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Manche
tun es nicht.
Roman von Ford
Madox Ford (2003, Eichborn - Übertragung Joachim Utz).
Besprechung von Almut Finck in der Frankfurter Rundschau, 7.1.2004:
Natürlich tun es auch die Männer der englischen
Oberschicht. Was einen Gentleman allerdings vom Halunken unterscheidet: Er
spricht über seine Amouren nicht. Unfassbar ist deshalb dem noblen Christopher
Tietjens und seinen Clubkameraden, was sie beim Golfspielen erleben müssen:
Zwei Proleten aus der Stadt prahlen offen mit ihren Weibergeschichten. Die
Ohrenzeugen kommen zu dem Schluss: Das Ende des Empire steht bevor.
Das tut es tatsächlich. Manche tun es nicht, Teil eins einer um
Christopher Tietjens kreisenden Romantetralogie von Ford Madox Ford, spielt in
den Krisenjahren vor und nach 1914. Während englische Jungs mit den Schiffen
der maroden Kriegsmarine untergehen oder auf Schlachtfeldern in Frankreich und
Belgien ihr Leben lassen, zerfällt auf der Insel die traditionelle Ordnung.
Fords Roman ist ein Sittenpanorama, der traurig-zynische Abgesang auf eine im
Umbruch begriffene Epoche, in der die Oberschicht - noch - in der Überzeugung
regiert, dass Gesellschaft etwas ist, was man an Wörter wie Tee oder Abend hängt,
soziale Akzeptanz sich daran bemisst, ob jemand bei Lord oder Lady Soundso auf
der Gästeliste steht, unter Öffentlichkeit Gottes freie Natur zu verstehen ist
- gezähmt von den Gärtnern des Country Clubs - und Suffragetten wild gewordene
Weiber sind. Es war eine Epoche, schreibt Ford, die die öffentliche Schande von
Personen gehobenen Standes praktisch nicht kannte. Die herrschende Klasse hatte
die Fähigkeit kultiviert, etwas totzuschweigen. Ließ sich flegelhaftes
Benehmen gar nicht ignorieren, blieben die Kolonien.
In Ford Madox Fords Roman nun wimmelt es von Skandalen. Klatsch und Tratsch,
Verleumdung, Lügen und derlei Schlechtigkeiten mehr unterhalten die saturierte
Oberschicht bei Frühstücksempfängen und Afternoon Teas in ihren opulent
ausgestatteten und mit einer vielköpfigen Dienerschaft bestückten Landhäusern
auf's Köstlichste. Da kann Christopher Tietjens väterlicher Freund ihm noch so
schulterklopfend den Ratschlag geben, sich ein Mädchen zu suchen, das er in
einem Tabakladen unterbringen kann, um ihm im Hinterstübchen den Hof zu machen,
aber um Gottes Willen nicht auf der Straße. Längst ist eine angebliche Affäre
Tietjens Salongespräch, was vor allem Tietjens perfider Gattin zu verdanken
ist. Sie will sich dafür rächen, dass ihr Mann sie nach ihrem Seitensprung großmütig
zurückgenommen hat.
Tietjens stets untadliges Verhalten macht seine Frau rasend, ohne dass Sylvias
Ausfälle ihn je aus der Fassung zu bringen vermöchten. All ihre verbalen wie
physischen Angriffe - Sylvia Tietjen weiß ihren Gatten gekonnt mit Kotelett in
Aspik zu bewerfen - prallen an Tietjen ab. Fords junger Held ist ein letzter
Ritter der Selbstbeherrschung.
Nun muss man der schönen Sylvia zugute halten, dass ihr ehrenwerter Gatte nicht
gerade ein Remedium gegen das grässliche Leiden darstellt, von dem sie befallen
ist: die Zeitkrankheit Ennui. Gut aussehen tut Christopher auch nicht gerade. Für
seine Statur eines Mehlsacks ist er zwar durch ein fotografisches Gedächtnis
und einen scharfen Verstand entschädigt, so dass der an Muskeltonus arme,
geistig jedoch reich gesegnete junge Mann seine Gesprächspartner mit einem
geradezu enzyklopädischen Wissen zu erstaunen vermag. Doch ein Kriegserlebnis
raubt Christopher sein Gedächtnis, er muss buchstäblich wieder bei A beginnen.
Seinen Fronturlaub nutzt er, um systematisch das Lexikon durchzuarbeiten.
Das wäre alles sehr tragisch, wenn Tietjens im Schützengraben verschütt
gegangene mentale Brillanz ihm dereinst zu mehr verholfen hätte als zu einer
unspektakulären Position als Staatsbediensteter im Imperialen Amt für
Statistik und einer weiteren im Ledersessel des Golfclubs, wo er so
leidenschafts- wie reglos Erfüllung darin fand, aus dem Kopf eine Liste mit
Fehlern in der Encyclopaedia Britannica zu erstellen.
Dem Tugendmann Tietjen hat Ford Madox Ford also durchaus seine Idiosynkrasien
zugestanden, und dafür heißt es dem Autor dankbar sein. Allzu sehr wäre sein
Protagonist sonst ins klischeehaft Überzeichnete abgerutscht, eine Gefahr, der
Ford bei den anderen Personen nicht immer hat ausweichen können: der Gattin Typ
charmante Intrigantin, dem besten Freund Typ ehrgeiziger Emporkömmling, der
vermeintlichen Geliebten Typ keusche Jungfrau.
Ford Madox Ford, geboren 1873, gestorben kurz vor Ausbruch des Zweiten
Weltrkiegs, hat gemeinsam mit Joseph
Conrad drei Romane geschrieben, war befreundet mit Henry
James, hat als Zeitschriftenherausgeber Modernisten wie Ezra
Pound, D. H. Lawrence
oder Jean Rhys ein Forum geliefert. Manche tun es nicht hat der Engländer
Ford, dessen Vater aus dem westfälischen Münster ausgewandert war, 1924 veröffentlicht,
im Jahr des Zauberberg, dem kontinentalen Epilog des spätbürgerlichen
Zeitalters. Zwei Jahre zuvor war The Waste Land erschienen, T. S. Eliots
epochales Desillusionsgedicht über die physische und geistige Verwüstung der
Welt durch den Krieg. Ob es diese Nähe zu den Epigonen der literarischen
Moderne ist, die den Eichborn-Verlag dazu verleitet hat, Klappentext und
sonstige Bewerbung des Buches derart mit Hyperbeln zu überfrachten, dass der
Text überhaupt keine Chance hat, sich zu behaupten als das was er - immerhin -
ist?
Manche tun es nicht ist nach der Allertraurigsten Geschichte und Bezauberung, dem in Zusammenarbeit mit Conrad entstandenen Abenteuerroman, erst das dritte je ins Deutsche übertragene Buch Ford Madox Fords, dessen Werk immerhin achtzig Bände umfasst. Wunderbar ist es dem Übersetzer Joachim Utz gelungen, den eigentümlich vornehm-burschikosen Tonfall im Konversationsgebaren des englischen Landadels wiederzugeben, auch die Übersetzung der auf englisch so elegant gedrechselten Erzählpassagen ist gekonnt, die der zentralen, symbolisch überhöhten Nebelfahrt von Christopher und seiner eben-nicht-Mätresse: Hut ab! Leider gibt es auch Stolpersteine wie das unschöne und vollkommen ungebräuchliche Wort Anrichteraum für "pantry" - was spricht denn gegen die Speisekammer? - oder den Apfelauflauf anstelle des berühmten angelsächsischen Leibgerichts, aber am apple pie sind ja schon viele Übersetzer gescheitert. Verwirrend ist eine ganze Reihe von Flüchtigkeitsfehlern, die den Verdacht aufkommen lassen, man habe, besonders auf's Ende zu, mit heißer Nadel gestrickt: wenn etwa aus "her mother" seine Mutter wird oder das "you" in der Anrede nicht als "Sie" sondern "sie" erscheint.
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2.)
Manche
tun es nicht.
Roman von Ford
Madox Ford (2003, Eichborn - Übertragung Joachim Utz).
Besprechung von Uwe
Pralle in Neue
Zürcher Zeitung vom 25.09.2004:
Ein Mann voller Eigenschaften
«Manche tun es nicht»: Ford
Madox Ford hat gewusst warum
In der von Dekadenz und Zerfall gezeichneten britischen Gesellschaft zur Zeit des Ersten Weltkriegs will Ford Madox Fords Protagonist den Anstand um fast jeden Preis wahren. Dem Roman ist auch ein Stück Autobiografie eingeschrieben.
Die «Strassen von Sodom» hat Ford Madox Ford einmal das England vor dem Ersten Weltkrieg genannt, indigniert wie ein klassischer Tory über den Traditionsverfall oder das Wetter. Aber ausgekannt hat er sich auf diesen Strassen blendend. Schliesslich war er in der Londoner Society aufgewachsen, und in der Vorkriegszeit hatte er im literarischen Leben jahrelang den Ton mit angegeben - jedenfalls so lange, bis seine erotischen Eskapaden zum Skandal führten. Seine Geliebte, die Schriftstellerin Violet Hunt, als seine Ehefrau auszugeben, obwohl er noch verheiratet war und zwei Töchter hatte: So etwas war in der feinen Gesellschaft verpönt, wenn es an die Öffentlichkeit drang. Nach der Jahrhundertwende schwirrte die Luft der edwardianischen Zeit ohnehin vor Debatten über Moral, Ehe, Sexualität und die Emanzipation der Frau, und solche Skandale rückten grell ins Licht, was in den höheren Kreisen zwar nicht alle, aber viele taten: sich für die Last ihrer Privilegien durch erotische Freizügigkeit zu entschädigen.
Der Erste Weltkrieg verschärfte Fords Isolation nach dem Skandal. Dass der Krieg eine tiefe Zäsur sein würde, hatte er geahnt und in «The Saddest Story» (dt. «Die allertraurigste Geschichte») - kurz vorher abgeschlossen - eine erste Rückschau auf die vergehende Epoche gehalten. Der inzwischen Vierzigjährige sah das Buch als seinen ersten ernsthaften Roman an, trotz allen früheren Werken, darunter eine Tudor-Trilogie. Tatsächlich enthielt er schon die eine Hälfte jener Welt, deren Darstellung Fords Rang in der englischen Literatur des 20. Jahrhunderts begründet. Ähnlich wie Proust der Vorkriegswelt durch die mémoire involontaire eine Archäologie ihrer Sitten, Moden und Lebensformen abgelesen hat, die nuanciert den Innenbau der Pariser Gesellschaft zeigt - so hat Ford in dem Roman die Atmosphäre hinter den Vorhängen englischer Landhäuser aufgespürt, als die ersten Blitze des heraufziehenden Gewitters sich schon in den Fenstern spiegelten.
Die andere Hälfte erschloss ihm dann - weit direkter, als es Proust möglich war - der Krieg selbst, auf den er in seinen Nachkriegswerken immer wieder zurückkam. Fords freiwillige Meldung zur Armee, mit einundvierzig Jahren und physisch nicht gerade gut vorbereitet auf die Strapazen des Stellungskrieges in Frankreich, trägt manche Züge einer Flucht aus den Verstrickungen jener Jahre - ähnlich wie bei Christopher Tietjens, der Hauptfigur von «Manche tun es nicht», dem Roman, der 1924 Fords Tetralogie «Parade's End» eröffnete. Louis Bromfield schrieb damals im New Yorker «Bookman», wenn man «das Buch heute vergraben und in drei Jahrhunderten wieder aus der Erde holen» würde, könne man darin alles finden, was es über das England des vergangenen Vierteljahrhunderts zu wissen gebe.
Imaginationen der Keuschheit
Alles ist über das England jener Zeit darin zwar nicht zu finden, aber über die Londoner Gesellschaft, den englischen Landadel und die intellektuelle Bohème weit mehr als in jedem anderen Roman aus jener Ära. Entstanden ist «Manche tun es nicht», nachdem Ford in den für ihn immer schwieriger werdenden Nachkriegsjahren 1922 auf Harold Monros Angebot eingegangen war, in seiner Villa an der Côte d'Azur zu wohnen. Nach England ist er bis zu seinem Tod 1939 nur noch zu Besuchen zurückgekehrt, und vermutlich war diese Distanz nötig, um die Verhältnisse in der englischen Elite so radikal unter die Lupe zu nehmen - und dabei auch seine skandalöse Vita ziemlich gründlich einer literarischen Umwertung zu unterziehen.
Aus Ford Madox Ford wurde Christopher Tietjens, der jüngste Sohn einer reichen Landbesitzerfamilie aus Yorkshire. Er ist Englands brillantester junger Mann, wie sein Freund und Kollege Macmaster findet, im «Imperialen Amt für Statistik» tätig und ein Tory mit dem Eigensinn des Landadels aus dem Norden. Sylvia, seine mondäne junge Frau, betrügt ihn nach Strich und Faden, das einzige Kind ist, wie er vermutet, nicht seines, und als sie nach einer Eskapade in Frankreich zu ihm zurückkehrt, hat sie allenfalls vor, ihm das Leben zur Hölle zu machen. Er betrachtet diese Ehe eher wie ein mathematisches Problem, für das eine Lösung zu finden sein muss, die eines Gentleman würdig ist. Der bleibt er auch, wenn ihm beim Mittagstisch hin und wieder Koteletts um die Ohren fliegen. «Ich stehe für Monogamie und Keuschheit», erklärt er Macmaster einmal, als er sich eine knappe Bemerkung über das abringt, worüber man besser so wenig wie möglich reden sollte.
«Es heisst, in der Tat, Schwierigkeiten heraufzubeschwören, wenn einer altruistischer ist als die ihn umgebende Gesellschaft» - das ist im Grunde der Bauplan von Tietjens' Figur. Dieser störrische Heilige des Altruismus ist dazu bestimmt, die Upperclass im Licht ihrer eigenen Regeln zu prüfen. Das erklärt, warum Tietjens - anders als sein Alter Ego aus Robert Musils Kakanien - ein Mann voller Eigenschaften ist und über alte Möbel, Rennpferde und die Flugbahn von Golfbällen so viel weiss wie über Korruption und die schmutzigen kleinen Geheimnisse der Politik. Nicht gerade angenehm für eine Elite, die sich bequem in ihrer Doppelmoral eingerichtet hat, wenn einer aus den eigenen Reihen ihr mit dem keuschen Moralismus Tietjens' auf den Leib rückt.
Märtyrertum ist ein Kern von Heiligenlegenden, und so hat Ford sich nebenbei aus der Klemme der eigenen Vita gezogen, indem er Tietjens zum Opfer stilisierte, dessen Weg geradewegs in die Diaspora aller Abtrünnigen, die gesellschaftliche Isolation, führt. Verlieren wird er vieles. Zuerst den guten Ruf. Es sind ausgerechnet seine Frau und ein Tory-Abgeordneter, den sogar der eigene Schwager als «Wüstling» bezeichnet, die in Umlauf bringen, er sei es, der Affären und ein uneheliches Kind habe. Gleichmütig nimmt Tietjens das hin, denn er zieht es vor, wenn sein Sohn zu hören bekommen sollte, sein Vater sei ein Wüstling, statt dass seine Mutter eine Hure sei - und dem männlichen Ego schmeichele diese Version ausserdem auch mehr, wie mit kühlem Realitätssinn angefügt ist.
Das zynische Immunsystem
Allerdings hat Ford auf diese Weise glänzend dargestellt, wie das Immunsystem einer moralgebundenen Gesellschaft auch funktionieren kann: Wer auf ihre Schattenseiten weist, wird jener moralischen Verfehlungen bezichtigt, die er gerade blossstellt, und indem er symbolisch geopfert wird, hat man sich ihn nicht nur vom Hals geschafft, sondern sich auch selbst exkulpiert. Tadellos wie «das Modell einer Maschine» funktioniere das, heisst es einmal, und zwischen 1912 und 1917, dem Zeittableau des Romans, fällt Tietjens' Existenz wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Aus der Ministerialbürokratie wird er herausgedrängt, und nach Kriegsbeginn meldet er sich zur Armee. Kurz nachdem zwei seiner älteren Brüder gefallen sind, kommt seinem Vater in Yorkshire zu Ohren, dass der jüngste Sohn gesellschaftlich diskreditiert, also «schlimmer als tot» ist, und er erschiesst sich.
Gespickt ist der Roman mit Seitenhieben gegen das politische System und seine herrschende Klasse. Ihr feinmaschiges Geflecht von Institutionen, Personen und Interessen hat Ford in den Roman eingearbeitet, mit unübersehbarer Lust daran, offenzulegen, was sonst totgeschwiegen wird. Allerdings ist die persönliche von der politischen Ebene sorgfältig getrennt. «Betrachte ein Dutzend Männer», lässt er Tietjens nach einem vertraulichen Gespräch mit dem Kabinettsminister einmal sinnieren, «von denen kein einziger verachtungswürdig und uninteressant ist, denn jeder von ihnen hat fachlich etwas Besonderes zu bieten; doch bilde aus ihnen eine Regierung oder einen Club, und sofort gibt es Tyrannei, Verallgemeinerung, Klatsch, Verleumdung, Lüge, Korruption und Gemeinheit.»
Die Distinktion dieses Doppelblicks hat Ford davor bewahrt, aus Tietjens' Widersachern nur Karikaturen zu machen - eine Versuchung, der ein Schriftsteller geringeren Formats wohl kaum widerstanden hätte. Dass Tietjens sich weigert, bei den intriganten Machtspielen mitzumachen, und es etwa ablehnt, für die - damals liberale - Regierung statistisches Material zu frisieren, lässt ihn keineswegs den Stab über seinen Freund Macmaster brechen, der weniger Skrupel hat und dafür mit einem Adelstitel belohnt wird. Sein Studienfreund, aus ärmsten Verhältnissen stammend, zeigt den Eifer und Konformismus vieler Aufsteiger. «Macmaster glaubte, in einem demokratischen Zeitalter zu leben» - Tietjens' milder Blick auf den Freund markiert umgekehrt aber auch, wovon er selbst - oder Ford - ganz und gar nicht überzeugt war.
Hat Ford mit diesen Attacken nur blindlings Rache an der Gesellschaft zu nehmen versucht, die ihn ausgestossen hatte? Tietjens ist weder ein Revolutionär noch ein Phantast, der die dunklen Seiten der Natur - ob des Menschen, der Sexualität oder der Gesellschaft - ignoriert und weltfremde Ideale verfolgt. Seiner Frau erklärt er zu Macmasters Aufstieg einmal: «So betreibt man in diesem Land Protektion; so soll es sein», während er diesem selbst zu verstehen gibt: «Es ist dasselbe Spiel, das schon immer gespielt wurde. Es ist Tradition, und deshalb ist es auch richtig.» Und selbst in seinem Credo, für Monogamie und Keuschheit zu stehen, folgen die beiden Sätze: «Und dafür, dass man nicht darüber spricht. Natürlich nimmt ein Mann, wenn er ein Mann ist, eine Frau, wenn er eine haben will. Und auch hier gilt: Man spricht nicht darüber.»
Sturm aus der Zukunft
Dieser «Heilige der anglikanischen Spielart» widersetzt sich vor allem einem: der Substitution von moralischer Integrität durch bigottes Gerede. Wenn der moralische «Kreiselkompass» zerfällt, der dem «innengeleiteten Typus» - wie es der amerikanische Soziologe David Riesman 1950 beschrieben hat - die Orientierung ermöglichte, wird das Handeln aussengesteuert. Man tut, was sich gerade anbietet, und redet über alles, weil es zu nichts verpflichtet. Dagegen geht Tietjens wie gegen einen Sturm aus der Zukunft an. Man spricht nicht über alles, was man tut, tut aber auch nicht alles, was man könnte. Damit steht er auf verlorenem Posten in einer Welt, deren moralischer Orientierungssinn für Ford schon gestört war, bevor er in den «Materialschlachten» des Ersten Weltkriegs gänzlich zerbarst.
Das Wechselspiel zwischen Tietjens' Schweigsamkeit und seinem - wenn es sein muss - brillanten Konversationsstil lässt Spielraum für Episoden, Rückblenden und Reflexionen. In ihnen hat Ford, in den Londoner Salons seiner Zeit selbst einer der blendendsten Causeure, Tietjens' Absturz bis an den Tiefpunkt verfolgt. Das einzige Gegengewicht bildet dabei sein keusches Verhältnis zu Valentine Wannop, einer Frauenrechtlerin, die er als intellektuell ebenbürtig akzeptiert und zu lieben beginnt. - Sicher, wie Ford mit seiner Apotheose der Keuschheit die eigene Vita frisiert hat, entbehrt nicht eines peinlichen Beigeschmacks. An der literarischen Brillanz des Romans ändert das aber wenig, der mit Thackerays «Vanity Fair» verglichen worden ist, auch wenn er erzählerisch einer massvollen Modernität verpflichtet war. Graham Greene hielt ihn für «einen der wenigen erwachsenen Romane», die in der englischen Literatur «die Sexualität behandelt» haben. Vor allem ist er aber einer der wenigen Romane, die das Innere der britischen Gesellschaft im Moment des Umbruchs so scharf beleuchtet haben.
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