Mara.
Roman von Wolf
Wondratschek (2003, Hanser).
Besprechung von Martin Krumbholz in der Frankfurter Rundschau, 13.5.2004:
Aus dem Cellokästchen
Oder: Was Wolf Wondratschek alles in der
linken Hand hätte
Nicht die. Sondern das. Denn es
handelt sich um ein Cello, sächlich. "Die Welt nennt mich Mara. The Mara.
Das berühmte, weltberühmte Mara." Damit fängt die Verwirrung schon an.
Man wähnt die Bekanntschaft einer reizenden Dame zu machen, und dann handelt es
sich um einen hölzernen Gegenstand sächlichen Geschlechts, benannt nach dem Wüstling
und Trunkenbold Giovanni Mara, 18. Jahrhundert, dem das Instrument einmal - eher
widerstrebend - zu Diensten war. Im übrigen stammt dieses aus dem exklusiven
Hause Stradivari, 1711 in Cremona von Meisterhand gebaut. Später hat es häufig
den Besitzer gewechselt und wurde 1963 bei einem Schiffsunglück in Südamerika
sogar in seine Einzelteile zerlegt (aber in einer aufwendigen Operation wieder
zusammengebaut).
Wolf Wondratschek lässt das Cello reden. Auf den ersten Blick ein origineller,
auf den zweiten ein eher bizarrer Einfall, denn das Instrument mag zwar eine
"Seele" haben (das behaupten Musiker ja gerne), aber es hat keinen
freien Willen. Es lässt mit sich machen. Es ist ein Hohlkörper, und die Gefühle
und Reflexionen, die die entflammte Phantasie des Autors in diesen einspeist, um
seiner Profession nachzugehen und Literatur zu schaffen, sind herzlich banal.
Ihren verzweifelten Höhepunkt erreicht die Banalität, wenn der Hohlkörper aus
dem Leim geht, sich also gewissermaßen selbst beim Sterben zusehen müsste:
"Nun wollen Sie wahrscheinlich wissen, wie ich die Katastrophe erlebt habe,
ich persönlich, und was ich dachte (oder heute denke), hab ich recht? Ich fürchte,
ich muss Sie enttäuschen. Erstens weiß ich es nicht, und zweitens will ich
nichts erfinden. Ich könnte Ihnen - natürlich könnte ich das, mit der linken
Hand sozusagen - jetzt ein Drama auftischen mit mehr Salzwasser als bei einer
Sintflut, mit einem Donnergott und vielen kleinen hungrigen Piranhas, die sich
an mir hoffentlich den Magen verdorben haben. (...) Die Wahrheit ist, dass ich
keine Ahnung habe. Ich müsste lügen. Was meine Empfindungen, meine letzten
Gedanken waren? Hm!"
Wunderbar, dieses vielsagende "Hm". Aber selbst hier, wo die Aporie am
größten ist, scheint Wondratschek nicht zu merken, wie er seine Konstruktion
ad absurdum führt und der Erzählung ein gewaltiges Leck schlägt. Er beseelt
einen Gegenstand mit Sprache, um ihn bei der ersten besten mimetischen
Herausforderung seine Sprachlosigkeit eingestehen zu lassen. Hm! In der Tat, Sie
enttäuschen uns, Herr Wondratschek! Und warum wollen Sie eigentlich nichts
erfinden? Etwa wegen der "Authentizität"? Nochmals: Hm!
So richtig redselig wird Mara, wenn es um das Intimverhältnis - ein
"manchmal schon fast bedrohlich intimes Nahverhältnis" - zwischen dem
Instrument und seinem Spieler geht. Unser sächlicher Erzähler nennt es den
"erotischen Donner". Dann wird so recht aus dem Cellokästchen
geplaudert: "Ein Pianist hält Abstand (von Gould mal abgesehen). Ein
Geiger, jeder Geiger, bietet der Geige seine Wange. Was tut unser Cellist? Er
kommt mit der geballten Kraft seines Körpers von hinten. Er hält mit Armen und
Beinen fest, was er hat. Das Cello ist seine Beute."
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