lys/Licht.
Gedichte, dänisch/deutsch von
Inger Christensen (2005,
Verlag Kleinheinrich - Übertragung Hanns Grössel).
Besprechung von Cornelia Jentzsch im Deutschlandradio vom
13.03.2008:
Inger Christensens Langgedicht "Alphabet" beginnt mit dem
vielzitierten Vers "Die Aprikosenbäume gibt es, die Aprikosenbäume gibt es". Um
diesen Anfangssatz herum erschafft die dänische Dichterin, in immer größer
werdenden konzentrischen Kreisen und in immer längeren Aufzählungen, die Welt
noch einmal. Nur: dieses Mal mit Worten.
Ihr Wiener Dichterkollege Peter Waterhouse sagt: "'Alphabet' ist von einer
solchen Gleichmäßigkeit", von einer solchen "Balance der Energie, dass man in
den Aprikosenbäumen des Anfangs alles andere entdecken könnte, die ganze
ungegensätzliche Gegensätzlichkeit."
Das magische Anfangswort Aprikosenbäume schließt wie ein Sesam-Öffne-Dich alles
weitere, was danach folgt, auf. Dieses sich allmählich Zeigende umfasst die
ganze belebte und unbelebte Welt, von Zikaden und Zedern über Brom und Dioxin
bis hin zu den Narwalen.
Aus dem Alphabet wird die Welt geschöpft. Diese Welt ist ungeschieden und
komplex, weil alles noch mit allem verbunden steht. Ein integrer Zustand sei
das, meint Waterhouse, also ein vertrauenswürdiger wie unverfälschter Zustand.
"Ich habe kürzlich über bestimmte Legierungen gelesen", sagt Inger Christensen,
Legierungen, die "sich bei bestimmten Temperaturen an die Formen 'erinnern'
können, in denen sie sich früher bei anderen Temperaturen befunden haben." Die
Dichterin meint, auch Menschen müsse es möglich sein, "sich bei bestimmten
Temperaturen - und die Gemütsbewegungen in einer Gesellschaft haben immer eine
bestimmte Temperatur" - an die früheren "Formen, Verhaltensformen und
sprachlichen Räume zu erinnern".
Die 1935 geborene Dänin Inger Christensen hat einen besonderen Blick für die
verborgenen Zusammenhänge der Welt, ihren geheimnisvollen Strukturen und
undurchdringlichen Gesetze. Möglicherweise trieb sie schon immer eine
diesbezügliche Ahnung, denn sie schrieb sich als junge Studentin in Kopenhagen
neben dem Fach Medizin auch für Chemie und Mathematik ein. Möglicherweise war
sie aber auch erst durch die Naturwissenschaften auf die in Formeln fassbare
logische Gesetzmäßigkeit der Welt aufmerksam geworden. Denn auch dichterische
Worte sind nichts anderes als Formeln. Sie sind Zeichen und Benennungen für das
Gedächtnis und die Gedanken.
Mit 27 gab Inger Christensen ihren ersten Gedichtband "Lys", was übersetzt Licht
heißt, heraus. Ein Jahr später, 1963, veröffentlichte sie ihren zweiten
Gedichtband "Græs", "Gras". "Zu dieser Zeit", sagt sie heute, "schrieb ich
Gedichte auf die Weise, dass die Korrespondenzen der Worte, als Ganzheit
gesehen, eine Art Universum schaffen sollten, das vollkommen in Ruhe lag, wo der
Wert jedes Wortes in einem Zusammenhang stehen sollte, als wäre das Ganze
organisch."
stehe ich
alleine im schnee
wird klar
dass ich eine uhr bin
wie sollte die ewigkeit
sich sonst zurechtfinden
"Lys", der erste Gedichtband der dänischen Nobelpreisanwärterin Inger
Christensen ist ein kleines, berührendes Büchlein, ein erstes sprachliches
Herantasten an die in den späteren Werken wie "Alphabet", "Das" oder "Schmetterlingstal"
ausformulierten großen Themen.
Zu Beginn eines dichterischen Werkes, und wohl eines jeden, ist das sprachliche
Material noch nicht zur Gänze verfügbar und vertraut. Der Dichter ringt in den
anstürmenden Wellen des Begreifens von den Abgründen der Welt, die jeden
zunächst sprachlos machen, um Worte. Belastbarkeit und Tragfähigkeit des
vertrauten Alphabets werden erst einmal auf verschiedene poetische Möglichkeiten
hin ausprobiert und liegen noch nicht bis auf den Grund ausgelotet.
Doch bereits in "Lys" ahnt die junge Poetin Christensen, um welchen Preis nur zu
dichten ist. Dieser Grund ist erreicht, wenn "es gelingt / im wort das licht
wiederzuerkennen", wie sie schreibt.
komm kleiner glaube der glaubt
alles sei berechenbarkeit
deine geräumige trauerstatistik
hat im grossen und ganzen berechnet
... unberechenbarkeit.
sagt Inger Christensen.
Schon in ihrem ersten Band "Lys" ist, bei allem sprachlichen Tasten, das
Erstaunen vor der bizarren und ausgeprägten Komplexität der Welt, "in der welt
wo alles gilt", rein und vollkommen vorhanden. Jenes Erstaunen, das in den
späteren Werken Christensens eine so unverwechselbare sprachliche Struktur
erhält. Diese Komplexität vermag in einem Atemzug das Brutale wie das Zärtliche,
das Aufleben wie das Ableben zu umfassen, ohne Trennungsstrich oder
Alternativmöglichkeit.
Hinter allen Versuchen der Beschreibung lauert das Wissen um Vergeblichkeit auf
eine Wahl oder einen Ausweg. Selbst der Tod bietet keinen Ausgang, sondern er
gehört unabtrennbar zum Leben dazu. Alles ist mit allem verknüpft, nichts kommt
ohne das andere aus. So wie in der mathematischen Fibonacci-Reihe, in der sich
jede Zahl erst aus der Summe der beiden vorangegangenen ergibt, und die Inger
Christensen ihrem zwanzig Jahre nach "Lys" entstandenem "Alphabet"-Gedicht als
Formprinzip zugrunde legte. Keine willkürliche Spielerei, sondern nur ein
aufgegriffenes Prinzip: die Fibonacci-Reihe strukturiert als geheimer innerer
Bauplan viele Naturerscheinungen.
Begreift man Sprache und Denken ebenfalls als solche, als Erscheinungen einer
gesamten und unteilbaren Natur, wird die Eingebundenheit des Menschen und seiner
Dichtung in eine universale Komplexität noch sinnfälliger.
"Was Ihr gegen euch richtet", schreibt Inger Christensen in "Lys", "habt ihr
gegen das Meer gerichtet / Das sieht sieht".
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.deutschlandradio.de]
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