Machwerk oder Das Schichtbuch des Flick von Lauchhammer von Volker Braun, 2008, Suhrkamp

Machwerk oder Das Schichtbuch des Flick von Lauchhammer.
Roman von Volker Braun (2008, Suhrkamp).
Besprechung von
Martin Lüdtke aus Frankfurter Rundschau, vom 5.12.2008:

Elegie der Arbeit

Flick war ist und schwach geworden, aber auch weise, denn "er lernte nichts zu tun". Sein Leben lang ist er ein Arbeitstier gewesen, in seiner besten Zeit das, was man einen "Experten" nennt. Er kam und packte zu. Stets war er in seiner Montur, mit rotem Helm auf dem Haupt, den Karabinerhaken am Koppel und einigem Werkzeug unterwegs. Erst nachdem er alle Arbeit hinter sich gelassen hat, macht er sich an die letzte, die ihm geblieben ist, die - zu sterben. Dann ist auch die erledigt und er macht Arbeit dann nur noch den anderen. In Frieden solle er ruhen, "und im Krieg", sagt Luten, der Enkel, wobei ihm die Tränen über die Wangen laufen, "während er gerechterweise lachte". Einer der Träger, der ihn ansah, lässt "den schwarzen Gurt fahren, und sein Gegenüber vor Schreck den seinen: und der Sarg rutschte senkrecht ins Loch".

So, ersichtlich mühsam, kommt Meister Flick von Lauchhammer aus der Niederlausitz zu seiner vermutlich nicht ewigen, doch immerhin letzten Ruhe. Es ist ein Schelmenroman, der auf diese tragische Weise zu Ende geht. Mit dem Tod eines Mannes, dem die Arbeit ein Leben lang "sein oberstes Lebensbedürfnis" geblieben und der nun, nachdem sie rar geworden ist, ihr buchstäblich "nach geht", vier Bücher mit je zwölf eher kurzen Kapiteln lang. Das scheint komisch und tragisch zugleich. Und ist doch nur traurig.

Trauer um das "Land"

Dabei jammert Volker Braun nicht einfach den vergangenen Verhältnissen hinterher, sondern will erst einmal beschreiben, wie ein solches Leben in Arbeit aussieht, wenn diese ausgeht. Zugleich sieht er mit klarem Blick auch die "Wüste", "diese Mondlandschaft", die solche Arbeit in der Lausitz, hinterlassen hatte. "Es ist alles untergegangen. Eine versunkene Welt. (…) Er hatte Bagger in den Abgrund rauschen sehen; es fuhren auch Gesellschaften in den Orkus." Hier ist der zeitliche Bezug, heute oder damals, ebenso offen wie der personelle. Er spürte den Impuls einzugreifen. Doch er wurde gewarnt. "Schau nicht hin, sonst wird man dich für einen Ewiggestrigen halten."

Volker Braun zählt zu den Schriftstellern, deren Werk auf einen Dreh- und Angelpunkt zurück verweist. In dem großartigen Gedicht "Das Eigentum", das in den frühen neunziger Jahren entstand, wird dieser Punkt genau bezeichnet. Das Gedicht beginnt mit den Versen: "Da bin ich noch: mein Land geht in den Westen. / (…) Ich selber habe ihm den Tritt versetzt." Er spricht von "magrer Zierde" und davon: "Was ich niemals besaß wird mir entrissen. / Was ich nicht lebte, werd ich ewig missen. / Die Hoffnung lag im Weg wie eine Falle." So lange die DDR existierte, wurde sie von Braun radikal, mithin auf die Wurzeln zielend, kritisiert. Seit sie zerfallen ist, trauert er den Möglichkeiten nach, die sein "Land" versäumt habe. Auch das "Machwerk oder Das Schichtbuch des Flick von Lauchhammer" wird von solcher Ambivalenz getragen. Das "Schichtbuch" ist mit vielen "Calauern" angereichert und mit Sprüchen, die zur Hände Arbeit gehörten wie damals die Energie zu Cottbus. Da fällt manch "ein Schwein von Herzen" und hinterlässt nicht nur bei "Zigaunern", "meistbetend" natürlich, "flaue Flecken". Ein Schelm, wer böses denkt. Denn Volker Braun meint es natürlich gut. Er kämpft schließlich um das "Lebensrecht" auf Arbeit.

Doch, bitte, mit welchen Mitteln? Meister Flick aus Lauchhammer erscheint ja nicht nur als Teil von jener Kraft, die stets das Gute will und stets das Gegenteil erschafft. Für einen Schelm mag das angehen. Das Schelmentum gilt als Strategie der Selbsterhaltung des bürgerlichen Individuums. Mit ihr setzt sich, seit Odysseus den Kyklopen betrog, der ohnmächtige Einzelne gegen übermächtige Verhältnisse zur Wehr. Die "Dialektik der Aufklärung" nannte es List. Der Schelm von Lauchhammer geht aber nicht listig zu Werke, eher brachial. Er wehrt sich nicht gegen Unrecht, sondern greift sofort zu. Er kämpft nicht gegen bestimmte Verhältnisse. Er stolpert in ihnen herum, wie einst Don Quijote durch die Mancha ritt und zu kämpfen glaubte, während er auf Windmühlen einschlug.

Meister Flick, und mit ihm sein Sancho Pansa, Ludwig, das "Luten" genannte "Luder", sein Enkel - ebenso faul wie treu und nicht weniger doof als ungeschickt - ziehen auf der Suche nach Arbeit durch die Lande. Da wird einiges an Gegenwart eingewoben, und gleichzeitig, durch die Mischung von hohem Ton und flachem Witz, gleich wieder entschärft.

Solche Stilmittel hatte Braun einst politisch eingesetzt. Die klassizistische Verkleidung bot der Sprache Zwischenräume. Selbst der platteste Kalauer gewann in den seligen Zeiten der DDR politisches Gewicht. Eine Zensur, die sich dadurch täuschen ließe, gibt es aber nicht mehr. Es bedarf heute keiner Narren und keiner Dichter, um das Elend der Verhältnisse zu benennen. Klartext wäre also angesagt. Ein Beispiel: Die Deutsche Bank sollte als Verein von Gangstern bezeichnet werden, schlug unlängst der Spiegel vor ( Nr. 47/08, S. 72). Nicht so Braun.

Hat sich nicht verändert

Gewiss, sein Meister Flick marschiert durch die Lande, durch die Länder. Er will arbeiten. Wozu, das weiß er selber nicht. In einer mächtig mystelnden Passage fasst ihn eine Mittagsfrau mitten "ins Gesicht": "Was ist der Grund? Sie dachte nach und blickte auf irgendwelche Schätze, die unten schimmerten, und er hoffte wunder was zu hören, aber dann sagte sie nur: Der Grund … ist die Arbeit." Er fragt sogar noch: "Welche Arbeit" - erhält aber keine Antwort mehr. Selbst der alte Hegelsche Kampf von Herr und Knecht, in dem es Anerkennung geht, spielt keine Rolle mehr. Flick zeigt uns Schattenboxen. Warum?

Weil Volker Braun von einem Arbeitsbegriff ausgeht, der sich vielleicht noch moralisch begründen ließe, nicht aber politisch und schon gar nicht ökonomisch, nicht einmal psychologisch. Die Arbeitsverhältnisse in der DDR waren ohnehin nicht besser als die kapitalistischen, eher noch übler, weil sich im Arbeiter- und Bauern-Staat die Nachteile beider Systeme höchst effektiv miteinander verbanden.

Mit unserer Hände Arbeit lässt sich kaum noch ein Blumentopf gewinnen. Kritik an unseren Verhältnissen muss an anderer Stelle ansetzen. Die Kategorien des 19. Jahrhunderts haben sich als untauglich erwiesen. Geschichtsphilosophische Spekulationen helfen ebenso wenig weiter. Was wir brauchen, sind Modelle, die eine gerechtere Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums erlauben. Von Volker Braun ist in dieser Hinsicht nichts zu erwarten. Er ist sich nämlich treu geblieben. Er hat sich nicht verändert. Was davon zu halten ist, hat Brauns alter Lehrer Brecht in seiner berühmtesten Keuner-Geschichte unmissverständlich mitgeteilt.

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