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Mehrkampf.
Roman von Burkhard
Spinnen (2007, Schöffling&Co.)
Besprechung von Harry Nutt in der Frankfurter Rundschau,
8.01.2008:
Das ganze Leben danach
Burkhard Spinnens Roman
"Mehrkampf"
Gibt es den einen Augenblick?
Es dürfte Spinnen kaum darum gegangen sein, sein
handwerkliches Können auch einmal in den Gattungen Krimi und Sportroman unter
Beweis stellen zu wollen. Für sein intelligentes Spiel mit zwei Akteuren der so
genannten 78er Generation geben sie allenfalls die Folie ab, auf der er seinen
ambitionierten Versuch über das Scheitern und das fahrlässige oder bewusste
Bleiben unter den eigenen Möglichkeiten abbildet. Gibt es den Augenblick im
Leben, in dem man darüber entscheiden kann, ob man der sein will, der man war
oder ein anderer werden will? Und wie geht man mit der Situation um, in der man
sich eingestehen muss, dass das eigene Leben weniger spektakulär verlaufen ist,
als man es sich ausgemalt hatte? Die nachträgliche Reflexion fällt nüchtern
aus. Zehnkämpfer Farwick sieht sich als Fachmann für das, was noch kommt.
"Ich bin ein Weltmeister im Weiterleben."
Burkhard Spinnen, Jahrgang 1956, beschreibt so genau wie kein anderer das
Lebensgefühl seiner Generation, die vom großen Gefühl der Revolte noch
gestreift, aber nicht mehr mitgerissen wurde. Das erklärt auch die Liebe der
mittleren und späten 50er Jahrgänge zum Sport. Dort waren wenigstens
ersatzweise, 1972 und 1974, emphatische Momente zu genießen.
Und so sind es die sparsam eingesetzten Gedankenspiele über Mittelmaß und
Wahn, die Spinnens Roman zu einem intellektuellen Vergnügen machen. Der Zehnkämpfer,
der so genannte König der Athleten, ist trotz seiner modellhaften Statur nur
ein Experte des Mittelmaßes. In keiner Disziplin leistet er Außergewöhnliches.
Das Herausragen in der einen könnte das Erreichen des Durchschnitts in der
anderen gefährden. Seine Kunst besteht darin, alles gleichmäßig gut zu können.
"Das Mittelmaß", resümiert Farwick, "war Weltrekord geworden.
Und weil ich das endlich verstanden hatte, war ich ab jetzt der perfekte Zehnkämpfer."
Spinnens Roman ist ein Mehrkampf darstellerischer Formen. Sportgeschichte und
kriminalistische Spurensuche münden in ein Strategiespiel mit U-Booten, das
Farwick und der Kommissar über eine Online-Gemeinde spielen, ohne voneinander
zu wissen. Der ermittelnde Kommissar heißt Ludger Grambach, der als Schüler
ein Überflieger und begabter Sportler war und Farwicks Blackout von Los Angeles
einst am Fernseher verfolgte. Die Suche nach dem Täter wird so auch zu einer
Reise zurück in die frühen achtziger Jahre, als beiden Hauptpersonen noch eine
verheißungsvolle Zukunft prognostiziert werden konnte, beide aber auch damit
kokettierten, die Chancen ihres Lebens einfach verstreichen zu lassen.
Fürs Scheitern zuständig
In seinem Buch "Der schwarze Grat", einem dokumentarischen Bericht über
einen fortwährend vom betrieblichen Scheitern bedrohten Unternehmer, hat
Spinnen schon einmal bekannt, als Schriftsteller vor allem für das Scheitern
zuständig zu sein. Auch diesmal geht es ihm nicht um ein punktuelles Versagen,
das die Zukunft determiniert. In "Mehrkampf" wird kein tragisches
Schicksal ausgelotet.
In gewöhnlichen Biografien gibt es nicht einmal ein verlässliches Maß dafür,
was Lebenschancen sind und wann sie sich bieten. Spinnens Helden Farwick und
Grambach sehen sich plötzlich mit der Erkenntnis konfrontiert, nicht mehr jung,
aber auch noch nicht richtig alt zu sein. "Im Grunde eine Zeit, in der man
nirgendwo mehr Unterschlupf findet", so eine Nebenperson.
Vielleicht ist das einer der Gründe dafür, warum beide in ein virtuelles Leben
abtauchen und sich an immer perfekteren Computerdarstellungen fremder
Spielwelten begeistern. Ebenso wenig wie "Mehrkampf" die
Sportbiografie des Jürgen Hingsen nachzeichnet, ist die Geschichte ein Krimi.
Spinnen hat sein Romanpersonal überzeichnet, als handelte es sich um Avatare
des "Second Life". Spinnens Welt bietet jedoch nicht die Möglichkeit,
sich in animierte Künstlichkeit zu flüchten.
Natürlich verrät der Roman einiges über Sport, und der Krimi hält am Ende
auch eine überraschende Auflösung parat. Zuallererst ist "Mehrkampf"
aber eine Parabel über das Vergehen von Zeit, die allmähliche wie zwangsläufige
Desillusionierung von Größenphantasien und den Rest, der bleibt.
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2.)
Mehrkampf.
Roman von Burkhard
Spinnen (2007, Schöffling&Co.)
Besprechung von Jens Dirksen aus der
NRZ vom
15.01.2008:
Versager auf der Langstrecke des Lebens
Seltsam: Der Sport
stellt die ideale Motiv-Welt für Geschichten aus der Konkurrenzgesellschaft
bereit - und doch tun sich Sport-Romane oft schwer. "Brot und Spiele"
mit einem Langstreckenläufer im Mittelpunkt ist einer der weniger guten Romane
von Siegfried Lenz,
"Die Einsamkeit des Langstreckenläufers" von Alan Sillitoe eine
aufdringlich parabelnde Story vom und zum Weglaufen. Und Uwe Johnsons
"Drittes Buch über Achim" ist ein recht bemühtes Kunststück über
die inneren Widersprüche des Individuums im Kollektiv, das die Bildhaltigkeit
des Radsports ausschöpft; aber es dreht sich ohnehin mehr um den Graben
zwischen Lebensläufen und den Biografien, die darüber geschrieben werden.
Frühstarts und Lebenswenden
Auch in Burkhard Spinnens Roman "Mehrkampf" geht es um Lebenswenden,
um das Versagen vor großen Herausforderungen. Da ist der Zehnkämpfer Roland
Farwick, der Weltrekordler, der bei den Olympischen Spielen von Los Angeles
versagt hat, indem er beim Weitsprung dreimal hintereinander ungültige Versuche
unternahm - übergetreten. Die Figur ist klar erkennbar nach dem Vorbild von Jürgen
Hingsen modelliert, der 1988 in Seoul durch einen dreimaligen Frühstart beim
100-Meter-Lauf seine Karriere knickte.
Warum eine derart deutliche Anspielung? Vielleicht um dem Anschein
entgegenzuwirken, der Roman sei durch und durch konstruiert - aber das ist er
nun mal, und das Konstruktionsschema schimmert unter den blassen Figuren und
ihrer Milchglas-Wirklichkeit immer wieder durch.
Dabei ist der Anfang stark, fast ein Hollywood-Auftakt: Jemand schießt auf
Farwick, der zwanzig Jahre nach dem schmachvollen Scheitern längst in ein
beinahe durchschnittliches Angestelltendasein abgetaucht ist. Und schießt noch
mal. Farwick, getroffen, lässt sich in einen Lichtschacht fallen, rettet sich,
dramatisch.
Doch dann nimmt Kommissar Ludger Grambach die Ermittlungen auf, die Spiegelfigur
zu Farwick: Einst ein Überflieger auch er, intellektuell vor allem, und nun ein
Kriminalkommissar, der die abstruse Theorie entwickelt, Farwick habe jemanden
dazu angestiftet, auf sich zu schießen. Überhaupt passt die Psychologie des
Romanpersonals angesichts der vielen Unwahrscheinlichkeiten und Überdrehungen
nicht zum Langstreckenrealismus seines Stils. Für einen Krimi hängt der
Spannungsbogen in der Mitte zu sehr durch; und für den im "Mehrkampf"
angelegten Roman einer Generation, die vor lauter Bedenken und Versagensangst an
den Sternen vorbeigegriffen hat, fehlt hier jeder historische Resonanzboden.
Der 1956 in Mönchengladbach geborene, in Münster lebende Romancier und
Kinderbuchautor Burkhard Spinnen hat sich als souveräner Spezialist fürs
Normale, als epischer Buchhalter des Scheiterns im Alltag bewährt. In der Welt
der Rekorde und Siege, der Hochspannung und der menschlichen Abgründe aber
fremdelt er spürbar. (NRZ)
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]
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3.)
Mehrkampf.
Roman von Burkhard
Spinnen (2007, Schöffling&Co.)
Besprechung von Daniela
Strigl in Der Standard, Wien vom
24.1.2008:
Reservetorwart heißt ein Band mit Erzählungen
von Burkhard Spinnen, "Mehrkampf" sein jüngster Roman.
Doch, der deutsche Autor hat es ein wenig
mit Sport. Obwohl dieser im deutschsprachigen Raum abseits des im Umfeld von Großereignissen
grassierenden Fußballfiebers als literarisch nicht wirklich satisfaktionsfähig
gilt.
"Dabei liefert der Sport zunehmend Vorstellungen, Geschichten und Metaphern für unser Alltagsbewusstsein", meint Spinnen. "Man kommt, wenn man über die Gegenwart schreiben will, nicht daran vorbei." In Mehrkampf greift er den Fall des Zehnkämpfers Jürgen Hingsen auf, eines Modellathleten und Olympiasilbermedaillengewinners (1984), der vier Jahre später in Seoul katastrophal scheiterte, als er wegen dreier Fehlstarts gleich im eröffnenden 100-m-Lauf disqualifiziert wurde.
Eine Tausendstelsekunde entschied. Es ist die Geschichte eines tragischen Helden, die Spinnen in seinem Roman erzählt. Besonders reizte ihn daran die Frage, was danach kommt: "Es gibt heute immer mehr Menschen, die früh den Höhepunkt ihrer Biografie erleben und dann mit ihrer eigenen Geschichte alt werden müssen. Diese Verwerfungen in Lebensgeschichten haben mich immer schon interessiert."
Der Autor ist mit sich allein
Spinnen hat die Geschichte für seinen Roman ein wenig verschleiert und ins Jahr 1984 vorverlegt. "Ich weiß nicht, was Herrn Hingsen 1988 in Seoul passiert ist", sagt er. "Ich habe ihn auch nie gefragt. Mein Zehnkämpfer erleidet während des Wettkampfs eine Identitätskrise. Er entscheidet sich innerhalb weniger Minuten gegen das Prinzip von Harmonie und Ausgeglichenheit, um doch einmal in einer Einzeldisziplin der Allerbeste zu sein."
Jürgen Hingsen war etwas über 30, als er seine aktive Karriere beendete. In einem Alter, in dem Sportler ans Aufhören denken, erreichen Autoren gerade einmal Betriebstemperatur. Insofern wäre die Literatur an sich das gesündere System, in dem zudem bis ins hohe Alter Höchstleistungen möglich sind. "Deshalb habe ich meine Karriere als Läufer bei der DJK Sportfreunde Hehn auch ohne Reue abgebrochen und bin nun nur mehr aktiver Zuschauer", lacht Spinnen.
Auch der Literaturbetrieb kann hart sein. Zumal bei den alljährlichen Tagen der deutschsprachigen Literatur vulgo Bachmannpreis in Klagenfurt, ihrerseits ebenfalls eine Art sportlicher Wettstreit. Hier hat sich Spinnen als kluger, gerne auch etwas gewagt räsonierender Juror einen Namen gemacht. Heuer hat der 51-jährige Münsteraner, nachdem er im vergangenen Jahr eine Auszeit nahm, von Iris Radisch den Vorsitz der Jury übernommen.
Wie er diese neue Rolle anlegen wird? "Ich glaube, man ist ziemlich frei darin, diese Funktion zu füllen. Ich sehe mich jedenfalls weniger als CEO und eher als guten Geist der Mannschaft." Spinnen will nicht aburteilen, kennt er doch die andere Seite. 1992 war er als Autor beim Bachmannpreis. "Man empfindet in dieser Situation ähnlich wie ein Zehnkämpfer. Der eigentliche Wettbewerb findet in einem selbst statt."
Der Autor ist immer mit sich allein. Umso wichtiger findet Spinnen, dass sich angehende Autoren auch Ratschläge von erfahrenen Kollegen holen. So hat er am Leipziger Literaturinstitut unterrichtet und gibt aus Überzeugung Kurse in kreativem Schreiben. Mit Wien verbindet Spinnen eine Liebe zur Literatur des Fin de Siècle. Er fungiert als Herausgeber der Werke von Peter Altenberg, die gerade eine Wiederentdeckung erfahren, und verehrt Arthur Schnitzler. Auch dem Klischeebild vom Kaffeehausliteraten kann der studierte Germanist durchaus etwas abgewinnen: "Im Kaffeehaus sitzen und inmitten des tosenden und tobenden Alltagsgeredes gegen eben dieses anschreiben – das ist doch eine schöne Utopie."
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.derstandard.at]
Leseprobe I Buchbestellung 0108 LYRIKwelt © D.St./Der Standard