Mara
Kogoj.
Roman von Kevin Vennemann
(2007, Suhrkamp).
Besprechung von Paul
Jandl in Neue Zürcher
Zeitung vom 19.4.2007:
Misstraue der Idylle
Kevin Vennemanns
beeindruckender Roman «Mara Kogoj»
Muss man Klage darüber führen, dass sich die junge deutschsprachige Literatur für politische Stoffe kaum interessiert, wenn es Schriftsteller gibt wie diesen? Der im norddeutschen Dorsten geborene Kevin Vennemann hat mit seinem Romandébut «Nahe Jedenew» ein Buch vorgelegt, dem das Ungeheuerliche gelingt: ein NS-Pogrom in grosser poetischer Trauer zu beschreiben, ohne ihm von seinem Schrecken zu nehmen. Jetzt hat der gerade einmal dreissigjährige Autor sich in seinem Roman «Mara Kogoj» wieder eines monströsen Stoffes angenommen. Diesmal allerdings geht die Historie nahtlos in die Gegenwart über. Wer an Kärntens Südrand den idyllischen Gebirgszug der Karawanken schätzt, wird diesen als historische Grenze kennenlernen. «Blutgrenze» sagen noch heute die Ewiggestrigen dazu, von denen dieses Buch handelt.
Gespräche über Heimat und Geschichte
Mara Kogoj und Tone Lebonja, zwei Angehörige der Kärntner slowenischen Minderheit, führen für eine grosse Studie mit ausgewählten Landesbürgern Gespräche über Heimat und Geschichte. So geraten sie auch an den deutschnationalen Journalisten Ludwig Pflügler, dessen politische Überzeugungen im Karawankenland nicht weniger typisch sind, als sie zur Verwechslung mit real existierenden Kärntner Persönlichkeiten geradezu einladen. Ludwig Pflügler, 60 und wegen neonazistischer Umtriebe vorbestraft, ist der Sohn eines SS-Mannes, der knapp vor Ende des Zweiten Weltkriegs an Verbrechen gegen slowenische Widerstandskämpfer beteiligt war. Das Geschichtsbild des Sohnes ist das der Väter, so unveränderlich wie das beinahe mythische Kärntner Deutschtum, das sich noch heute gegen die slawische Gefahr aus dem Süden und selbst gegen die zur winzigen Minderheit geschrumpften Kärntner Slowenen wehren zu müssen glaubt.
Die Gespräche, die sich über Monate hinziehen, streifen die Kindheit und die Rolle des Vaters. In ihnen wird klar, wer die Herrschaft über die Historie nicht aus der Hand geben wird. Pflüglers monologischer Furor schwadroniert von der «Wesens- und Artgrenze» zwischen dem deutschen Norden und dem slawischen Süden. Er verdammt, taktiert oder gibt sich sensibel. Wie diesem System unbeirrbarer Phrasen zu begegnen ist, bleibt die Frage des Romans. Pflüglers Rhetorik ist für seine Kontrahenten eine politische Herausforderung, für den Roman selbst vor allem aber eine ästhetische. Die grosse Leistung von Kevin Vennemann liegt darin, dass er eine Struktur gefunden hat, die die Aporien der verschweigenden Rede deutlich macht.
«Mara Kogoj» ist ein hochartifizieller, schwieriger Roman, der sich seinem Gegenstand mit grossem Ernst nähert. Die Verstrickung in die Geschichte des 20. Jahrhunderts lässt sich nicht auflösen. Das macht der Roman auch durch seine Figuren klar. Tone Lebonja war als Kind mit Ludwig Pflügler befreundet, wird von diesem aber während der Interviews nicht erkannt. An die sadistischen Züge des Knaben aus nationalsozialistischem Elternhaus erinnert sich Lebonja, während in Mara Kogojs Familienbiografie die blutigen Ereignisse des Jahres 1945 ihre Spuren hinterlassen haben. Nachfahren der Opfer und der Täter stehen sich im Roman gegenüber.
Die Dramatik, die sich aus dieser Nähe ergibt, wird von Kevin Vennemann noch kunstvoll verdichtet. Er schneidet die Sätze der Figuren ineinander, verändert die Perspektive, wenn er im Text die Rolle des Ich-Erzählers wechseln lässt. Was dabei im Falle Pflüglers entsteht, ist das zum Greifen lebendige Porträt einer Geisteshaltung, die Widerspruch bis auf den Tod nicht duldet. Vennemann ist ein erstaunlicher junger Schriftsteller, bei dem man nicht weiss, was man mehr bewundern soll: die kühle Intelligenz oder die subtil angewandten Register seines sprachlichen Könnens. Bei «Mara Kogoj» hat er sie alle gezogen.
Der bis ins kleinste Detail historisch recherchierte Roman hat seine exakt vermessene Topografie. Immer wieder kehrt er an jene Schauplätze zurück, an denen die Realität der Kärntner Geschichte zurechtgebogen, zurechtgelogen wurde. Der Peršmanhof im slowenisch bevölkerten Südkärnten war in den letzten Kriegsmonaten einer der wichtigsten Stützpunkte im Partisanenkampf gegen den Nationalsozialismus. Am 25. April 1945 wurden hier elf Mitglieder der Familien Sadovnik und Kogoj vom SS-Polizeiregiment 13 hingemetzelt. Das Verbrechen wurde schon bald nach Kriegsende umgedeutet, um es nahtlos in ein gegen alle Einsicht resistentes Geschichtsbild einfügen zu können. Die slowenischen Partisanen selbst hätten ihre Kameraden ermordet, hiess es fortan. Ludwig Pflügler gibt die Version des Vaters wieder, der gerne eine melodramatische Story von der Brutalität der Partisanen aufgetischt hat. Mit Fälschungen dieser Art ist man unter seinesgleichen gern gesehen.
Zweites Zentrum des Romans ist der unweit von Klagenfurt gelegene Ulrichsberg, dessen stählernes Kreuz Sammelpunkt einer bizarren Mischung aus Ewiggestrigen und heutigen Politikern ist. Kameradschaftsbünde und Relikte ehemaliger SS-Trupps, hochrangige Landesvertreter und Neonazis finden sich alljährlich im Oktober zu einem Treffen ein, bei dem die braune Weltsicht ungestört sich selbst feiert. Kevin Vennemanns Buch ist ein hochliterarischer und dabei zutiefst politischer Widerspruch gegen diese Art der Geschichtsklitterung. Es geht ihm nicht um einen lokalen Mikrokosmos, sein «Fall» Mara Kogoj ist exemplarisch.
Text des Zorns
Das grosse Finale des Romans bildet eine Suada, in der sich die Nachfahrin slowenischer Opfer aus der Deckung wagt. Überzeugend ist dieser Versuch, mit Fakten zu kontern, und man ahnt sein Scheitern. Aus den Etappen der Geschichte geht dieser Text des Zorns bis herauf in die Gegenwart. Es ist eine Kontinuität, die sich nicht erst durch Thesen versichern muss. «Kärnten wird einsprachig», verkündet ein Landeshauptmann namens Jörg Haider seinen Landsleuten noch heute und stemmt sich in einem grotesken Ritual gegen die Aufstellung von zweisprachigen, slowenischen/deutschen Ortstafeln. Die Kärntner Deutungshoheit soll weiterhin nicht teilbar sein, auch nicht durch einen Schrägstrich. Ein Stück der Deutung wenigstens hat Kevin Vennemanns grandioser Roman «Mara Kogoj» versucht.
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