Mau Mau.
Roman von Elke
Naters (2002, Kiepenheuer & Witsch).
Besprechung von Elke Buhr in der Frankfurter Rundschau, 4.7.2002:
Schlag
nach bei Bataille
"Mau Mau" darf ein Roman von Elke
Naters heißen
Der Begriff, der an Elke Naters wohl am nachhaltigsten klebt, noch mehr als Pop-Literatur, ist der der Oberfläche. Für ihre Kritiker bedeutet er vor allem Oberflächlichkeit; für andere führt er zu Naters Aufmerksamkeit für die Welt der Dinge. Es geht in ihren zwei ersten Romanen Königinnen und Lügen, besonders in dem Tagebuchartigen G.L.A.M., um Gucci-Taschen und Prada-Schuhe, den Schnitt eines Gesichtes und den Schnitt des Haares und wie die beiden zusammen ein harmonisches Ensemble ergeben. Und es geht davon ausgehend darum, wie Menschen um die Dreißig ihrem Ich eine Form geben, indem sie immer wieder die richtige Tasche zur richtigen Frisur zur richtigen Bar zum richtigen Leben suchen.
Bei all dem Interesse für das Außen der Dinge ist es durchaus legitim, sich auch Elke Naters neuem Roman Mau Mau von seiner Oberfläche her zu nähern: dem Cover. Vier von Naters selbst geschossene Fotografien sind darauf zu sehen: Vorn eine zerknüllte Bettdecke vor einem Ventilator, daneben, ganz schmal, rote Blüten an einem exotischen Strauch vor hellem Himmel; auf der Rückseite dann ein knutschendes Pärchen und der Blick aus einem Balkon auf ein Hausdach. Der Fotograf Wolfgang Tillmans hat mit solchen extrem bruchstückhaften, scheinbar schnappschussartigen Impressionen das Lebensgefühl seiner Generation sehr erfolgreich nachgezeichnet. Der Überblick der Totalen ist nicht erwünscht, genauso wenig wie ein Dahinter oder ein historisches Früher: Es geht um absolute Gegenwärtigkeit, und die findet sich im Detail.
Und so kann man auch den Roman lesen, der sich hinter Naters Fotos verbirgt: Eine Momentaufnahme aus sehr subjektiver Perspektive, die nicht enthüllt, sondern schlicht zeigt. Schnappschüsse spielen im Übrigen eine nicht unwesentliche Rolle in der Geschichte um Frank und Mika, Susanne, Carsten und Ida, die Elke Naters erzählt. Die fünf sind zusammen im Urlaub auf einer nicht näher definierten sonnigen Insel, und der Spaß, den sie dort zu haben beanspruchen, muss sich in sorgfältig inszenierten Fotos niederschlagen, sonst ist er keiner.
Ida, die Ich-Erzählerin des ersten Teils, hat gelegentlich Probleme, bei der professionellen Spaß-Produktion der andern Vier mitzumachen und kann sie darum um so besser beschreiben: Wie Mika und Susanne identische Bikinis kaufen - ohne Ida - und dann den Grad ihrer Erholung an der Bräune der Haut messen. Wie Mika, Susanne, Frank und Carsten mit großem Getöse ins Wasser gehen, so dass der ganze Strand an ihrem Vergnügen teil hat. Wie die Clique abends beim Mau Mau sitzt - immer ist es Mau Mau, die dominante Mika will es so - und sich zwingt, das amüsant zu finden. Wie der langweilige Frank immer erst munter wird, wenn er stockbesoffen ist. Wie der narzisstische Carsten seine gute Laune mit einem unendlichen Arsenal von Pillen aufrecht erhält.
In einfachen Worten und einfachen Sätzen, in vielen Redundanzen spult sich Idas Beschreibung ihres Urlaubs ab. Es ereignet sich nicht viel, den meisten Raum nehmen die Charakterisierungen der Personen ein: Weniger ihrer Gefühle als ihrer Gewohnheiten, Ticks und gruppendynamischer Tricks. Man folgt diesen Beschreibungen mit leicht angeekeltem Wiedererkennen: So läuft das, wenn Mädchen das Beste-Freundinnen-Spiel spielen und die Dritte subtil auflaufen lassen, wenn Jungs sich saufend produzieren oder pillenwerfend dem eigenen Körper verfallen. Vielleicht möchte man dem selbstbezogenen Leerlauf dieser spätadoleszenten Mini-Gesellschaft gar nicht so intensiv beiwohnen. Aber die Momentaufnahme ist zumindest scharf.
Bis dann, in einem zweiten Teil, plötzlich die egozentrische Mika die Rolle der Ich-Erzählerin bekommt, Ida und dann auch Carsten und Susanne komplett aus dem Blickfeld verschwinden und doch noch so etwas wie Handlung beginnt. Der Leser bekommt die Beziehung zwischen dem schwachen, hypochondrischen Frank und der herrischen Mika aus der Innenperspektive geliefert, schonungslos nimmt er an Mikas Verachtung teil und wundert sich mit ihr über die Liebe, die sie trotzdem empfindet. Es ist eine vollkommen unromantische Liebe, mit grausamem Witz erzählt, die letztlich dem pornographischen Prinzip der Zersplitterung des Gegenübers in Partialobjekte folgt: Den ganze Mann findet Mika lächerlich, seinen Schwanz aber mag sie, und seine Zähne.
Frank wird ernsthaft krank, Mika schleift ihn in den Dschungel, dort schlägt das Schicksal zu. Oder nein, eher ein Virus. Oder irgendein alkoholgeschädigtes inneres Organ. Wie lange bleibt der Schwanz eigentlich steif nach dem Tod? Wer will, schlägt nach bei Bataille, den meisten wird's egal sein - denn mehr als ein leichtes Befremden hat man gegenüber dem Opfer eh nicht empfunden. Letzte Dinge passen einfach nicht so gut ins Schnappschussformat.
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