Malibu von Leon de Winter, 2003, DiogensMalibu.
Roman von Leon de Winter (2003, Diogenes - Übertragung Hanni Ehlers).
Besprechung von Manuel Gogos aus Jüdische Allgemeine:

Kalifornische Elegie  
Wie im Kino? Wie im Leben! Leon de Winters „Malibu“

Ein einziges Ereignis kann ein Leben aus den Angeln heben. Und tatsächlich ist es ein einziges Ereignis, das in das Leben Joop Koopmans fährt wie eine Axt: der plötzliche Unfalltod seiner Tochter Mirjam. Der macht alles neu. Er legt alle Hoffnungen und Sehnsüchte des Mannes, der als Drehbuchautor für Hollywood schreibt, in Asche.

Der Tod der Tochter ist Joops persönlicher Urknall, durch dessen Sprengkraft er in die unendlichen Weiten eines Weltalls abzudriften droht, das schwarz verhängt ist. Was er verloren hat, ist das „Licht seiner Augen“, das ihm alles beseelt hat. In seiner Einsamkeit ist er blind, stumpf und taub. Mit Mirjam hat sich ihm die Lust zu leben entzogen. Joop versucht, sich in seine Erinnerungen zu flüchten und so den Abschied von seiner großen Liebe hinauszuzögern.
Aber da ist jemand, der sich an seine Seite gestohlen und unentbehrlich gemacht hat. Dieser riesenhafte, grotesk gutmütige Schatten ist ausgerechnet jener Mann, der die Tragödie verursachte; der das Motorrad steuerte, von dem Mirjam ins Nichts geschleudert wurde: „God“, ein zwei Meter großer Schwarzer, der sich mit Leib und Leben der Wiedergutmachung verschreibt. „God“, von Beruf Fitnesstrainer, kommt aus den schwarzen Ghettos von Los Angeles, aber aufgrund einer angeborenen „Anomalie“ interessiert er sich für klassische Musik und mystische Spekulationen über die Kontingenz des Schicksalsschlags. Der Muskelmann erweist sich als tiefsinniger Geist. Er geht bei den Kabbalisten in die Lehre, um Ursachen und Wirkungen von Mirjams Tod zu enträtseln. Mit der Antwort hofft er, Joop seinen Seelenfrieden zurückgeben.
In einem meisterhaften Prolog entwickelt Leon de Winter „Gods“ Perspektive: Da ist eine spezifische Zeit, der 22. Dezember 2000. Da ist ein spezifischer Ort, Malibu, an der südkalifornischen Küste. Es geht um eine bestimmte Person, Mirjam. Diese, umgeben von anderen Personen, bildet das Herz dieser Welt. „God“ zoomt Mirjams Leben in einer großangelegten Totalen aus den Weiten des Alls und den Tiefen der Prähistorie heran. Als könne er damit den Schlüssel zur Bedeutung der menschlichen Existenz finden. Als ob all diese Umstände mildernde wären. Alles nur, weil er den Tod nicht ungeschehen machen kann.
Und noch ein anderer drängt sich ungebeten in Joops Leben und durchbricht die Stasis des mit geballter Energie trauernden Vaters. Philip, ein Freund aus Schultagen, taucht auf und versucht Joop für den israelischen Geheimdienst zu gewinnen. Hier ragt der 11. September in den Roman hinein. Joop soll in Los Angeles verdeckte Ermittlungen gegen einen mutmaßlichen Terroristen führen und damit eine wichtige Rolle für die Zukunft Israels spielen. Damit nicht genug. Ein weiterer Bumerang aus der Vergangenheit kommt zu Joop zurück, Linda, mit der er einst die ersten behutsamen Schritte in den dunklen Traum der Sexualität unternahm. Sie ist wieder da und umgarnt seine wunde Seele. Linda hat einen tibetanischen Mönch im Schlepptau, der Haarsträubendes von sich behauptet, nämlich die Reinkarnation von Joops Großvater zu sein, der in der Schoa in einem Lager in Polen umgekommen war.
Joop ist das zuviel; er ist für all das nicht gemacht. Aber er hat nichts zu verlieren. Er läßt „God“ gewähren, geht trostbedürftig auf Lindas Werben ein und nimmt Philips Angebot an, in der Hoffnung, das Ganze literarisch ausbeuten zu können. Tatsächlich findet er Gefallen am Aushorchen, an der Macht des Informationsvorsprungs, des Hintergedankens. Joop stellt fest, daß die Tätigkeit des Spions nicht wenig mit der des Autors gemein hat. Der Spion und der Autor, beide müssen in der Vergangenheit graben und verborgene Motive aufspüren. Es geht um Details. de Winter läßt ahnen, daß Roman und Weltverschwörungstheorie einander nicht fern liegen. Hier wie da sucht man eine mehr oder weniger plausible Erklärung dafür zu finden, wie alles zusammenhängt.
Das versucht auch der Leser. Aber de Winter streut falsche Fährten aus, er liebt es, ein doppeltes Spiel zu treiben. Indem er die Schraube seiner aberwitzigen Plots immer weiter anzieht, erreicht de Winters neues Buch eine paranoide Qualität, die an Philip Roths Operation Shylock erinnert. Vieles geschieht gleichzeitig, alles entpuppt sich erst vom Ende her: Philip als Manipulator mit zionistischer Ideologie, der „die Palästinenser wie Streichhölzer ... zerbrechen und im Klo der Geschichte runterspülen“ will. Der nette Omar und seine Hacker-Freunde, die für Joop das amputierte Herz seiner Tochter wieder aufspüren, planen, die Golden Gate Bridge von San Francisco in die Luft zu sprengen. Und die mildtätige Linda war letztlich nichts als ein perfides Trugbild, eine grausame Heimsuchung vergangener Sünden. Alles gerät zum Kippbild und zieht sich zurück ins Rätselhafte.
Leon de Winter ist immer wieder als Unterhaltungsschriftsteller apostrophiert worden, und das ist er ohne Zweifel auch. Das eben macht seinen Vorzug aus: Er ist ein Meister des Effekts und der Verblüffung. Und er ist ein Meister der Dramaturgie: de Winter ist, wie sein Protagonist Joop Koopmann, Drehbuchautor: er weiß, wie man eine Geschichte erzählt, sie in Szenen auflöst, um sie endlich in einem immer höheren Tempo auf einen dramatischen Höhepunkt zuzusteuern. Er beherrscht die Kunst, Geheimnisse zu inszenieren, Indizien zu verteilen, Hinweise, Zeichen und Winke, welche die Lektüre zur spannenden Mutmassung machen. Und noch etwas verwickelt den Leser in den Roman: Die große Trauer des Joop Koopman über seine tote Tochter Mirjam. Sie zwingt den Leser zur Identifikation. Sie ist, auch in der literarischen Gestaltung, tief ernst.
Leon de Winter lebt mit seiner Frau Jessica Durlacher und den beiden Kindern die Hälfte des Jahres in Los Angeles. Er hat versucht, als Produzent dort Fuß zu fassen und eine Art alternatives Hollywood aufzuziehen. Das Projekt ist gescheitert, de Winter hat dabei sein gesamtes Vermögen verloren. Er weiß also, wovon er spricht, wenn er Hollywood beschreibt, wie überhaupt die Details stimmen, in den Beschreibungen der Landschaft, des Wetters, der Atmosphäre. Was bei diesem Querschnitt in den Blick kommt, ist das weniger glamouröse Amerika der Lieferanteneingänge, der Fast-Food-Diners und der Parkplätze. Aber auch die desillusionierte Traumfabrik, die „industry“, wie sich die Filmbranche selbst bescheiden nennt. En passant bevölkert de Winter seine Welt mit Nebendarstellern und Statisten die, nur ein, zwei mal beim Namen gerufen, doch ganz zum Leben erweckt sind: Der schwule Produzent, dessen große Liebe an Aids gestorben ist, die weltfremde Wissenschaftlerin, die, den Kopf voller Theorien, im Stau steht, der Latino-Dienstbote mit dem Traum vom großen Geld. De Winter setzt irgendwo seinen Stift an, schlägt seine Nägel in jenes Raum-Zeit-Kontinuum, das wir Fiktion nennen, und es entsteht Leben. Wenn ein Buch fingierte Wirklichkeit ist, dann ist de Winters Malibu die beste aller möglichen Welten.

...diese Rezension wurde der Jüdischen Allgemeinen entnommen, der Wochenzeitung für Politik, Kultur, Religion und jüdisches Leben. Das Buch kann im Leo Baeck Bookshop, der größten Online-Buchhandlung für jüdische Literatur, bestellt werden]

Leseprobe I Buchbestellung 0403 LYRIKwelt © Jüdische Wochenzeitung