Magische Saat von V.V.Naipaul, 2005, Claassen

Magische Saat.
Roman von V. S. Naipaul (2005, Claassen - Übertragung Sabine Roth).
Besprechung von Georg Sütterlin in Neue Züricher Zeitung vom 22.9.2005:

Ausgebrannt
Ein Tiefpunkt im Schaffen von V. S. Naipaul

Vor vier Jahren veröffentlichte V. S. Naipaul einen fragmentarischen Roman mit dem Titel «Ein halbes Leben». Dessen abruptes Ende liess vermuten, Naipaul werde den Faden zu einem späteren Zeitpunkt wieder aufnehmen. Jetzt liegt eine Fortsetzung unter dem Titel «Magische Saat» (2004, «Magic Seeds») auf Deutsch vor.

«Ein halbes Leben» war insofern kein geglückter Roman, als die Prosastücke, aus denen er bestand, kein homogenes Ganzes ergaben. Das Buch wirkte wie Restenverwertung. Sämtliche Themen hatte Naipaul in früheren Büchern aufgegriffen, kräftiger ausgeformt und stilistisch geschliffener: das geistige Vakuum und die kulturelle Mimikry in postkolonialen Gesellschaften; die Aussichtslosigkeit persönlichen Strebens in «halbfertigen» Ländern; das Gefühl von Isolation und Ziellosigkeit, von Gefährdung und Nichtigkeit. Diesen Komplexen hat Naipaul mit obsessiver Hartnäckigkeit in Romanen und Erzählungen Form verliehen, wobei er immer auch aus eigenen, traumatischen Erfahrungen schöpfte.

Im Zentrum der Macht

«Ein halbes Leben» zeichnete die Jugend des Inders Willie Chandran nach. Er lässt sich in England nieder, wo er nicht Fuss zu fassen vermag. In einer namenlosen Kolonie in Afrika versucht er, sich ein Leben zu schaffen. Die Kolonie wird unabhängig, Chandran flieht vor dem Chaos zu seiner Schwester, die im «progressiven» Kulturmilieu in Berlin eine Identität und ein Auskommen gefunden hat.

Wie Willie Chandran hat Naipaul den Weg aus einer kolonialen Gesellschaft ins Zentrum der imperialen Macht gewählt. Ein Stipendium ermöglichte es ihm, die britische Besitzung Trinidad und Tobago in der Karibik zu verlassen und in England zu studieren. Im Unterschied zu Chandran hat Naipaul dort reüssiert, allen Schwierigkeiten zum Trotz. 2001 ist ihm mit dem Nobelpreis die höchste Anerkennung zuteil geworden. Der heute 73-jährige Naipaul richtet einen politisch höchst unkorrekten Blick auf die postkolonialen Gesellschaften. Seine in Essays und Reiseberichten formulierten Thesen provozieren ebenso heftige Zustimmung wie Widerspruch. Sie sind fester Bestandteil der Diskussion über die sogenannte Dritte Welt.

In «Magische Saat» nun wird Willie Chandran von einer obskuren indischen Guerilla für den Einsatz in seinem Land angeworben. Seiner Grundstimmung von Desorientierung, Unwirklichkeit und Ziellosigkeit entkommt er dadurch nicht. Im Gegenteil, Chandrans Gefühl des Fremdseins verstärkt sich in den Jahren einer ereignislosen Undercover-Existenz in Indien. Als er schliesslich einen «Unterdrücker» erschiesst, ist der Tiefpunkt seines sinnlosen Kampfes erreicht. Ein Freund rettet ihn aus dem Gefängnis und schleust ihn nach England. Im weitläufigen Imperium eines undurchsichtigen Financiers findet er schliesslich eine prekäre Lohnarbeit. An diesem Punkt versandet Chandrans Geschichte und mit ihr der Roman.

Herablassend und verächtlich

Stärker noch als «Ein halbes Leben» wirkt «Magische Saat» wie ein Entwurf. Die Handlungsblöcke stehen lose nebeneinander. Das Hauptthema, die Arroganz und die Absurdität von Gewaltpropheten, hat Naipaul 1975 in seinem Roman «Guerillas» weit überzeugender gestaltet. Naipaul gelingt es auch nicht, Willie Chandran als autonome Figur erscheinen zu lassen. Er wirkt wie eine blutleere Stellvertreterfigur für Naipauls Erfahrungen und Überlegungen. Das Bedrückendste aber ist, dass «Magische Saat» manche Anschuldigung von Naipauls Gegnern bestätigt. In fadenscheiniger fiktiver Attribution lässt der Autor seinen Ressentiments und Vorurteilen, seiner Herablassung und Verächtlichkeit, wie sie schon in früheren Büchern aufscheinen, freien Lauf. Und die Darstellung der Sexualität – bei Naipaul oft bedrohlich, meist hässlich und stets freudlos – erreicht hier einen traurigen Tiefpunkt.

«Magische Saat» erscheint als Ausdruck einer inneren Verhärtung. Die argumentative Brillanz und Naipauls inneres Feuer, seine Verzweiflung und seine Empathie haben Gefühlskälte und Bitterkeit Platz gemacht. Welchen Gewinn ein Leser aus diesem sterilen Roman ziehen soll, der wie eine bösartige Parodie wirkt, ist nicht klar.

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