Mayerling.
Theaterstück von Franzobel (2001).
Besprechung von Stephan Hilpold aus der Frankfurter Rundschau, 13.6.2001:

Fleischfresser und Sohn
Uraufführung in Wien: Franzobel schabt mit seinem Stück "Mayerling" sprachgewaltig am Habsburger-Mythos

Es war einmal ein Kaiser, der hatte eine dichtende Gemahlin, einen unglücklichen Sohn und eine besondere Vorliebe für gekochtes Rindfleisch. Doch die garstige Frau war ihm nicht hold, und der missratene Sohn erschoss sich. Nur Rindfleisch aß er bis an sein spätes Lebensende gern. Da die braven Untertanen aber den Kaiser über alles liebten, verziehen sie ihm auch das. Ihn und seine Lieben sollten sie nie vergessen. Bis zum heutigen Tag.

Und wohl darüber hinaus. Denn der Sprachartist Franzobel hat der österreichischen Kaiserfamilie ein unter seiner wortgewaltigen Aufmachung ziemlich zahmes Stück auf die vom Mythos geschundenen Leiber geschrieben. Ein Stück wie ein Märchen, auch wenn es im Untertitel "Eine österreichische Tragödie" heißt. Doch so ernst wie der Untertitel suggeriert muss man dieses Habsburger-Stück nicht nehmen. Franzobel hat Leben und frühes Sterben von Sohn Rudolf zur Farce umgeschrieben, also die eh schon wackeligen Gestalten in Österreichs Kaiserhimmel in gänzliche Schieflage gebracht. Mythos ist mit ihnen keiner mehr zu machen.

Im Wiener Volkstheater sitzt der backenbärtige Monarch (Toni Böhm), der auf den Namen Franz Josef hört, in seiner rot-weiß-roten Uniform hinter seinem Schreibtisch. Ein Abziehbild von Kaiser, detailgenau jenen Postkarten nachempfunden, die es zu Hunderten in der Wiener Innenstadt zu kaufen gibt. Kunstprodukte sind die Spießer-Gestalten in und rund um den drehenden Spanplatten-Container alle, den Jens Kilian für die Uraufführungs-Regisseurin Thirza Bruncken auf die Bühne hievte. Sisi (Barbara Nüsse) in ihrem Lieblingskleid, des Kaisers Geliebte Schratt (schön griesgrämig: Vera Borek) in dezentem Schwarz, der Leibfiaker Bratfisch oder der Kammerdiener Loschek: ein Personal wie aus einem Ramschladen kaiserlicher Devotionalien, die niemand mehr will und niemand mehr braucht. Und da der Abverkauf gerade begonnen hat, werden sie zum Selbstkostenpreis verschleudert.

Mayerling nennt Franzobel sein Verwurstungs-Stück, nach dem Ort unweit von Wien, in dem sich weiland 1889 Kronprinz Rudolf gemeinsam mit der erst 17jährigen Baroness Mary Vetsera das Leben nahm. Was damals genau passierte, darüber geben auch Historiker unterschiedliche Auskünfte. Der Phantasie aller Schnüffler in Habsburgs tiefen Gründen ist damit freier Lauf gelassen. Vor einigen Jahren stahl ein Immobilienhändler aus Linz gar Marys Gebeine, um hinter das Geheimnis des mysteriösen Doppelmordes zu kommen.

Franzobels Leichenschändung ist da schon etwas diffiziler: Er steckt seine Figuren in ein enges Sprachkorsett, in dem sie vor metaphorischer Exaltiertheit beinahe keine Luft mehr kriegen. Als später Nachfahre Nestroys ist der 1967 in Vöcklabruck geborene und durch die Verleihung des Ingeborg-Bachmann-Preises zu Literatenehren gekommene Franzobel in erster Linie Sprachpoet. Unter den jungen Dichtersöhnen Österreichs führt er am geradlinigsten die Tradition schnell gemachter deftiger Volksstücke fort. Ein barocker Wort-Wüstling, eine deftige Spaßkanone, die aus allen Rohren schießt, aber diesmal leider die falsche Munition verwendet. Denn die Kanonenkugeln, die mitten hinein in die österreichische Vergangenheitsseligkeit gerichtet sind, zerfallen in der Luft zu Schall und Rauch.

Dabei täte eine Attacke auf jenes Phänomen Not, das Franzobel sehr schön als nachträgliche "Verhabsburgerung" Österreichs beschrieben hat. Eine Attacke auf den Monarchen tief drinnen in jedem Voralpenmenschen, auf die "Endlos-Sisi-Filme", auf den gemütlichen "Zombie austriacus". Doch Franzobel bleibt mit seiner Farce selbst im Operettenstaat stecken. Er inszeniert den kaiserlichen Tratsch als Trash, als ob es sich dabei um ein Tabu handeln würde. Er kratzt am Mythos, der schon lange als solcher entlarvt wurde. Aber all das, was darunter steckt, was sich in Sedimenten in Herrn und Frau Österreicher abgelagert hat, bleibt intakt. Auf die Palme bringen werden manche Abonnenten letztlich nur die vielen f-Wörter.

Viel wusste Regisseurin Thirza Bruncken mit Franzobels Schnellschuss, den er im Auftrag des Volkstheaters abfeuerte, auch nicht anzufangen. Sie lässt die Sprachfiguren über ihre eigenen Sprachwallungen hinweg spielen, ohne unnötig nach Bedeutungen zu suchen. Im besten Falle gerinnt die Farce dadurch zum halb lustigen Kabarett, im schlechteren zur Regieposse.

Mit vielen gewöhnungsbedürftigen Einlagen: Das Jungmädchen Mary Vetsera der Meriam Abbas outriert was das Zeug hält, während sie dem Kronprinz Rudolf des Jörg Pose hinterher buckelt. Dieser holt - flankiert von einem Hirschen und einem Skelett mit Krone - zur finalen Kopulation aus, bevor sich die beiden den Lauf der Pistole in den Mund schieben.

Ein langwieriges Ende, dem Bruncken ein schwarzes Wienerlied hinterher schiebt, bevor sich die Hofgesellschaft recht schnell mit dem frühen Tod des Kronprinzen abfindet. "Jo, so a Selbstmord war schen", singt Fritz Hammel in bester Vorstadttradition, und für einen Moment blitzt der dunkle Untergrund in Franzobels todessüchtiger Historienfarce dann doch noch auf. Der Mythos vom alten Kaiser und seiner schönen Kaiserin wird es überleben.

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