Madame Bovery.
Roman von Gustave Flaubert (2001, Haffmans - Übertragung Caroline Vollmann).
Besprechung von Walter Klier in der Frankfurter Rundschau, 20.6.2002:

Arme, dumme Emma
Gustave Flauberts "Madame Bovary", neu übersetzt

Einer der letzten Streiche des verblichenen Haffmans Verlags war der siebte Band einer Neuausgabe von Flauberts Werken, Madame Bovary in der Übersetzung von Caroline Vollmann. Die Wiederlektüre gleicht der Begegnung mit einem alten Freund, den man lange nicht gesehen hat: zunächst problemlos, doch je länger sie dauert, desto mehr Züge treten hervor, die man früher nicht bemerkt hat.

Die abgründige Spannung, die einen zusammen mit der armen, dummen Emma Bovary und dem armen, dummen Charles und den anderen weniger armen, dafür noch dümmeren Personen der Handlung durch das Buch zieht, diese Spannung des ersten Mals, wenn man Literatur wie ein Stück Natur wahrnimmt, ist bei vierter oder fünfter Lektüre nicht mehr zu haben. So ergötzt man sich an dem - nach Flaubert - Eigentlichen: der Prosa, den Modulationen der Sprache, der Literatur an und für sich, l'art pour l'art. Flaubert selber ward nicht müde, darauf hinzuweisen, und es gelang ihm so auch, der literarische Säulenheilige des 20. Jahrhunderts zu werden. Von Sprache soll also die Rede sein, und zwar vom Verhältnis zwischen Original und Übersetzung.

Der Roman fängt bekanntlich so an: "Nous étions à l'étude, quand le Proviseur entra, suivi d'un nouveau habillé en bourgeois et d'un garçon de classe qui portait un grand pupitre." Die "revidierte Übersetzung" von Arthur Schurig (Insel Verlag 1919) brachte das Kunststück zuwege, die erste ästhetische Radikalität des Romans gleich auszumerzen: dass er nämlich in der ersten Person beginnt, als berichte ein Augenzeuge, und nach einigen Seiten unbemerkt in die gleichsam objektive, dritte Person wechselt. Schurig übersetzt: "Es war Arbeitsstunde. Da trat der Rektor ein, ihm zur Seite ein Neuer, in gewöhnlichem Anzuge, der Pedell hinter den beiden, Schulstubengerät in den Händen." Caroline Vollmann macht es so: "Wir waren im Arbeitssaal, als der Direktor eintrat, ihm folgten ein Neuer in ziviler Kleidung und ein Schuldiener, der ein großes Pult trug."

Ein gewisser Fortschritt: Die Ich-Perspektive ist da; aus dem Rektor und dem Pedell sind der Direktor und ein Schuldiener geworden und aus dem Schulstubengerät zutreffend das große Pult, und der erste Satz ist ein Satz geblieben. Erste Sätze sind ja wichtigere Sätze als andere Sätze aus dem Inneren des Textes. Ohne Not allerdings hat die Übersetzerin etwas, was gut hätte werden können, nur halb gut gemacht, und zwar nicht nur im ersten Satz. Das betrübt angesichts des Trara, das diese Edition begleitete.

Der Arbeitssaal lässt zu wünschen übrig. Mir scheint, es ist einfach das Klassenzimmer; schwerer wiegt, dass Flaubert mit "quand", also zeitlich anschließt, was die Lösung "im Arbeitssaal, als" zum mindesten ungeschickt erscheinen lässt. Die "études" sind eine Stunde, in der Stoff repetiert wird, wie sich dann ergibt. Beim "maître d'études", von dem die Rede ist, handelt es sich um einen Hilfslehrer oder eine Aufsichtsperson (im Gegensatz zum "professeur" der anschließenden Mützen-Szene).

Diese Anmerkung zum Romanbeginn erscheint vielleicht beckmesserisch; der eine oder andere Ausrutscher dieser Art wäre auch nicht weiter schlimm. Doch hat man einmal angefangen, genauer hinzuschauen, sind der Ausrutscher kein Ende. So mutiert der "maître d'études" vom aufsichtführenden Lehrer ohne Not zum Aufseher, was zusammen mit dem Arbeitssaal allzusehr nach Gefangenenhaus klingt. Der Arbeitssaal wird auf Seite 19 dann übrigens zum Übungsraum. Gerade bei Flaubert sollte man jeweils gleiche französische Wörter mit gleichen deutschen übersetzen, außer es droht eine unverzeihliche Wortwiederholung. Man fragt in stiller Verzweiflung, warum der alte Brüllaffe von Croisset sich, seine bedauernswerten Mitmenschen und schließlich die Nachwelt mit seiner Suche nach dem richtigen Wort genervt hat, wenn es am Ende beim Übersetzen schließlich so ziemlich egal ist, was man hinschreibt.

Die Übersetzerin scheint bei der geschilderten Schule eher an ein Gefängnis gedacht zu haben; sie lässt den kleinen Charles in ziviler Kleidung auftreten. So schlimm hat es, trotz der Tribulationen, Charles nicht getroffen. Er fühlt sich im Internat ja wohl. Was ist zivile Kleidung? Der Ausdruck verballhornt die Zivilkleidung, als Gegensatz zur Uniform. Bei Flaubert steht: "habillé en bourgeois". Bourgeois! Im ersten Satz der "Bovary"! Der überdimensionale, fast groteske Hass des Meisters auf die eigene Klasse, das Bürgerliche als negatives Weltprinzip steckt doch in diesem Wort und in allem, was folgt. Es ist ein Hass, der sich zugleich gegen die eigene Person richtet - mit heftigem Selbstmitleid untermischt. Es ist der Lebenssaft der Flaubertschen Literatur, der aus den Ritzen dieses Wörtchens dringt. Also wie es übersetzen? Mit zivil sicher nicht.

Es fehlt der Platz, sich den restlichen 470 Seiten mit gleicher Einfühlung zu widmen; so wollen wir hier nur Seite 132 und das lustigste mot injuste besuchen, das mir aufgefallen ist. Emma auf dem Weg durchs Dorf: "Durch die Lücken in den Hecken sah man in verfallenen Gehöften ein paar Schweine auf einem Misthaufen oder angeseilte Kühe..." Das Landleben war Flaubert, auf diese theatralische, französische Art, zwar verhasst, aber nicht so, dass er nicht genau hingeschaut hätte. Tatsächlich liegt ein Reiz der Madame Bovary in der detailreichen Schilderung ländlicher Verhältnisse. Wir wollen vom Binnenreim Lücken-Hecken gnädig absehen, obwohl der Meister darauf allergisch reagierte und sich das französische "trou" ganz schlicht mit Loch oder Löcher hätte wiedergeben lassen, auch die Affigkeit, das im Original kursive "masures" auch im deutschen kursiv zu setzen, obwohl es hier kein "besonderes Wort", sondern bloß die nächste Umschreibung darstellt, nur streifen und uns auf die Tiere konzentrieren, die in dem Satz vorkommen.

Zunächst die Schweine. Ein paar wären vier oder fünf, es müsste ein ziemlich großer Misthaufen sein, oder die Schweine ziemlich klein, damit sie alle oben Platz haben, was vielleicht die Armut in diesem Teil von Yonville-l'Abbaye veranschaulichen soll. Im Original ist es aber ohnehin nur eines, da und dort, "quelque pourceau sur un fumier". Und die Kühe - vielleicht haben sie für den späteren Nachmittag einen Ausflug mit Reinhold Messner vor und sich vorsorglich schon den Klettergurt angelegt.

Bevor mir die Übersetzergewerkschaft einen Killer auf den Hals hetzt, will ich aufhören. Es ist nicht schlimm, was hier geschah, der Text liest sich trotz der angedeuteten Verschmierungen meist ganz angenehm, soweit man bei Madame Bovary von angenehm reden kann... Was für ein durch und durch unangenehmes Buch diese Madame Bovary doch ist! Es gibt darin nur dumme, bornierte, widerwärtige Leute, keinen Lichtstrahl in der Düsternis, alles Illusion, alle Auswege versperrt. Religion und Kirche bieten keine Tröstung, die Wissenschaft, ich bitte Sie!, die Medizin ist lebensgefährlich; von der Aufklärung ist nichts geblieben als das Gewäsch des Apothekers, der den Pfarrer mit Voltaire nervt, die Geschichte ist eine Rumpelkammer voll staubiger Grabmäler, die nichts mehr bedeuten. Die Kunst - verlogene Romane, eine Lucia di Lammermoor mit einem Gecken, halb Barbier, halb Torero in der Hauptrolle, man geht vor dem Schluss, weil man die überraschend wiedergefundene Geliebte anbaggern möchte. Die Liebe ist nichts als ein in Romanen zusammengelesener Bluff, von der Ehe ganz zu schweigen.

Was macht dieses Panorama zivilisatorischer Verloren-, ja Verkommenheit dem gebildeten Publikum so ansprechend, so vertraut? Ist es der Umstand, dass die zugrunde liegende Philosophie das kritische Denken des 20. Jahrhunderts vorwegnimmt und so, im dialektischen Sprung, zur Denkweise eines heutigen Bürgertums geworden ist, das seinen Flaubert noch sucht? So wäre dieser Wertekanon der des Homais von heute, des durchschnittlichen Linksliberalen; der seiner Hohlheit den jeweiligen dernier cri aufsetzt, eine kubanische Rentnerband oder das jüngste "Shopping and Fucking". Aus der Perspektive des an allen gesellschaftlichen Fronten erfolgreichen Bürgertums im 19. Jahrhundert war die ätzende Wirkung solcher Literatur gewiss heilsam - und patientenverträglich, weil unter der Oberfläche des Schonungslosen, der Demontage der Fassaden eine romantische Illusion intakt, ein soziales Faktum unangetastet bleibt: im bürgerlichen 19. Jahrhundert ist gewöhnlich nicht die Frau untreu, sondern der Mann.

Der Slapstick von Emmas Untreue-Choreografie vermittelt etwas vom Irrealismus dieses Teils der Handlung. Symmetrisch hierzu steht Charles als ewig und unendlich Liebender, der die Augen vor dem Offensichtlichen nicht verschließen muss, weil er es nicht sehen kann. Charles ist eine Märchenfigur, einer der bejammernswertesten männlichen Helden der Weltliteratur, in der Blütezeit des Patriarchats ersonnen und ausgemalt. Der bekannte Umstand, dass Emmas Augenfarbe immer wieder zwischen blau, braun und schwarz changiert, dürfte als Hinweis darauf genügen, dass auch sie eine Märchenfigur ist.

Unter der Oberfläche seines Realismus ist Flaubert Romantiker geblieben. Dass er metaphorisch nicht mit Höhenflügen aufwartet, hat schon Marcel Proust festgestellt; die Bilder, die er findet, könnten auch Rodolphe eingefallen sein: "Es sah aus wie der Himmel, wenn ein Windstoß die Wolken verjagt. Die vielen traurigen Gedanken, die ihre blauen Augen verdunkelt hatten, schienen sich zu verziehen; sie strahlte über und über." - Das alles ändert nichts daran, dass dieses Buch zum literarischen Fundus gehört, Teil unseres literarischen Bewusstseins ist. Deshalb lohnt es gerade, in diesem Teil unseres geistigen Paradiesgärtleins ein wenig durch die Lücken der Hecken und hinter die Misthaufen zu lugen.

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