McKinsey kommt von Rolf Hochhuth, 2002, dtvMcKinsey kommt.
Stück von Rolf Hochhuth (2002, dtv).
Besprechung von Sabine Dultz im Münchner Merkur, 25.01.2004:

Nur Wodka, keine Kalaschnikow
Rolf Hochhuths "McKinsey kommt"

Ist Rolf Hochhuth noch zu retten? Die Wogen schlagen derzeit hoch um den Dramatiker, der so frech, so furchtlos, so unabhängig ist wie nur ganz wenige seiner Zunft. Der, wie es sich aus seinem neuesten Text deuten lässt, laut den politischen Mord befürwortet. Der sich dadurch nicht scheut, sich auf eine Ebene mit Terroristen zu stellen. Der verklärte Helden wie Wilhelm Tell zu Kronzeugen seiner Empörung aufruft.

Was ist geschehen? Der fast 73-Jährige vom Niederrhein, seinem derzeitigen Wohnsitz, hat abermals ein dokumentarisches Stück geschrieben. Keine große Bühne will es spielen. Nur das kleine Theater Brandenburg, wo demnächst die Uraufführung erfolgt. "McKinsey kommt", so der spektakuläre Titel des Schauspiels. Und Hochhuth, der Fuchs, weiß vermutlich selbst sehr genau: künstlerisch-theatralisch gesehen ist das kein toller Wurf.

Umso perfekter jetzt das, was an Werbung für dieses Projekt nun in den Medien tobt. Er hat alle Hebel der PR-Maschinerie in Bewegung gesetzt, hat keinen Aufreger, keinen Auftritt, keinen Anruf ausgelassen. Und siehe da, es klappt vorzüglich. Der Buhmann mit der großen, moralischen Klappe ist, egal, ob's einem gefällt, wieder einmal nicht zu überhören. Seine genaue Kenntnis der Dinge, seine akribische Faktensammlung, die er zu hölzernen Dialogen zusammengestöpselt hat, seine Parteinahme für die von der Wirtschaft Ausgebooteten nicht zu ignorieren.

"Der Mann hat ein Gespür für Themen", anerkennt Marcel Reich-Ranicki denn auch. Und mehr noch: Er hat ein Talent, sie zum richtigen Zeitpunkt wie ein Bombe zu zünden. Dass er in seinem Eifer der Entrüstung auch belächelt wird, scheint ihn nicht zu stören. Was gehen ihn die coolen Ignoranten an? Er reckt den moralischen Zeigefinger - und "schießt" gegen die "Global Players" und ihre politischen Ermöglicher aus der SPD.

Der Plot seines Dramas: Die elegante Hilde ist in eigener Sache unterwegs - als Gründerin der "Partei der Arbeitslosen". Das nun zieht diverse Gespräche über jenes aktuelle Elend nach sich. Darunter auch, höchst umstritten, die Wiedergabe einer Filmdiskussion mit dem Thema "Mord als Hilfsmittel . . . bei Abwesenheit aller legalen Rechtsmittel, da man Richter in eigener Sache wird". Fazit der kläglichen Runde: "Wir nehmen nur Wodka, keine Kalaschnikow."

Hochhuths Drama ist eine wüste Mischung aus Tatsachen, Zeitungstexten, nationaler Elendsromantik und europäischen Behauptungsversuchen. Wer's gelesen hat, weiß es: wütende, aber letztlich harmlose Kost. Übrigens, McKinsey denkt ebenso: Das Unternehmen hat bereits in Brandenburg zwei Vorstellungen für seine Belegschaft gebucht.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.merkur-online.de]

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