manchmal/olykor von Paul Alfred Kleinert, 2008, Argumentum1.) - 3.)

manchmal/olykor.
Gedichte von Paul Alfred Kleinert (
2008, Argumentum Verlag Budapest/Leopold Brachmann Verlag Wien-Lyrik unserer Zeit - Übertragung Sándor Tatár, Nachwort von Tzveta Sofronieva).
Besprechung von
Tzveta Sofronieva, Sofia und Berlin für die RezensionenWelt: Herbst 2007:

Die Sensibilität auf einer immer deutlich bedachten Suche nach einem Wort, nach genau diesem, das hier als das allein zu verantwortende Wort stehen kann, findet sich wesentlich in den Gedichten Paul Alfred Kleinerts.
Ein Wort, das die Beobachtung hält und gleichzeitig loslässt, eine Nachdenklichkeit aufzeigt, ohne dabei das Poetische durch das nur Gedachte zu ersetzen. Die Position des Lyrischen Ichs ist einerseits die einer spürenden Annäherung und anderseits die einer philosophisch verorteten Distanz: zum einen geöffnet für die regelmäßige, beinahe geordnete Wiederkehr der Dinge, zum anderen für das Chaos, das nicht aufgelöst werden kann.

Der Gebrauch alter und überkommener Worte positioniert die Verse abseits heutiger Paradigmen und es ist einer der Reize dieser Dichtung, dass sie in einem "Ost-Deutsch" geschrieben ist, das es so nicht mehr gibt. (Nicht gemeint ist hier ein DDR-Deutsch, sondern ein "Ost-Deutsch" vor der Zeit dieses Staatswesens und seiner Sprachentwicklung, auch östlicher lokalisiert, in seiner Entstehung aus einem vormaligen, so nicht mehr existenten Sprachraum in den unseren herüberreichend.) So steht in dieser Dichtung ein Wort wie "einst" mit der ganzen Mehrdeutigkeit der Zeitrichtungen da.

Der Dichter bleibt dem Wunder des Kleinen und des Einzelnen treu, wenn er Zeiten durchmischt. In seinen Verse wird das Loslassen ein Einbeziehen, ein Zulassen, die Unverbundenheit der Beobachtung wird Entdeckung, die Stille - Vertrauen. Die Erinnerungen kommen nicht zufällig im Schnee zurück, immer bereit, weiß zu verführen, kalt zu ernüchtern, nass gespürt zu werden, sich ins Eis zu verfestigen oder als getautes Wasser weiterzufließen, um durch Erinnerung einen Flecken im Nicht-Mehr aufzusuchen, der aufgehoben werden kann. Sprache als Geschenk, als Musik, als Erinnerung, als Zuhause und

"in wenigen, zumeist gebrochenen Momenten . . . 
der leise Strich eines Cellos im vergehenden Raum."

Der übertragende Nachdichter Sándor Tatár, Übersetzer ins Ungarische, promovierter Germanist und selbst ein Poet, ist Kleinert seit Jahren freundschaftlich verbunden. Das 2006 von Kleinert herausgegebene zweisprachige "A végesség kesernyés v.../ Endlichkeit mit bitterem Trost" Tatárs in Nachdichtungen namhafter Dichterinnen und Dichter ist nur eines der Ergebnisse dieser Freundschaft. Die Lektüre der Gedichte Tatárs lässt keine Zweifel, dass die ungarische Version der Gedichte Paul Alfred Kleinerts der Welt ihres Dichters entspricht, denn in Tatárs poetischer Welt wird auf ähnliche Prozesse geachtet, wenngleich die poetischen Sprachen der beiden Dichter sehr unterschiedlich sind. Nicht unerwähnt soll bleiben, daß Tatár sich bereits  mehrfach um das Werk Kleinerts durch Übersetzungen und Veröffentlichungen in Ungarn verdient gemacht hat.

Der hier vorliegende Band verbindet durch die wien/budapester Edition nicht nur Berlin mit Budapest, sondern stellt gleichzeitig mit der kleinen Auswahl an Gedichten Kleinerts in der Übertragung Tatárs zwei gegenwärtige Dichter, die unabhängig von tagesaktuellen Strömungen ihren Weg in der Poesie gehen, in einem europäischen Kontext vor.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.rezensionenwelt.de]

Leseprobe I Buchbestellung 0308 LYRIKwelt © Tzveta Sofronieva

***

manchmal/olykor von Paul Alfred Kleinert, 2008, Argumentum2.)

manchmal/olykor.
Gedichte von Paul Alfred Kleinert (
2008, Argumentum Verlag Budapest/Leopold Brachmann Verlag Wien-Lyrik unserer Zeit - Übertragung Sándor Tatár, Nachwort von Tzveta Sofronieva).
Besprechung von
Lutz Volke für die RezensionenWelt, April 2008:

Der leise Strich eines Cellos

Es sind poetische Äußerungen der Lebensmitte. Schon 1996 ist von Paul Alfred Kleinert ein Gedichtband mit dem Titel „Lebensmitte“ erschienen, ein Wendepunkt, der ihn – wie einen jeden – bewegt, markiert er doch einen ersten Schlussstrich unter bisherige Lebensentwürfe. „Der Lebensentwurf gescheitert“ heißt es nun in dem Gedicht „auf die 40 zu“ aus dem Jahr 2002. Ein resignierendes Eingeständnis. Sieht so die vorläufige Bilanz des Dichters Paul Alfred Kleinert aus, des rührigen Herausgebers vor allem von Lyrik aus dem europäischen Norden (eine Anthologie färöischer Gedichte ist gerade erschienen) und aus Ungarn? Gewiss, es ist die Zeit, in der man von einstigen Hoffnungen Abschied nimmt, die Zeit der Einsicht in die Vergeblichkeit der Anstrengungen, ein freies Leben in Übereinstimmung mit sich und der Welt führen zu können („am Wegrand, tot, die Schwalbe/Vogel der Hoffnung: zu fliegen“). Das manchmal abenteuerliche Leben Kleinerts, sein Abtauchen in alte und entlegene Sprachen – verbunden mit dem Studium der Theo- und Keltologie -, seine Übersiedlung von Ost nach West, weisen auf den ruhelos Suchenden, der es sich nie leicht gemacht hat und das auch heute u. a. als Sozialarbeiter im schwierigsten Berliner Milieu nicht tut. Dagegen sind die in den schmalen Band „manchmal“ aufgenommenen, von dem ungarischen Dichter Sándor Tatár ausgewählten Gedichte ruhig, fast abgeklärt, mit einem in Moll gestimmten Ton. Manchmal ist es eben so, dass Melancholie die Oberhand gewinnt. Und weil er Antworten weder geben kann noch will, ist er gehalten, „Ratlosigkeit“ und „Müdigkeit“ über ein Leben auszudrücken, das von „Herbstgedanken“ beherrscht und immer mehr „zum Rätsel“ wird. Der „Asphalt einer verbreiterten Straße“ deckt die „Geschichte vergangener Tage“ zu, der „Engel der Geschichte“ erscheint zwar flügelschlagend, verschwindet aber „zumeist flügellos/oft im Dunkel des Vergessens“.

Sind das nicht deprimierende Gedichte? Eindeutig nein.. Es bleibt „der leise Strich eines Cellos im/vergehenden Raum“. Das Cello, das der menschlichen Aura am nächsten stehende aller Instrumente. Man könnte die Préludes aus Bachs Cellosuiten als Begleitmusik zu den Versen hören. Trotz einer gewissen Wehmut sind Kleinerts Gedichte keine bedingungslose Absage an eine unbehauste Welt, keine romantische Sehnsucht nach vergangenen Tagen. Mehr Bach eben als Schubert. Es sind einfühlsame Fragen an unsere Gegenwart, sensible Reaktionen. Und manchmal verbinden sich „erstarrte Kristalle“, Eiskristalle in all ihrer Schönheit, „zum Gedicht/als Geschenk“.

Paul Alfred Kleinerts Verse sind ein Geschenk für den geneigten Leser. Sie sind – wie im Gedicht beschworen - von klarer Schönheit, ob in freien Rhythmen oder in strenger Sonettform mit Endreim. Der korrekte Buchtitel lautet „manchmal-olykor. Gedichte/Versek, eine zweisprachige Ausgabe also. Die Übertragung ins Ungarische von Sándor Tatár kann hier nicht bewertet werden, aber allein die Tatsache zählt, dass Kleinert, der sich sehr um Herausgaben ungarischer Lyrik in Deutschland bemüht hat, auch dort wahrgenommen wird. Nicht zum ersten Mal übrigens. Wie Tzveta Sofronieva in ihrem Nachwort erwähnt, stellt die vorliegende Ausgabe „in der Übertragung Tatárs zwei gegenwärtige Dichter, die unabhängig von tagesaktuellen Strömungen ihren Weg in der Poesie gehen, in einem europäischen Kontext vor.“

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.rezensionenwelt.de]

Leseprobe I Buchbestellung 0408 LYRIKwelt © Lutz Volke

***

manchmal/olykor von Paul Alfred Kleinert, 2008, Argumentum3.)

manchmal/olykor.
Gedichte von Paul Alfred Kleinert (
2008, Argumentum Verlag Budapest/Leopold Brachmann Verlag Wien-Lyrik unserer Zeit - Übertragung Sándor Tatár, Nachwort von Tzveta Sofronieva).
Besprechung von
Marek Jakubów, Lublin für die RezensionenWelt, Mai 2008:

Die Gedichte von Paul Alfred Kleinert
- dem zur Zeit in Berlin lebenden Dichter - verlangen von dem Leser ein feines Gehör. Sie erschließen sich langsam und erwecken dabei den Eindruck des Unmittelbaren und Vertrauten, weil  sie Fragen und Erfahrungen ansprechen, die fast jeden Menschen nach dem Überschreiten der magischen Lebensmitte immer häufiger überraschen.

Diese Zäsur wird in auf die 40 zu konkretisiert. Es ist die Zeit, in der die großen Lebensentwurfe kritisch hinterfragt oder als gescheiterte Konstrukte diagnostiziert werden. Das führt aber nicht zur Resignation. Der Verlust schließt bei Kleinert paradoxerweise Hoffnung nicht aus.

Da der Welterkundungsbereich immer enger wird, gewinnen die kleinen, punktuellen Wahrnehmungen aus dem Alltag immer mehr an Bedeutung. Sie evozieren existenzielle Fragen nach dem Sinn sowohl des Vergangenen als auch des Bevorstehenden. Kleinert liefert keine fertigen Antworten. Er registriert eher die Spannung, die sich aus der Erwartung des Unbekannten und dem Versuch, es an dem bisher Erlernten und Erfahrenen zu messen, ergibt. Wenn in Herbstgedanken II der Theologe mit einer klaren Perspektive zu Wort zu kommen scheint, dann nur bedingt und unsicher, weil der Dichter, der im Jahr 2000 das Gedicht verfasst, keine der sinnstiftenden Möglichkeiten ausschließen kann. Er kann aber auch keine eindeutig bejahen.

Immer wieder kommt die Vergangenheit zur Sprache. Sie ist eine Trümmerlandschaft der entfernten Kindheit (hält die alte Schaufensterscheibe ...). Die erhaltenen Requisiten der materiellen Kindheitswelt wie die Schaufensterscheibe im Titel eines der Gedichte beschwören die Spuren der unbefangenen Faszination und Neugierde. Es ist aber fraglich, ob sie noch „wieder-zu-holen“ sind. Trotzdem muss ständig an sie erinnert werden, um sie dem Vergessen zu entreißen. Das betrifft auch den politischen Eifer des antikommunistischen Kampfes in Ungarn in tristia moderna, Budapest  1978, der in Gestalt des verfolgten Lateinlehrers thematisiert wird. Die Parallele mit Ovids Verbannung verleiht der damaligen oppositionellen Geste das ihr gebührende Pathos. Aus der Perspektive des Jahres 2004 wird sie zur distanzierten Auseinadersetzung  mit den idealistischen Vorstellungen einer Dichtergeneration, zu der Kleinert auch selber gehört.

Untersucht werden auch die Erinnerungen an die nordischen Landschaften (Labyrinth bei Visby, Februar auf Åland), die auf den ersten Blick die Nähe zur auch „heute erreichbaren“ Transzendenz vermitteln, schnell aber in eine Frage aufgelöst werden.

Kleinert bewegt sich ständig an der Grenze zwischen Materialität und Erinnerung, versucht ihre immer tieferen Schichten aufzudecken, die durch routinierte Abläufe des alltäglichen Lebens verschüttet wurden. Das verbindet sich zwangsläufig mit Unsicherheit und Angst. Die Unausstehlichkeit dieser Erfahrung zerstört das Gleichgewicht im Menschen, der am liebsten den beunruhigenden Ton aus seinem Inneren verklingen lassen würde, wie das in dem Titelgedicht manchmal angedeutet wird. Zugleich ist das seine einzige Chance  – wenigstens für einen kurzen Augenblick – die Spuren seiner Identität zu berühren.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.rezensionenwelt.de]

Leseprobe I Buchbestellung 0508 LYRIKwelt © Marek Jakubów