Malka Mai von Mirjam Pressler, 2000, Beltz&GelbergMalka Mai.
Roman von Mirjam Pressler (
2000, Beltz & Gelberg).
Besprechung von Francis Pierquin, Vernouillet/Frankreich, 28.08.2005:

Mehr als ein Fluchtbericht

Malka Mai hat keine Erinnerung an ihren Vater. Als er vor fünf Jahren nach Erez-Israel ging, war sie erst zwei Jahre alt. Malka blieb mit ihrer Mutter Hanna und ihrer damals elfjährigen Schwester Minna in Lawoczne zurück, einer Kleinstadt in den polnischen Karpaten nahe der ungarischen Grenze.
Hanna hatte ihrem Mann, mit dem sie wohl nur eine lose Ehe führte, nicht folgen wollen. Erstens, weil sie nicht daran glaubte, daß Hitler eines Tages Polen überfallen würde. Und zweitens, weil Polen Hanna die Bewahrung ihrer teuer erkauften Selbständigkeit als Ärztin und emanzipierter Jüdin bedeutete, während „ihr dieses Gerede vom Judenstaat und dem Land der Väter eher auf die Nerven ging".
Hannas Rechnung ging jedoch nicht auf.
Im September 1939 hatten die Russen das östliche Polen besetzt, und im Sommer 1941 war dann das ganze Land von den Deutschen überrollt worden. Zwei Jahre später ging Hanna, trotz allerlei Einschränkungen und Einführung des gelben Sternes, aber immer noch ihrem Beruf als Ärztin nach, sogar einige Deutsche, mit denen sie nicht ungern verkehrte, hatten sich bei ihr behandeln lassen. Im September 1943 findet dieser Scheinfrieden dennoch an dem Tag ein jähes Ende, als auch in Lawoczne eine „Aktion" durchgeführt wird: Es sollen ausnahmslos alle Juden „umgesiedelt" werden, die Frau Doktor Mai und ihre Töchter einbegriffen.
Hals über Kopf - Hanna sogar in leichten Sommerschuhen mit halbhohen Absätzen und die siebenjährige Malka in Sandalen - müssen Mutter und Töchter Lawoczne verlassen. Glück im Unglück: Ihnen wird von diversen Leuten, meistens ehemaligen Patienten, die Hanna Dank schulden, geholfen, und so gelangen sie über die grüne Grenze nach Ungarn, einem für sie fremden Land. In Pilipiec bekommt Hanna Anschluß an eine Gruppe Lawoczner Juden, die auch über Munkatsch nach Budapest wollen, aber Malka, die völlig erschöpft ist und lädierte Beine hat, muß sie bei Chaim Kopolowici zurücklassen.
Abgemacht ist, daß er Malka nach Munkatsch bringen wird, sobald sie wieder hergestellt ist.
Es kommt dennoch ganz anders: Weil er sich vor einer Razzia fürchtet, setzt Chaim Kopolowici die halbwegs wieder genesene Malka aus, die, auf sich selbst gestellt, bald bei der ungarischen Gendarmerie landet und nach Polen zurückgebracht wird. Einige Tage später findet sie sich im Ghetto von Skole wieder, und als es geräumt wird, gelingt es ihr mit viel Glück, auf der arischen Seite in einer Kirche Zuflucht zu finden, wo eine alte polnische Frau, die sich von ihr „Ciotka" (Tante) nennen läßt, sie zu sich nimmt, solange die Aktion dauert.
Wieder auf sich selbst gestellt, lernt es Malka, wie sich unter Bedingungen ständiger Bedrohung, quälenden Hungers und zunehmender Kälte überleben läßt: Erstens, indem schmerzhafte Erinnerungen so weit wie möglich ausgeschaltet werden. An ihre Mutter denkt Malka z.B. nur noch als „die Frau Doktor" zurück. Zweitens, indem sie mit beinahe animalischer Instinktsicherheit nur solche Sinne schärft, die von unmittelbarer Bedeutung sind, wie z.B. ihre Sehkraft: „Ihre Augen waren gut, sie wurden immer besser, sie sah Dinge, die nicht sichtbar waren. Zum Beispiel dicke Pflanzenwurzeln, die tief in der Erde steckten und die man essen konnte. Oder Kartoffelschalen, die unter einem Haufen Papier und Müll verborgen lagen und die irgendjemand aus Gründen, die sie sich nicht vorstellen konnte, weggeworfen hatte".
Und „Glück" muß sie natürlich auch haben.
Wie sonst hätte sie in Skole eine weitere Aktion überleben können und wäre, an Typhus erkrankt, ins Ghetto-Krankenhaus von Stryj gelangt?
Im - noch - sicheren Ungarn bleibt Hanna indessen auch nicht untätig, und als sie einsieht, daß es kein anderes Mittel gibt, ihre Tochter wiederzubekommen, begibt sie sich von Budapest aus und mitten im Winter wieder nach Polen. Und bekommt dank der Hilfe einiger herzensguter Polen tatsächlich Malka wieder, die allerdings stark verändert ist: „Was passiert war, würde Narben in ihrer Seele hinterlassen, für immer und ewig".
Es ist ein beklemmendes Wiedersehen zwischen Mutter und Tochter, und Hanna, die, objektiv gesehen, wohl keine Schuld trifft, wird doch von heftigen Schuldgefühlen gepeinigt. Die Geschichte der Malka Mai und ihrer Familie ist keine erfundene Geschichte.
Malka, ihre Schwester Minna und ihre Mutter Hanna haben den Krieg überlebt und es geschafft, wenn auch auf getrennten Wegen und zu verschiedenen Zeitpunkten, nach Israel auszuwandern. Dort erzählte Malka der Schriftstellerin Mirjam Pressler 1996 ihre Geschichte, an die sie sich aus verständlichen Gründen dennoch nur lückenhaft erinnern konnte. Mirjam Pressler ihrerseits bearbeitete diese Erinnerungen zu einem einfühlsamen Roman, der weitgehend fiktiv ist und der Realität doch wohl sehr nahe kommt und den, einmal angefangen, der Leser nicht mehr aus der Hand lassen kann.
Fesselnd ist der Roman auch deshalb, weil er weit mehr als ein einfacher Fluchtbericht ist, in dem die Rollen nach einem Schwarz-Weiß-Schema verteilt wären. Natürlich und wahrheitsgemäß kommen die Deutschen als Verbrecher vor, aber gibt es denn nicht auch diesen Pucher, Offizier des Grenzschutzes, der Hanna den entscheidenden Wink gibt: „Laufen Sie weg, Frau Doktor, sofort. Sie müssen über die Grenze"? Natürlich und wahrheitsgemäß freuen sich viele Polen mehr oder weniger offen darüber, daß die Juden vernichtet werden, aber gibt es denn nicht, neben vielen anderen, auch jenen Zygmunt Salewsky und jene „Ciotka", die unter Lebensgefahr Malka nach Kräften überleben helfen? Natürlich und wahrheitsgemäß sind viele Ungarn, namentlich die berüchtigten Pfeilkreuzler, eingefleischte Antisemiten, aber gibt es denn nicht auch jene Schmuggler, die, wenn auch gegen Geld, vielen Juden über alle Grenzen hinweghelfen?
Und schließlich und endlich: Natürlich und wahrheitsgemäß sind ausnahmslos alle Juden Opfer des grassierenden und zur Staatsdoktrin erhobenen Antisemitismus. Aber auch der jüdische Kosmos wird nicht als eine heile Welt dargestellt, die somit, wie jede menschliche Gesellschaft auch, jeder Glaubwürdigkeit entbehren würde. Hierfür steht jener feige Chaim Kopolowici, der Malka sehr wohl hätte verstecken können und der sie dennoch auf die Straße setzt. Hierfür stehen auch jene zahlreichen Konflikte, die Hanna mit ihrer Familie durchzustehen hatte, um „ihrer Sehnsucht nach Ansehen und einer Position, die ihr, der Geburt nach, nicht zugestanden hätte", gerecht zu werden. Trotz solcher Differenzierungen verliert der Leser aber nie die Orientierung darüber, wie und wo zwischen Gut und Böse zu unterscheiden ist. Darin liegt die Kraft der Erzählung, die mit Aharon Appelfelds „Tzili" viele gemeinsame Züge aufweist.

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