Madame.
Roman von Antoni
Libera (2000, dtv - Übertragung Karin Wolff).).
Besprechung von Tilman Krause aus Die Welt
vom 7.10.2000:
Das
innere Feuer - Das Buch der Woche
Der polnische Erzähler Antoni Libera huldigt der Macht der Kunst und liefert damit den
meistgelesenen Roman im Polen der Nach-Wende-Zeit
Polen in den sechziger Jahren. Eine bleierne Zeit für den jungen, hochbegabten, theaterversessenen Gymnasiasten, der hier aus der Schule plaudert. Wäre da nicht seine attraktive, geheimnisvolle Französischlehrerin, die alle nur "Madame" nennen, es wäre zum Verzweifeln. Aber dank Madame, dank seiner jungen Liebe, die sich mit der Liebe zur Kunst verbindet und verschlingt, übersteht der junge Mann die Widrigkeiten des sozialistischen Alltags und reift zum Künstler. Antoni Libera hat mit "Madame" den meistgelesenen polnischen Roman der Nach-Wende-Zeit vorgelegt. Es ist die hinreißend erzählte Geschichte einer éducation sentimentale, geschrieben im unerschütterlichen Glauben an die Macht der Kunst.
Der Roman des Jahres sieht überhaupt nicht danach aus. Schmutzig grau der Umschlag. Nicht unbedingt erwartbar der Verlag. Und der Autor? Unbekannt. Jedenfalls hier zu Lande. In Polen ist er durch die Übersetzung des gesamten Bühnen-Beckett hervorgetreten. Auch nicht unbedingt eine Empfehlung für einen Erzähler. Und dennoch ist dies, Polenschwerpunkt der Frankfurter Buchmesse hin oder her, der Roman des Jahres. Nicht nur weil er, was schon schwer wiegt, brillant erzählt ist, will sagen raffiniert gebaut, voller musikalisch durchgeführter Motive - und dabei unterhaltsam, leserfreundlich, süffig. Nicht nur, weil er ein traditionelles Erzählmuster, den Entwicklungsroman, mit modernen, in diesem Fall gesellschaftssatirischen, psychologischen, texttheoretischen Mitteln unterfüttert. Ja, selbst nicht einmal so sehr deshalb, weil er uns eine ganze Epoche in ihrer bleiernen Schwere vor Augen führt, den Leser tief hineinzieht in die Tristesse der sechziger Jahre im sozialistischen Polen. Nein, dies ist vor allem deshalb der Roman des Jahres, weil er bis in die letzte Faser seines dichten Gewebes durchdrungen ist von einem auf geradezu altmodische Weise unerschütterlichen Glauben an die Kunst und weil bei Antoni Libera dieser Glaube unvergessliche Gestalt annimmt, Fleisch wird. Und dieses Fleisch ist vor allem, der Titel sagt es, das Fleisch von "Madame".
Madame! Hört man es noch, das Herrscherliche, das in dieser Bezeichnung mitschwingt und denjenigen, der sie ausspricht, gewissermaßen zwingt, das Haupt zu neigen und "Hoheit" zu flüstern? Spürt man die Eleganz, die Grazie, die Anmut, aber auch Koketterie, Kaprice und Komödiantentum, die im weiten Faltenwurf des Gewandes Platz haben, das der anlegt, der da sagt: "Madame"? Empfindet man schließlich das Prestige des Französischen, sein Zivilisationsprimat, den Geist der französischen Sprache, ausgedrückt in diesem einen Wörtchen "Madame", tut man das noch? Wir ahnen es nicht. Aber wenn all dies irgendwo, irgendwann empfunden wurde, dann war es im Polen der Volksrepublik, in den Tagen politischer Versklavung, unter der dieses elitäre, in Zeremonien verliebte, dem Pathos verschworene Volk wahrscheinlich gelitten hat wie kein anderes, das unter sowjetischem Joch leben musste.
Da nimmt es nicht wunder, wenn der Autor "Madame", die geheimnisvolle Heldin des Romans, als königliches Sinnbild der Schönheit, der Lebenskunst, der Kultiviertheit überwiegend französisch reden lässt (was allerdings übersetzt wird) und beschreibend absetzt vom sozialistischen Alltag: "Sie war stark und stolz. Und sie schien unabhängig von der entsittlichten und hässlichen polnischen Realität, geschaffen im düsteren Wahn der Volksdemokratie. Mit ihrem ganzen Wesen sagte sie Nein zu dieser Welt. Mit ihrem Aussehen, ihren Manieren, ihrer Sprache, ihrer Intelligenz. Sie war der stumme Ausdruck dafür, dass wir im Sumpf und im Aberwitz feststeckten, und zugleich dafür, dass man ein völlig anderes Leben leben konnte."
In diesem "Zugleich" steckt der untergründige Gehalt dieses eindrucksvollen Buches, vor dem die fesselnde Geschichte fast sekundär wird. Denn mag "Madame" noch so sehr die faszinierende Französischlehrerin und Direktorin des jugendlichen Ich-Erzählers sein, an der er sich abarbeitet, in die er sich verliebt, dank der er schließlich zum Künstler wird. Mag "Madame", Tochter einer Französin und eines Polen, gezeugt in der freien Schweiz und am Schluss in der westlichen Emigration sich verlierend, mag sie mit ihrer ganzen, vom Helden mühsam recherchierten Vergangenheit tief in die prekäre Geschichte des Jahrhunderts verstrickt sein, als dessen Urkatastrophe hier übrigens der Spanische Bürgerkrieg mit seinem beginnenden Blockdenken erscheint: Trotz ihrer realiengesättigten Lebendigkeit ist "Madame" doch auch eine wunderbare Allegorie auf die polnische Widerstandskraft gegen das Totalitäre, eine Widerstandskraft, wohlgemerkt, die nicht denkbar wäre ohne die intensive Beziehung zur Kunst und ohne ästhetische Unkorrumpierbarkeit.
Also wäre dieses Buch vor allem eine innerpolnische Angelegenheit, ein Roman gewordener Akt polnischer Selbstverständigung, zehn Jahre nach dem Ende des Sozialismus und folglich eine Art kunstideologischer Notanker in einer von neuer, diesmal dem Kapitalismus und Konsumismus geschuldeten Orientierungslosigkeit? Man könnte es denken, denn Liberas Roman ist seit seinem Erscheinen in Polen vor zwei Jahren das meistgelesene, am heftigsten diskutierte Buch der Nachwendezeit. Doch das griffe zu kurz. Die Individuationsgeschichte, die der Roman, bei aller Verhaftung im polnischen Rahmen, darüber hinaus auch noch zu bieten hat, ist von universaler Gültigkeit. Und damit leiten wir über von Madame zu Monsieur.
Früh gereift und zart und traurig, mit Hofmannsthal zu sprechen, stellt er sich dar, angewidert von seiner realsozialistischen Umgebung, wie sie sich insbesondere auf der gymnasialen Oberstufe darbietet, die dieser Protagonist, der namenlos bleibt, absolvieren muss. Die Verachtung jedoch, mit der er, ein brillanter, sprachbegabter, theaterversessener junger Mann, den Karrieristen und Anpassern um ihn herum begegnet, teilt er durchaus mit anderen: Sowohl seine Eltern als auch deren Bekannte sind sich in der Verdammung des offiziellen Polen vollkommen einig. Kehrt der Siebzehnjährige von der Schule nach Hause zurück, empfängt ihn eine Welt, in der man ausschließlich Radio Free Europe hört und noch die kümmerlichste Hinterlassenschaft der Vorkriegszeit wie eine Reliquie behandelt.
Der polnischen Gegenwart und ihren so genannten kulturellen Errungenschaft wird eine so schneidend snobistische Geringschätzung entgegengebracht, dass man sich unwillkürlich fragt, was die Philologen, Musiker, Schauspieler in Liberas Roman sich wohl mit ostdeutschen Intellektuellen zu sagen gehabt hätten, wenn sie diesen im Zuge der Zusammenführung von Brudervölkern irgendwo begegnet wären. Vermutlich gar nichts, denn die so gern als "kritisch-loyale" Opposition aufgebauschte Sympathisantenhaltung ostdeutscher Intellektueller zu DDR-Zeiten hätte diesen bei ihren polnischen Kollegen nur Hohn und Spott eingebracht. Hier war man eben ohne Wenn und Aber dagegen.
Hohn und Spott für das Mediocre sind aber, auch das lernt man durch diesen Maßstäbe wieder aufrichtenden Roman, nur dann berechtigt, wenn sie die Kehrseite jener Begeisterungsfähigkeit, ja Begeisterungsbedürftigkeit für das Große, Edle, Reife abgeben, ohne die kein kulturelles Klima entsteht und gedeiht. Und so köstlich man sich als Leser amüsiert, wenn der hoch begabte Held die trübseligen Leistungsschauen, Abiturientenfeiern und politischen Gedenktage an seiner Schule schildert, die mit den obligaten Beigaben der Arbeiterkultur garniert werden: Richtig wohl wird einem erst, wenn man an den Aufschwüngen der jugendlichen Einbildungskraft des Ich-Erzählers teilhat, die Libera genauso detailreich und liebevoll vor seinem Publikum ausbreitet.
Kunst, hier in erster Linie Literatur, wird dem jugendlichen Helden zum eye-opener auch in erotischer Hinsicht. Deren körperliche Dimension lernt er anhand der Altersgrafik Picassos kennen. Was die Enttäuschung über nicht erwiderte Leidenschaft angeht, lehrt ihn Racines "Phädra" zu sagen, was er leidet. Zeromskis "Zu Schutt und Asche" bietet sich für sexuelle Obsessionen und Fetischisierungen an. Doch von denen fühlt der empfindsame Adoleszent in seiner alterstypischen Leibfeindlichkeit sich eher abgestoßen und hält sich lieber an Schillers Ethik des Verzichts oder an Thomas Manns Definition von Glück, derzufolge es nicht zählt, geliebt zu werden, sondern "zu lieben und vielleicht kleine, trügerische Annäherungen an den geliebten Gegenstand zu erhaschen"... Fortsetzung
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.welt.de]
Leseprobe I Buchbestellung 0403 LYRIKwelt © Die Welt