1.) - 2.)
Matta
verlässt seine Kinder.
Roman von Gregor
Hens (2004, S. Fischer).
Besprechung von Martin Krumbholz in Neue
Zürcher Zeitung, 3.6.2004:
Vollständige Abtrennung
Gregor Hens' Roman «Matta verlässt seine Kinder»
Der vierzigjährige Karsten Matta, «ein sehr erfolgreicher Mann alles in allem», ein «Krisenspezialist», der im Auftrag einer Consulting-Firma, eines «kleinen, hocheffizienten Think Tank», (ehemalige) Kriegsgebiete bereist und mit seiner Frau Rebecca in einer komfortablen «offenen Beziehung» lebt, gerät in eine sozusagen hausgemachte Krise, für die er sich nicht als Spezialist erweist - jedenfalls nicht im Sinne eleganter Lösungen. Matta - darin steckt das Adjektiv «matt», aber das mag Zufall sein - ist es einfach leid, in irgendwelchen Konsulaten auf Visa zu warten und dabei das Vorrücken des Minutenzeigers der Wanduhr zu begaffen. Eines Freitags fährt er nach Hause, um seine Familie zu verlassen: Frau Rebecca, deren anstrengende Grossmut ihn nervt, und die beiden Kinder, den achtjährigen Chris, Mittelstürmer der Schülermannschaft, und den fünfjährigen Malte, der eigentlich Friedrich heisst, oder ist es umgekehrt? «Ich komme nicht wieder», sagt Matta. «Ich komme nicht in dieses Leben zurück.» Schade. Und die Kinder? Die haben Pech. Sie werden von ihrem Vater verlassen. «Dann ging er. Ohne sich noch einmal nach seiner Familie umzuschauen. Ohne auch nur den Kindern über die Köpfe zu streichen.»
«Matta verlässt seine Kinder»: Der Titel ist strategisch klug gewählt, er passt in eine Zeit, in der ebendies täglich geschieht. Aber im Roman geht es nicht um die verlassenen Kinder. Gregor Hens, der für sein Début «Himmelssturz» gefeiert wurde, erzählt in seinem zweiten Roman eine ganz gewöhnliche Dreiecksgeschichte, aber er möchte sie partout mit ungewöhnlichen Mitteln erzählen. Daher der plakative Titel und der Name der Titelfigur: Beides lässt eine Distanz zum Protagonisten erwarten, die der Roman nicht konsequent entwickelt. Daher auch eine ganze Reihe formaler Extravaganzen wie etwa die unmotivierten Perspektivenwechsel: Ob der personale Erzähler plötzlich als auktoriales «Ich» in Erscheinung tritt oder ob er nonchalant in die Perspektive einer Nebenfigur überwechselt - es wirkt willkürlich.
Das Fatale daran aber ist: In dieser Hinsicht unterscheidet sich der Autor nicht von seinem Erzähler und dieser nicht von seinem Protagonisten. Auf allen Ebenen werden Entscheidungen getroffen - ästhetische und moralische -, die genauso gut anders fallen könnten. Mattas familiäre Situation wird keineswegs als unerträglich geschildert: Rebecca toleriert die Existenz einer Rivalin, unterhält ihrerseits Neben-Liebschaften; es geht nicht um die Flucht aus einer Ehehölle, vielmehr hat Matta schlicht und einfach genug von allem, vom Job, von der Ehefrau - es zieht ihn zu seiner Geliebten, der Schwedin Malin, die er seit drei Jahren kennt. Na schön.
Nach diesem Prinzip des «Anything goes» ist auch der Roman gestrickt. Bei weitem mehr als für den herzensträgen und mittelmässigen Helden interessiert Hens sich dafür, einen «interessant» wirkenden Text zu fabrizieren. Daher der ausgetüftelte Einstieg, in dem das Vorrücken des Minutenzeigers einer Wanduhr beschrieben wird. Und daher der ebenso ausgetüftelte Schluss, in dem der Autounfall des Protagonisten als neutrales technisches Ereignis kühl protokolliert, die Lust am Grauen knapp unterdrückt wird: «dass Dekapitation, also vollständige oder partielle Abtrennung des Kopfes vom Körper, keine Seltenheit sei bei derartigen VUs», darüber informiert der eine Rettungsmann beiläufig den anderen - und der Autor mit eingeknicktem moralischem Zeigefinger seinen Leser.
Exemplarisch für die ärgerlichen Prätentionen dieses Romans ist eine Episode während einer Autofahrt durch Deutschland: Da werden Matta und seine Geliebte unvermittelt auf ein ländliches Hochzeitsfest gebeten; irgendwie geht dabei das Gasthaus in Flammen auf, irgendwie verbrennt ein junges Mädchen. Oder auch nicht. Der Autor, der willkürlichen Entscheidungen offenbar überdrüssig, bietet nun mehrere Varianten an, mag der Leser sich die plausibelste aussuchen: «Möglichkeiten, Bilder, die aus dem Dunkel auftauchen. Denkbares und Undenkbares spielten sich ab, dort, jenseits einer Schranke, die nichts versperrt und niemandem den Zutritt verwehrt.» In Wahrheit errichtet dieser Roman mit seinen modischen Attitüden eine Schranke, hinter der sich gar nichts abspielt. Oder alles. Denkbares. Aber bestimmt nichts Undenkbares.
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2.)
Matta
verlässt seine Kinder.
Roman von Gregor
Hens (2004, S. Fischer).
Besprechung von Martin Lüdke in der Frankfurter Rundschau,
7.6.2004:
Jeder Generation ihre
Katastrophen
Die gestaute Zeit: Gregor Hens erzählt
die Geschichte von Karsten Matta, dem plötzlich die Decke auf den Kopf fällt
Der schmale Roman Matta verlässt seine Kinder,
eher noch eine Etüde, ist nach Himmelssturz (2002) und der Erzählungssammlung
Tranfer Lounge (2003) das dritte Buch von Gregor Hens, der 1965 in Köln
geboren wurde und jetzt in den USA lebt, wo er an der University of Ohio in
Columbus Germanistik lehrt. Man darf Hens eine gewisse Gelehrsamkeit nachsagen.
Nur geht er äußerst unaufdringlich damit um. Die Grundkonstellation seines
ersten Romans, Himmelssturz, war noch Goethes Wahlverwandtschaften
entlehnt und in die amerikanische Provinz übertragen worden. Die Geschichten
der Transfer Lounge spielen unter anderem mit Kleist'schen Motiven und
dem Guten Gott von Manhattan. Das heißt: Hens entwickelt aus den
literarischen Vorgaben seine jeweils gegenwärtigen Problemlagen. In der kleinen
Geschichte "Der Schweißer" besteht ein junger Amerikaner seine Probe
dadurch, dass er aus sechs oder sieben Schrottkarren ein neues Cabriolet
zusammenschweißt. Der Chef geht langsam um die Karosserie, fährt mit der Hand
über das Blech, legt seinen Arm um die Schultern des jungen Mannes und sagt:
"mein Sohn, das ist ein starkes Stück." Dieses Paradigma wird in dem
neuem Roman durch den hängenden Uhrzeiger beschrieben.
Karsten Matta hat also die Schnauze voll. Von seinem Job. Von seinen Kindern.
Von der "offenen" Beziehung zu Rebecca, seiner Frau. "Sie haben
auf einem anderen Planeten gelebt, Karsten, Rebecca und die Kinder, sie haben
gedacht, sie wären die perfekte Familie und sie müssten es nicht so machen wie
die anderen, von wegen Treue und Offenheit und Ansprüche aneinander, Hauptsache
Respekt, haben sie gesagt, aber am Ende ist gar nichts mehr da, kein Respekt,
kein gar nichts. Nur noch Hass." Seine Reise gleicht einem Amoklauf. In
Hamburg ist er am Bahnhof mit Malin, einer Schwedin, verabredet, die er während
eines Familienurlaubs in einem Museum in Kalmar kennen gelernt hatte. Malin ist,
schon seit einiger Zeit, seine Geliebte. Die Kinder merken davon nichts, das
wollen Rebecca und Karsten jedenfalls glauben. Malina bleibt hier skeptisch:
"Und die Kinder?"
In drei Kapiteln von sehr unterschiedlicher Länge entwickelt sich die Malaise.
Die gestaute Zeit explodiert. Das Ergebnis: eine Katastrophe. Hens verfügt über
ein beachtliches Arsenal erzählerischer Mittel. Auf einer Bauernhochzeit, in
die Karsten und Malin zufällig hineingeraten, eskaliert die Entwicklung. Noch
bevor das Brautpaar eintrifft, endet das Fest in einem infernalischen
Feuersturm. Damit wird das Finale eingeleitet, in dem dann alle Beteiligten (die
Leser eingeschlossen) auf ihre Kosten kommen. Es geht richtig hoch her.
Und doch bleibt es die alte Geschichte. Man muss
nur die Perspektive wechseln, das Geschehen zum Beispiel von 1968 her
betrachten, als stinknormale Beziehungskiste. Das war die Zeit Jürgen
Theobaldys. In seinem Lyrik-Band Blaue Flecken, Mitte der siebziger
Jahre, erzählte er die Geschichte(n) dieser Generation, etwa von dem jungen
Mann, der nachts nach Hause kommt, seine Frau mit einem "Genossen"
vorfindet und vom bettlägerigen Pärchen gebeten wird, Kaffee zu kochen. Der
Kragen platzt ihm erst, als er dann noch seine letzte Zigarette hergeben soll.
Die Konsequenz dieser Entwicklung wird in Peter
Handkes Erzählung Die linkshändige Frau beschrieben. "Die Frau
sagte, mir ist eine seltsame Idee gekommen; eigentlich keine Idee, sondern eine
Art Erleuchtung." Nämlich: Trennung. Eine Laune genügt, um das Heilige
Sakrament der Ehe aufzuheben.
Das Ergebnis lässt sich jetzt, zwei Generationen später, bei Gregor Hens
besichtigen. Auch sein Karsten Matta geht, einfach so, von einem Augenblick auf
den anderen, verlässt Frau und beide Kinder. Bei Hens bedarf ein solcher
Entschluss vermutlich einer - etwas hoch gegriffen - metaphysischen Begründung.
Deshalb steht die starke Metapher der gestauten Zeit am Anfang. Und die blutige
Katastrophe am Ende. Die Handke'sche Beiläufigkeit einerTrennung kann heute
vielleicht doch nicht mehr so ohne weiteres hingenommen werden.
Schicksal, unvermeidbar
Mit der Weltlage lässt sich da nichts erklären.
In die "gestaute Zeit" des Krisenexperten Karsten Matta passt zwar
einiges von den gegenwärtigen Problemen. Das fast tragische Ende des armen
Mannes, der zumindest einen Teil seiner Schädeldecke auf der Autobahn
eingebüßt hat, bleibt - Schicksal. Zudem stellt sich die Frage, was ein
solcher Amoklauf bedeuten könnte? Gregor Hens bewegt sich wieder in der Nähe
seines alten katastrophensüchtigen Vorbilds Heinrich
von Kleist. Auch bei Kleist tritt die Katastrophe bereits in jene Leerstelle
ein, die eine mit dem Prozess der Modernisierung einhergehende Säkularisierung
religiöser Gehalte erzeugt hatte.
Fazit also: ein alter Hut? Das mag durchaus sein. Nur muss, um bei dem Wort zu
bleiben, dieser alte Hut tatsächlich von jeder neuen Generation neu entdeckt,
neu erlebt und auch im Horizont der jeweils eigenen Erfahrungen neu beschrieben
werden. Gregor Hens hat die Geschichte von Karsten Matta erzählt. Vermutlich
so, wie sie von seiner Generation erlebt wird.
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