Mädchen auf
der Flucht.
Ausgewählte Gedichte von John
Ashbery (2002, Hanser-Verlag/Edition Akzente - Übertragung
Erwin
Einzinger, Durs
Grünbein, Matthias Göritz, Michael
Krüger, Klaus
Reichert, Joachim
Sartorius).
Besprechung von Jan
Wagner aus der
Frankfurter Rundschau, 14.12.2002:
Predigt des Augenblicks
Gedichte von und für John Ashbery
Eine amerikanische Journalistin attestierte John Ashbery beim Erscheinen
seiner Selected Poems, er hüte und verwalte ein "ganzes
Versailles der Imagination". Andere Kritiker sahen und sehen noch heute
in Ashberys Werk weniger einen Spiegelsaal als ein Spiegelkabinett, eine
mutwillig verwirrende Konstruktion von ungeheurer Eloquenz, die den Leser ein
ums andere Mal in eine semantische Sackgasse lockt. Ashbery ist bis heute ein
lyrischer Einzelgänger geblieben, der sich im Gegensatz zu vielen anderen Größen
der modernen amerikanischen Poesie stets der vereinfachenden Kategorisierung
durch die Literaturwissenschaft und -kritik entzogen hat. Wo Charles Olson,
Begründer und Wortführer der "Black Mountain School", seine alle
Verskonventionen sprengende Idee vom "Projective Verse" entwickelte,
griff Ashbery auf die Tradition zurück und machte sich strenge Formen wie
Sestine und Pantum zu eigen - etwa in seinem unübersetzten, frühen Text The
Painter und in dem langen Gedicht Hotel Lautréamont. Während
Allen Ginsberg durch eindeutigere Aussagen zum lyrischen Wortführer der
alternativen Bewegung der USA werden konnte, blieb Ashbery nicht zu fassen und
facettenreich, nicht festzulegen auf eine Bedeutungsebene - und dem Leser
mochte es so gehen wie jener Gestalt aus dem Band The Tennis Court Oath
von 1962, von der es heißt: "Nun achtete er nur noch auf Zeichen. / War
die Zigarre ein Zeichen? / Und was ist mit dem Schlüssel?"
Der Durchbruch, der lange auf sich hatte warten lassen, kam mit dem siebten
Gedichtband, als John Ashbery bereits fast fünfzig Jahre alt war - doch dafür
fielen die Reaktionen des Establishments diesmal denkbar positiv aus: Für Self-Portrait
in a Convex Mirror (1975) erhielt Ashbery alle wichtigen Preise, die die
USA zu vergeben haben, darunter den Pulitzer Prize for Poetry, und erlangte
internationale Bekanntheit - nicht zuletzt dank des Titelgedichts, einer
ebenso langen wie poetisch und intellektuell dichten Reflexion über das berühmte
Selbstbildnis des Renaissance-Malers Francesco Parmigianino, das "so mächtig
in seiner / Zurückhaltung" ist, "daß man nicht lange hinschauen
kann. / Das Geheimnis liegt zu offen da".
Doch selbst wenn Ashberys Poesie, verglichen mit den schwierigen, fast
antilyrischen Versen seiner früheren Bände, nun zugänglicher erschien, so
lag doch ihr Geheimnis keinesfalls offener da, und die Merkmale seines
Schreibens blieben dieselben: eine ungeheure Bandbreite an Modulation, die
Hochsprachliches mit Alltagsslang, ja mit Kalauern zu verbinden weiß, zu
"einer abgefahrenen Geschichte von Professoren, Pissern und Pianos, / Zur
Predigt des Augenblicks", ein Nebeneinander von Intellektualität und
Spontaneität, und ein bei aller gedanklichen Tiefe und semantischen Weite
lockerer Grundton, der sich den Dingen "tongue in cheek" zuwendet,
"daß es ein Wunder war an Poesie / und Ironie" ("Wie es
weitergeht"). Auch die Einflüsse auf Ashberys Lyrik sind bis heute unverändert:
Neben dem französischen Surrealismus, der Malerei etwa des Abstract
Expressionism und der New York School, dem Jazz und der damit verbundenen
Kunst der Improvisation ist es nicht zuletzt der amerikanische Alltag, der ihn
inspiriert - insbesondere die Metropole New York, dieser "Stadt, die mit
ihren schönen Vororten in das All / Fällt".
Bis heute verzichten Ashberys Gedichte auf die griffige Mitteilung, üben sich
in der Kunst der Suggestion, der allseitigen Offenheit, und vertrauen auf die
Bereitschaft des Einzelnen, sich gedanklich an der Eleganz von Ashberys Lyrik
abzuarbeiten: "Stell dir vor, dieses Gedicht handele von dir - würdest
du / die Dinge hineintun, die ich sorgfältig ausgelassen habe: /
Beschreibungen von Schmerz, und Sex, und wie unberechenbar / die Leute
miteinander sind? Naja, steht wohl alles / schon in einem Buch. Für dich /
habe ich die Beschreibung des Hühner-Sandwiches aufgehoben, / Und des
Glasauges, das vom bronzenen Kaminsims erstaunt / auf mich starrt und nie
befriedet werden kann" ("Das Problem mit der Ängstlichkeit").
[...diese und weitere
Besprechungen finden Sie unter
]
Leseprobe I Buchbestellung I home 0103 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau