gibt es den Augenblick im Leben, in dem man darüber entscheiden kann, ob man der sein will, der man war oder ein anderer werden will? Und wie geht man mit der Situation um, in der man sich eingestehen muss, dass das eigene Leben weniger spektakulär verlaufen ist, als man es sich ausgemalt hatte? Die nachträgliche Reflexion fällt nüchtern aus. Zehnkämpfer Farwick sieht sich als Fachmann für das, was noch kommt. "Ich bin ein Weltmeister im Weiterleben."

Burkhard Spinnen, Jahrgang 1956, beschreibt so genau wie kein anderer das Lebensgefühl seiner Generation, die vom großen Gefühl der Revolte noch gestreift, aber nicht mehr mitgerissen wurde. Das erklärt auch die Liebe der mittleren und späten 50er Jahrgänge zum Sport. Dort waren wenigstens ersatzweise, 1972 und 1974, emphatische Momente zu genießen.

Und so sind es die sparsam eingesetzten Gedankenspiele über Mittelmaß und Wahn, die Spinnens Roman zu einem intellektuellen Vergnügen machen. Der Zehnkämpfer, der so genannte König der Athleten, ist trotz seiner modellhaften Statur nur ein Experte des Mittelmaßes. In keiner Disziplin leistet er Außergewöhnliches. Das Herausragen in der einen könnte das Erreichen des Durchschnitts in der anderen gefährden. Seine Kunst besteht darin, alles gleichmäßig gut zu können. "Das Mittelmaß", resümiert Farwick, "war Weltrekord geworden. Und weil ich das endlich verstanden hatte, war ich ab jetzt der perfekte Zehnkämpfer."

Spinnens Roman ist ein Mehrkampf darstellerischer Formen. Sportgeschichte und kriminalistische Spurensuche münden in ein Strategiespiel mit U-Booten, das Farwick und der Kommissar über eine Online-Gemeinde spielen, ohne voneinander zu wissen. Der ermittelnde Kommissar heißt Ludger Grambach, der als Schüler ein Überflieger und begabter Sportler war und Farwicks Blackout von Los Angeles einst am Fernseher verfolgte. Die Suche nach dem Täter wird so auch zu einer Reise zurück in die frühen achtziger Jahre, als beiden Hauptpersonen noch eine verheißungsvolle Zukunft prognostiziert werden konnte, beide aber auch damit kokettierten, die Chancen ihres Lebens einfach verstreichen zu lassen.

Fürs Scheitern zuständig

In seinem Buch "Der schwarze Grat", einem dokumentarischen Bericht über einen fortwährend vom betrieblichen Scheitern bedrohten Unternehmer, hat Spinnen schon einmal bekannt, als Schriftsteller vor allem für das Scheitern zuständig zu sein. Auch diesmal geht es ihm nicht um ein punktuelles Versagen, das die Zukunft determiniert. In "Mehrkampf" wird kein tragisches Schicksal ausgelotet.

In gewöhnlichen Biografien gibt es nicht einmal ein verlässliches Maß dafür, was Lebenschancen sind und wann sie sich bieten. Spinnens Helden Farwick und Grambach sehen sich plötzlich mit der Erkenntnis konfrontiert, nicht mehr jung, aber auch noch nicht richtig alt zu sein. "Im Grunde eine Zeit, in der man nirgendwo mehr Unterschlupf findet", so eine Nebenperson.

Vielleicht ist das einer der Gründe dafür, warum beide in ein virtuelles Leben abtauchen und sich an immer perfekteren Computerdarstellungen fremder Spielwelten begeistern. Ebenso wenig wie "Mehrkampf" die Sportbiografie des Jürgen Hingsen nachzeichnet, ist die Geschichte ein Krimi. Spinnen hat sein Romanpersonal überzeichnet, als handelte es sich um Avatare des "Second Life". Spinnens Welt bietet jedoch nicht die Möglichkeit, sich in animierte Künstlichkeit zu flüchten.

Natürlich verrät der Roman einiges über Sport, und der Krimi hält am Ende auch eine überraschende Auflösung parat. Zuallererst ist "Mehrkampf" aber eine Parabel über das Vergehen von Zeit, die allmähliche wie zwangsläufige Desillusionierung von Größenphantasien und den Rest, der bleibt.

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Mehrkampf von Burkhard Spinnen, 2007, Schöffling2.)

Mehrkampf.
Roman von Burkhard Spinnen (2007, Schöffling&Co.)
Besprechung von Jens Dirksen aus der NRZ vom 15.01.2008:

Versager auf der Langstrecke des Lebens

Seltsam: Der Sport stellt die ideale Motiv-Welt für Geschichten aus der Konkurrenzgesellschaft bereit - und doch tun sich Sport-Romane oft schwer. "Brot und Spiele" mit einem Langstreckenläufer im Mittelpunkt ist einer der weniger guten Romane von Siegfried Lenz, "Die Einsamkeit des Langstreckenläufers" von Alan Sillitoe eine aufdringlich parabelnde Story vom und zum Weglaufen. Und Uwe Johnsons "Drittes Buch über Achim" ist ein recht bemühtes Kunststück über die inneren Widersprüche des Individuums im Kollektiv, das die Bildhaltigkeit des Radsports ausschöpft; aber es dreht sich ohnehin mehr um den Graben zwischen Lebensläufen und den Biografien, die darüber geschrieben werden.

Frühstarts und Lebenswenden

Auch in Burkhard Spinnens Roman "Mehrkampf" geht es um Lebenswenden, um das Versagen vor großen Herausforderungen. Da ist der Zehnkämpfer Roland Farwick, der Weltrekordler, der bei den Olympischen Spielen von Los Angeles versagt hat, indem er beim Weitsprung dreimal hintereinander ungültige Versuche unternahm - übergetreten. Die Figur ist klar erkennbar nach dem Vorbild von Jürgen Hingsen modelliert, der 1988 in Seoul durch einen dreimaligen Frühstart beim 100-Meter-Lauf seine Karriere knickte.

Warum eine derart deutliche Anspielung? Vielleicht um dem Anschein entgegenzuwirken, der Roman sei durch und durch konstruiert - aber das ist er nun mal, und das Konstruktionsschema schimmert unter den blassen Figuren und ihrer Milchglas-Wirklichkeit immer wieder durch.

Dabei ist der Anfang stark, fast ein Hollywood-Auftakt: Jemand schießt auf Farwick, der zwanzig Jahre nach dem schmachvollen Scheitern längst in ein beinahe durchschnittliches Angestelltendasein abgetaucht ist. Und schießt noch mal. Farwick, getroffen, lässt sich in einen Lichtschacht fallen, rettet sich, dramatisch.

Doch dann nimmt Kommissar Ludger Grambach die Ermittlungen auf, die Spiegelfigur zu Farwick: Einst ein Überflieger auch er, intellektuell vor allem, und nun ein Kriminalkommissar, der die abstruse Theorie entwickelt, Farwick habe jemanden dazu angestiftet, auf sich zu schießen. Überhaupt passt die Psychologie des Romanpersonals angesichts der vielen Unwahrscheinlichkeiten und Überdrehungen nicht zum Langstreckenrealismus seines Stils. Für einen Krimi hängt der Spannungsbogen in der Mitte zu sehr durch; und für den im "Mehrkampf" angelegten Roman einer Generation, die vor lauter Bedenken und Versagensangst an den Sternen vorbeigegriffen hat, fehlt hier jeder historische Resonanzboden.
Der 1956 in Mönchengladbach geborene, in Münster lebende Romancier und Kinderbuchautor Burkhard Spinnen hat sich als souveräner Spezialist fürs Normale, als epischer Buchhalter des Scheiterns im Alltag bewährt. In der Welt der Rekorde und Siege, der Hochspannung und der menschlichen Abgründe aber fremdelt er spürbar. (NRZ)

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Mehrkampf von Burkhard Spinnen, 2007, Schöffling3.)

Mehrkampf.
Roman von Burkhard Spinnen (2007, Schöffling&Co.)
Besprechung von Daniela Strigl in Der Standard, Wien vom 24.1.2008:

Reservetorwart heißt ein Band mit Erzählungen von Burkhard Spinnen, "Mehrkampf" sein jüngster Roman.
Doch, der deutsche Autor hat es ein wenig mit Sport. Obwohl dieser im deutschsprachigen Raum abseits des im Umfeld von Großereignissen grassierenden Fußballfiebers als literarisch nicht wirklich satisfaktionsfähig gilt.

"Dabei liefert der Sport zunehmend Vorstellungen, Geschichten und Metaphern für unser Alltagsbewusstsein", meint Spinnen. "Man kommt, wenn man über die Gegenwart schreiben will, nicht daran vorbei." In Mehrkampf greift er den Fall des Zehnkämpfers Jürgen Hingsen auf, eines Modellathleten und Olympiasilbermedaillengewinners (1984), der vier Jahre später in Seoul katastrophal scheiterte, als er wegen dreier Fehlstarts gleich im eröffnenden 100-m-Lauf disqualifiziert wurde.

Eine Tausendstelsekunde entschied. Es ist die Geschichte eines tragischen Helden, die Spinnen in seinem Roman erzählt. Besonders reizte ihn daran die Frage, was danach kommt: "Es gibt heute immer mehr Menschen, die früh den Höhepunkt ihrer Biografie erleben und dann mit ihrer eigenen Geschichte alt werden müssen. Diese Verwerfungen in Lebensgeschichten haben mich immer schon interessiert."

Der Autor ist mit sich allein

Spinnen hat die Geschichte für seinen Roman ein wenig verschleiert und ins Jahr 1984 vorverlegt. "Ich weiß nicht, was Herrn Hingsen 1988 in Seoul passiert ist", sagt er. "Ich habe ihn auch nie gefragt. Mein Zehnkämpfer erleidet während des Wettkampfs eine Identitätskrise. Er entscheidet sich innerhalb weniger Minuten gegen das Prinzip von Harmonie und Ausgeglichenheit, um doch einmal in einer Einzeldisziplin der Allerbeste zu sein."

Jürgen Hingsen war etwas über 30, als er seine aktive Karriere beendete. In einem Alter, in dem Sportler ans Aufhören denken, erreichen Autoren gerade einmal Betriebstemperatur. Insofern wäre die Literatur an sich das gesündere System, in dem zudem bis ins hohe Alter Höchstleistungen möglich sind. "Deshalb habe ich meine Karriere als Läufer bei der DJK Sportfreunde Hehn auch ohne Reue abgebrochen und bin nun nur mehr aktiver Zuschauer", lacht Spinnen.

Auch der Literaturbetrieb kann hart sein. Zumal bei den alljährlichen Tagen der deutschsprachigen Literatur vulgo Bachmannpreis in Klagenfurt, ihrerseits ebenfalls eine Art sportlicher Wettstreit. Hier hat sich Spinnen als kluger, gerne auch etwas gewagt räsonierender Juror einen Namen gemacht. Heuer hat der 51-jährige Münsteraner, nachdem er im vergangenen Jahr eine Auszeit nahm, von Iris Radisch den Vorsitz der Jury übernommen.

Wie er diese neue Rolle anlegen wird? "Ich glaube, man ist ziemlich frei darin, diese Funktion zu füllen. Ich sehe mich jedenfalls weniger als CEO und eher als guten Geist der Mannschaft." Spinnen will nicht aburteilen, kennt er doch die andere Seite. 1992 war er als Autor beim Bachmannpreis. "Man empfindet in dieser Situation ähnlich wie ein Zehnkämpfer. Der eigentliche Wettbewerb findet in einem selbst statt."

Der Autor ist immer mit sich allein. Umso wichtiger findet Spinnen, dass sich angehende Autoren auch Ratschläge von erfahrenen Kollegen holen. So hat er am Leipziger Literaturinstitut unterrichtet und gibt aus Überzeugung Kurse in kreativem Schreiben. Mit Wien verbindet Spinnen eine Liebe zur Literatur des Fin de Siècle. Er fungiert als Herausgeber der Werke von Peter Altenberg, die gerade eine Wiederentdeckung erfahren, und verehrt Arthur Schnitzler. Auch dem Klischeebild vom Kaffeehausliteraten kann der studierte Germanist durchaus etwas abgewinnen: "Im Kaffeehaus sitzen und inmitten des tosenden und tobenden Alltagsgeredes gegen eben dieses anschreiben – das ist doch eine schöne Utopie."

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