Martin Kacur.
Lebensbeschreibung eines Idealsiten.
Roman von Ivan
Cankar (2006, Drava-Verlag - Übertragung Erwin Köstler).
Besprechung von Jörg Plath in Neue
Zürcher Zeitung vom 15.8.2006:
Der Idealist und die
Schwere
Ivan Cankars Roman «Martin
Kacur»
Es gibt nicht viele literarische Werke, die in nur fünf Wochen niedergeschrieben werden und sich genau einhundert Jahre später noch so frisch und rau lesen wie am ersten Tag. Dabei hat der slowenische Klassiker Ivan Cankar (1876–1918) diese ungemein kurze Zeitspanne nicht einmal ausschliesslich seinem sechsten Roman, «Martin Kacur», gewidmet, er verfasste aus chronischer Geldnot zugleich zwei Erzählungen.
Martin Kacur gehört zu den Helden Cankars, die voll hochfliegender Hoffnungen Opfer der finsteren Verhältnisse werden. Weil der Lehrer Liberaler ist, wird er zur Strafe in ein ärmliches Dorf versetzt. Der Pfaffe und der Bürgermeister dort halten das Volk für Vieh: Es «isst, trinkt, verendet». Wozu es lesen lehren? Mit Dumpfheit und Brutalität treiben die Honoratioren dem Lehrer Kacur die fortschrittlichen Flausen aus. In drei Dörfern vollzieht sich sein Schicksal. Blatni dol, kotige Niederung, heisst das finsterste und schmutzigste.
Dort, genau in der Mitte des Buches, sucht der Einsame einmal – «Warum soll ich nicht ein wenig mit ihr spielen?» – Trost bei einer derb-sinnlichen Frau. Aus dem Spiel wird Ernst und aus dem Idealisten ein Gebrochener: Kacur heiratet, er vermählt sich mit der Erdenschwere Blatni dols und krümmt sich bald darauf devot vor jedem Würdenträger und Vorgesetzten. Als der politische Umschwung kommt, ist es für ihn zu spät. Der einst mit ihm befreundete Opportunist aber weiss die Gunst der Stunde zu nutzen und greift sogar nach der Frau des Unglücklichen.
Die «Lebensbeschreibung eines Idealisten», so der Untertitel des 1965 erstmals in der DDR ins Deutsche übersetzten Buches, das nun in der von Erwin Köstler herausgegebenen, übersetzten und klug kommentierten Werkausgabe bei Drava vorliegt, ist eine naturalistische Desillusionsgeschichte. Auf den romantischen Trost der Erinnerung als Asyl der Subjektivität kann Martin Kacur gar nicht erst hoffen. Es gibt keine Innerlichkeit, der ungeheure Druck der Herrschaftsverhältnisse lässt sie nicht zu. Alles findet aussen statt: Ein bäuerischer Legendenton lässt den Eindruck eines flächigen Geschehens entstehen, in dem Figuren vor sich hin oder im Vorübergehen sprechen.
Cankar verbindet vollständige Desillusion und psychische Prägung, soziale Anklage und tödliche Ausweglosigkeit zu archaischen Bildern einer umfassenden Zerrüttung. Um mit einem der eindrücklichsten dieses ausserordentlich ökonomisch komponierten Romans zu reden: Es ist nichts als Schlamm, den eine unbarmherzige Wirklichkeit dem Lehrer Martin Kacur ins Herz wirft und es anfüllt, bis es stillsteht.
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