Mängelexemplar von Sarah Kuttner, 2009, S. Fischer1.) - 2.)

Mängelexemplar.
Roman von Sarah Kuttner (2009, S. Fischer TB).
Besprechung von Britta Heidemann in der WAZ vom 12.3.2009:

Angst vorm Lieben
Charlotte Roche kämpfte für eine neue Körperlichkeit, Sarah Kuttner will die Seele befreien – und die schwedische Journalistin Maria Sveland gleich alle Frauen der Welt. Drei Nabelschauen, die an die 70er-Jahre erinnern.

Man könnte es Fräuleinwunder nennen, eigentlich aber handelt es sich um: Fräulein mit Wunden. Nachdem Charlotte Roche dem Hygienewahn der Neuzeit ihre eigene Körperlichkeit entgegen schrie, kümmert sich nun Sarah Kuttner um unsere Seele: mit einem Erstlingsroman zum Thema Depression.

»Ich bin keiner von diesen Trend-Psychos. Ich bin the real shit.«

Mit ihr selbst hat das natürlich fast nichts zu tun: Aus ihrem Freundeskreis, so Kuttner in Interviews, kenne sie derartige Therapie-Geschichten. Eine Panikattacke habe sie selbst nur einmal gehabt – aber nicht schlimm! Kuttners Heldin Karo ist 27 Jahre alt, extrem extrovertiert und Eventmanagerin, derzeit arbeitslos. (2006 verlor Kuttner ihre MTV-Show.) Kuttner vertut mit der Wiedergabe langer Psychiater-Gespräche die Chance, einem Volksleiden eine echte literarische Reflexion zu gönnen. Immerhin erheitert sie uns gewohnt wortwitzig: „Eine Depression ist ein fucking Event”, lautet ihr erster Satz und als Karo nix mehr kann außer bei Mama daheim auf dem Balkon sitzen, da heißt es: „Ich bin keiner von diesen Trend-Psychos. Ich bin the real shit.”

Selbstironisch nennt man das wohl. Gibt es etwas Selbstironischeres, als seinen Roman „Mängelexemplar” zu nennen wie Kuttner? Aber ja. Man könnte ihn „Bitterfotze” betiteln (und sich so selbst beleidigen, bevor andere es tun).

Schmuddelig erworbenes Geld in die Kassen gespült

Die schwedische Autorin Maria Sveland, 35 Jahre alt, Journalistin, verheiratet und Mutter zweier Kinder, komplettiert die schreibenden Medien-Mädels aus Deutschland zu einem Trio, über das wir uns dann doch wundersame Gedanken machen müssen.

Nebenbei beschert sie dem KiWi-Verlag eine späte Genugtuung: Dieser hatte die „Feuchtgebiete” empört abgelehnt, bevor sie dem DuMont-Verlag schmuddelig erworbenes Geld in die Kassen spülten.

»Ich will auch lieben können, ohne mich schuldig zu fühlen.«

Svelands Roman ist ein Manifest: für Gleichberechtigung. Denn auch in Schweden, dem Geburtenratenstreber, ist die Welt nicht heil. Sara, Mitte 30, Journalistin, verheiratet, Mutter, flieht nach Teneriffa: Weil nichts „so bitterfotzig macht wie das Mutterwerden”. Ihre Klage, trotz Elternzeit-Mann Johan: „Ich will auch lieben können, ohne mich schuldig zu fühlen, genau wie die Männer. Ja, ich will den Kuchen behalten und ihn gleichzeitig aufessen.” Heimlich träumt sie von einer Zeit, in der sie „jede Menge Männer, Zeit, Schlaf und Freiheit” genoss. Heimlich sehnt sie sich nach Männern, die Orangen schälen für ihre Kinder. Männern, die mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren. Die tanzen. „Warum trauen sich so wenige Männer zu tanzen?” Sich „zu öffnen”?

Süß, oder? So total – 70er. Tatsächlich liest Sara Erica Jongs „Angst vorm Fliegen”. Das waren noch Zeiten!

Hier nun findet das Fräuleinwunder seine Wurzeln: des Feminismus, des Psychotherapie-Booms, der ursprünglichen Körperlichkeit. Erica Jongs Skandalroman beinhaltete ja all dies. Auch die Verlockungen des Halbbiografischen reizte Jong bereits aus: Ich sagen, aber wir meinen. Die „Neue Subjektivität” (Marcel Reich-Ranicki) ist typisch für die Literatur der 70er: Schreiben als Selbsterfahrung, als Reise ins Innere – ein Inneres, welches das Äußere, die Gesellschaft, spiegelt und wütend zur Rede stellt.

Historischer Bezug also ist das, was wir schlicht für drögen Stil hielten. Aber warum sehnen sich Autorinnen nach der guten, alten Zeit? Sind wir nicht viel weiter heute?

Äußerlich vielleicht schon. Der Feind seelischer oder körperlicher Selbstbestimmung, der Feind, der Angst macht – er ist heute eine Feindin. Verborgen tief im Innern der jungen Frauen. Das Alles-Haben-Wollen, das Immer-Perfekt-Sein-Wollen, das sind hausgemachte Ängste armer Würstchen (im Glas).

Die Heldinnen bei Kuttner und Sveland haben keine Angst vorm Fliegen, sondern Angst vorm Lieben: Kuttners Heldin Karo ist beziehungsgestört, weil sie sich selbst kaum spürt, geschweige denn andere. Svelands Sara fürchtet ihre Familienliebe als Fußfessel.

So wütend sich Karo und Sara geben: Im Unterschied zu den 70ern wollen die modernern Heldinnen hoffen dürfen. So sind die Enden der Romane vage versöhnlich. Karo urlaubt dann doch auf Mallorca. Sara kehrt heim von Teneriffa. Und liegt, wie Isadora einst am Ende von „Angst vorm Fliegen”, in der Badewanne; und wie einst „Feuchtgebiets”-Heldin Helen ist sie stolz auf ihre Natürlichkeit: „Ich schaue auf mein krauses Dreieck, das wie eine Insel aus Seegras in der Badewanne schwimmt. Freue mich über das Leben, das wieder in mir wächst.” Na bitte: gar nicht mehr bitter.

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Mängelexemplar von Sarah Kuttner, 2009, S. Fischer2.)

Mängelexemplar.
Roman von Sarah Kuttner (2009, S. Fischer TB).
Besprechung von Laura Bader, Focus, 12.03.2009:

Kuttners Karo nervt
In ihrem ersten Roman „Mängelexemplar“ versucht Moderatorin Sarah Kuttner vergeblich, die Geschichte einer Depression unterhaltsam zu verpacken.

Nach dem Bestseller-Erfolg von Ex-Viva-Moderatorin Charlotte Roche versucht sich jetzt auch ihre Ex-Kollegin Sarah Kuttner als Romanautorin. Die Quasselstrippe, die zuletzt für Sat.1 von diversen Poetry Slams referierte, hält sich in ihrem literarischen Debüt weitgehend von Feuchtgebieten fern und widmet sich stattdessen der menschlichen Psyche. „Eigentlich dachte ich immer, dass ich gar keinen Roman schreiben kann. Aber das Thema Depression hat mich so inspiriert, dass es plötzlich wie von selbst lief“, sagt die 30-Jährige.

Die Moderatorin und Gelegenheitskolumnistin will mit ihrem Buch der weitverbreiteten Krankheit den Schrecken nehmen. Sie versucht zu zeigen, dass psychische Macken modern sind und nichts, wofür Betroffene sich schämen müssten. „Während meiner Recherche für den Roman war ich einige Male selbst beim Psychiater. Im Wartezimmer zu sitzen war mir furchtbar unangenehm. Da merkte ich erst wie tabuisiert dieses Thema noch ist.“ So weit Kuttners nobler Grundgedanke.

Panikattacken und Psychotherapie

In dem Roman schildert die Ich-Erzählerin Karo (Ende 20) ihre Leidens- und Lebensgeschichte. Sie hat ihre Stelle bei einer Event-Agentur verloren, und ihr Freund hat sie verlassen. Die Folge: Karo landet mit Panikattacken in der Notaufnahme und beginnt eine medikamentierte Psychotherapie gegen Depressionen. So wenig nachvollziehbar sich diese Folge der Ereignisse anhört, ist sie leider auch.

Das Buch beginnt vielversprechend. Karo schildert mit Selbstironie das Dahinvegetieren in ihrer gestrandeten Beziehung und deren nüchternes Ende. Die ersten Besuche bei ihrer Therapeutin erzählt sie mit Distanz und kritischem Blick. Die Lektüre ist witzig und angenehm zu lesen.

Dann entwickelt sich die Geschichte zu einem reinen Krankenbericht. Karo geht völlig in ihrer Depression auf, weint, jammert, ist quasi nicht mehr lebensfähig. Karo nervt. Kuttners anfänglich so amüsante Erzählweise nutzt sich ziemlich schnell ab, und die verzweifelten Späßchen ihrer Protagonistin wecken spätestens ab Seite 60 nicht einmal mehr ein müdes Mundwinkelzucken.

SMS-Philosophie auf Bravo-Niveau

Karo passiert im Grunde – nichts. Der Krankheitsverlauf wird zum einzigen Handlungsstrang, die kleinsten Auswüchse werden in unendlicher Ausführlichkeit beleuchtet. Wenn die eintönige Ego-Leier gelegentlich auf das Thema Männerbekanntschaften kommt, fällt das Buch gar auf Dr.-Sommer-Niveau ab: Kindlich-naiv philosophiert Karo über die Unterschiede zwischen verknallt sein, verliebt sein und Liebe. Oder über die verschiedenen Deutungsweisen einer SMS.

Leider macht Kuttner viel zu wenig aus den äußeren Umständen, die Karo krank machen. Die Ursachen wirken zu banal für das folgende Melodram. Der psychologisch wenig bewanderte Leser kann sich mit der Hauptfigur unmöglich identifizieren. Man sucht in Karo vergeblich das „Musterexemplar unserer Zeit“, wie es im Bucheinband beworben wird. Sie ist apathisch und egozentrisch, ihre Depression scheinbar erblich bedingt. Nachvollziehbar ist ihr Verhalten nie, sondern wirkt, im Gegenteil, eher lächerlich.

Einen – wie zu erwarten gewesen wäre – Zusammenhang zwischen Depression, Gesellschaft und mondänem Lebensstil liefert Sarah Kuttner nicht. Nach der 256 Seiten dauernden, zähen Lektüre von „Mängelexemplar“ wird klar, dass schon im ersten Satz alles drin war: „Eine Depression ist ein fucking Event!“

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