Lyrik von Jetzt, Anthologie, 2003, DuMont1.) - 2.)

Lyrik von Jetzt.
Anthologie von Björn Kuhligk und Jan Wagner (2003, DuMont).
Besprechung von Tom de Toys alias Lord Lässig, 27.- 29.6.2003:
(27.6. Akademie der Künste: „EUROPA WOHIN“ mit Habermas & Handlangern & 28.6. Backfabrik:
„LYRIK VON JETZT“ mit Kuhligk & Konsorten)

Die Neue Lässigkeit
HABERMASCHINE & KUHLIGKLONE

G&GN-Report / Wie lassen sich Phänomene erklären, die einen sprachlos machen, solange die Notwendigkeit von Sprache als Voraussetzung gilt, um sich so verständlich zu machen, daß eben jene Bürger sich endlich die Augen reiben und doch noch an Aufwachen denken, die in den letzten Tagen nichtsahnend und gutgläubig zu zwei Großereignissen in der Hauptstadt rannten, deren Vermarktung nicht darüber hinweg täuschen kann, daß es sich dabei um gänzlich aufgeblasene Hohlkörper handelt, deren bloße Beachtung an Nekrophilie statt Philosophie grenzt, und jedes noch so schlechte Gedicht, das ich in derselben Zeit niederschreibe, noch eher zu rechtfertigen wäre als dieser eindeutig zu lange Kettensatz, dessen unausgesprochener Kerngedanke all Deine Ketten sprengen wird, die Dich Dein bröckelndes Weltbild seit Jahren schon spüren läßt – Du bist an der Schwelle zu einem Sprung in die bodenlose Freiheit Deines Bewußtseins, dessen absolute (quantenmechanische) Verortung in keine einzige Religion paßt und doch so tief in der Existenz siedelt wie nichts, aber auch nichts anderes, das Dir je in Deinem Leben widerfahren kann: DU BIST DA und Du weißt es, ganz ohne Warum, ohne Woher und ohne Wohin. Einfach nur, DAß Du da bist, genügt Dir und Du schaust Dir die beiden Spektakel an und fragst Dich: Was wollen die eigentlich damit bezwecken, wem soll es nützen außer ihnen selbst und hat der Planet nicht schon lange genug an dem Koma gelitten, das ihm die Menschheit mit all ihren Ersatzdrogen verabreichte??? Nichts gegen abstrakte Hyperreflexionen und metapoetologische Bandwürmer aus Spaß an der Freude, aber wenn 500 akademische Alphapluswesen dem orwellschen Jargon des 20.Jahrhunderts verfallen, lautet mein einziges Thema für diesen Abend: WOHIN MIT EUROPA, wenn sogar Sondermüll wieder im Supermarkt landet! Nachdem Jürgen Habermas Pazifismus als anachronistisch bezeichnet und Wolfgang Schäuble gegen Antiamerikanismus wettert, spüre ich dieses mulmige Unbehagen im brodelnden Hinterkopf: mir liegen sämtliche sublimierte Floskeln wie eine zu große Tüte Süßigkeiten im leeren Magen, die Sprache der Intellektualen erzeugt bei mir eine fundamentale Aversion gegen Wörter, die nur einen Sinn haben: den Status Quo schön zu reden, so schön, daß sowohl Laien wie Leseratten in eine Eventhypnose versetzt werden, als ob jede Realität, nur weil sie real-existent ist, im selben Atemzug auch schon legitim sei – nein, dieser pseudoradikale, nämlich kommunikationslose Konstruktivismus imperialistischer Egomanie muß ein Ende finden, wenn wir ins echte 21.Jahrhundert hinüberwechseln wollen, um zu einer poetischen Vision spiritueller Weltbürgerschaft zu gelangen. Kein „Aufstand der Braven“ (Zitat: Johannes Jansen, Neuer Pop von 1984) mithilfe „Neuer Zerbrechlichkeit“ (Zitat: Björn Kuhligk, Neue Peinlichkeit Jahrgang 74 plusminus) oder „Ein bißchen Pathos haben meine Texte ja schon, aber etwas Pathos ist doch wieder erlaubt“ (Zitat: Jahrgang 66, Neue Pathetik?) steigert das fehlende Lebensgefühl geschweige denn lindert die Schmerzen alter Wunden, Europa ist nicht mehr als ein Kontinent, auf dem wir leben und Amerika ist nur ein Flugticket entfernt, für den, der es sich leisten kann. Wer aus konkreten Bezeichnungen metaphysische Begriffe macht, jongliert nicht mit echtem Leben sondern mit seiner eigenen Schizophrenie! Was wirklich im Alltag zählt, sind reale Menschen, die sich als einfache Menschen statt Darsteller von Prestigerollen begegnen, ohne Überkopf voller Definitionen und Schablonen. Aber Du, lieber Leser, was hast Du bis hier hin verstanden, kannst Du eigentlich wissen, wovon ich hier rede oder wirkt es auf Dich einfach nur durchgeknallt? Ich sage Dir: DICHTERISCHES DELIRIUM braucht die Welt, nicht dieses schöngeistige Zeug(nis) anständiger Repräsentanten. Ich sah und ich hörte zwei Abende lang zwei Generationen, die meilenweit auseinander liegen und doch innerlich eins sind: Sie vertuschen gleichermaßen Ihre Hilflosigkeit im Applaus einer Masse, die höflich genug ist, „Die Neue Vollständigkeit“ eines unsäglich anmaßend poppertierenden Großverlages vollständig auszusitzen (diesmal Dumont – Suhrkamp und Kiepenheuer & Witsch legen eine Verschnaufpause ein) und wie in der Kirche auf die Erlösung zu warten und froh darüber zu sein, daß zwischen dem Abendmahl und dem Glockenläuten wenigstens zwei Riesen aus einer anderen Dimension den stickigen Bühnenraum ausfüllen und aufmischen (es sind diese: stan lafleur dicht gefolgt von Kersten Flenter) und mit ihren wuchtigen Stimmen routinemäßig tabubrechend zur existenziellen Erheiterung beitragen. Danach sinken alle wieder in stille Andacht zurück, die Gebetsmühle einer der angeblich „meistgeschätzten Dichter“(-Moderatoren) kurbelt mit vorgetäuschter Bedeutungsschwere die nächsten austauschbaren Metaphern in die neo-celangweilten Hörgänge und hackt weiter ein auf meine Sehnsucht nach Inhalt und Intensität, die keine echte Provokation sondern nur wichtigtuerische Prävention halbstarker Mittzwanziger vernimmt. Und ich verlasse den Weihrauchkellerdunstkreis, wo die vermeintliche Dichtung sich selbst in einem isolierten abwesenden Jetzt gleichsam befeiert und heimlich laut beerdigt und denke nur: LYRIK MUß JETZT mal ungehorsam sein, sonst wird sie niemals das Volk erreichen, das sowieso ALLE Dichter für überflüssig hält, weil sie am Zustand der Welt nichts ändern, als ob irgendein anderer Beruf irgendwas änderte. Es will niemand irgendwas wirklich ändern, sie wollen nur alle ihre Schäfchen ins Trockene bringen und führen dazu dementsprechende Klüngelkriege, so einfach ist das. Mein Nachbar ist Metzger im Land der Denker, und der sagt mir glatt: „Ich lebe in Deutschland, aber die Dichtung sagt mir nichts.“ Und ich kann es ihm keine Spur übel nehmen und traue mich nicht, ihm mein bestes Gedicht zu zeigen. Auch ich tanze lieber in einer leeren Disco zur stundenlangen Stille von John Cage als bei DaimlerChrysler am Potsdamer Platz herum. Und ich kaufe meine Laugenbrötchen in einer türkischen Bäckerei um die Ecke, esse Tortellini Gorgonzola beim Italiener gegenüber, rupfe Grashalme mit Walt Whitman oder im Gegenteil: besser mit Allen Ginsberg, wenn der seelische Schwerpunkt auf einer Kritik am System liegen soll (statt im voreiligen Kitsch eines riskanten Nationalstolzes zu münden) und maile meinem Bruder in Australien. Die Achse der Welt resultiert für mich nicht aus „Gut & Böse“ sondern aus kosmischer Rotation und meine Lieblingsfrage beim Aufwachen lautet jeden Morgen: „Sind die Außerirdischen heute nacht unbemerkt gelandet?“ Aber damit etwas verständlicher wird, wovon ich eigentlich rede, bedarf es auch hier der Enttarnung solch praktischer Wörter wie „Tag & Nacht“ als äußerst relativ, denn vielleicht landet ein Raumschiff ja lieber auf der sonnigen Seite des Planeten, während ich noch im Halbdunkel der sommerlichen Dämmerung davon träume, meine Traumfrau nicht nur im Traum zu treffen sondern unter dem klaren Sternenhimmel im Park, der seit Einführung der 74-Cyberstunden-Woche menschenleer bleibt. Natürlich komme ich nun wieder von Hölzchen auf Stöckchen, aber: kennen Sie einen wahren Unterschied zwischen Holz und Stock? Sehen Sie, das ist die Sprache, das sind die Wörter, unser Gebrabbel seit Jahrtausenden: nichts als Redewendungen und keine wirklich ernstgemeinte Wende in Sicht! Deshalb behaupte ich immer noch, daß ein Gedicht mindestens drei Wörter umfassen muß, um ein echtes Gedicht zu sein. Alles dadrunter ist billige Mystik und alles dadrüber meist blumige Wiederholung, um nicht auf den löchrigen Punkt zu kommen. Und so schleichen die Dichter um den heißen Brei, besonders die Gattung der Jungautoren, denn deren Zungen sind nicht gut genug durchblutet, um kochende Grundlosigkeiten schmerzfrei durchs neuronale Netzwerk zu schleusen. Aber gute Dichtung muß ätzen wie geistige Antibiotika gegen Dummheit, ja, muß sich sogar an sich selbst verbrennen, denn wenn ich mir schon die Zeit nehme, Gedichte auf Tauglichkeit für meinen Seinsgewinn zu überprüfen, dann gibt es nur 1 Methode, die funktioniert: Das Große Ät-Zen. Ansonsten bleibt nur noch die Liebe. Aber das soll mal jemand Politikern wie Johannes Rau erzählen, der sich neuerdings „Schirmherr verfolgter Kunst“ schimpfen darf, nachdem er ein paar Jährchen vorher Joseph Beuys aus seinem Amt werfen konnte, weil der seine Professur nutzte, um jedem Menschen den Künstlertest zu ermöglichen. Manchmal schleicht sich da der Verdacht ein, daß Basisdemokratie in Demokratien nicht richtig erwünscht ist, sondern die Diktatur nur mit demokratischen Mitteln weitergeführt wird. Und da schließt sich der Kreis und ich falle wieder in die Sprachlosigkeit eines Sofas mit Rosenmustern zurück, während die Kaffeeklatschrunde meine Versunkenheit überhaupt nicht bemerkt, denn die Kekse schmecken einfach zu lecker...

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Lyrik von Jetzt, Anthologie, 2003, DuMont2.)

Lyrik von Jetzt.
Anthologie von Björn Kuhligk und Jan Wagner (2003, DuMont).
Besprechung aus Michael Braun in der Baseler Zeitung vom 25.7.2003:

Wenn der Dichter im Tiefkühlfach die Biere explodieren lässt
Freiwillige Abstürze in die poetische Unterkomplexität: "74 Stimmen" vereinigen sich zum misstönenden Konzert einer "Lyrik von JETZT"

Uralte Echos wehen da heran, undeutliche Töne des Aufbegehrens, Zitate aus einem sehr fernen Säkulum. Es sind Echos, Töne und Zitate von Rolf Dieter Brinkmann, dem wilden Poeten aus Vechta/Niedersachsen, der bis heute die anarchische Vorbildfigur für viele eigensinnige Jungdichter geblieben ist. Als die erlebnissüchtigen Alltagslyriker der "Neuen Subjektivität" vor zwanzig Jahren von der Bühne der Poesie abtraten, begann auch der Heroen-Glanz des lyrischen Solitärs Brinkmann zu verblassen. Seine Wiedergänger belagern nun die allerjüngste Versammlung einer neuen Dichter-Generation, die sich unter dem grammatisch eher zweifelhaften Titel "Lyrik von JETZT" ihr anthologisches Manifest gegeben hat.

Natürlich ist diese neue Generation nicht so naiv, sich gänzlich dem Traditionszertrümmerer Brinkmann hinzugeben. Was sich da mit sehr eigenen Wahrnehmungsweisen und Abweichwinkeln in dieser Anthologie tummelt, bewegt sich durch die unterschiedlichsten lyrischen Galaxien: von Mandelstam bis Brinkmann, von Rilke bis Rühmkorf, von Leonard Cohen bis Jimi Hendrix - und weit darüber hinaus. Aber trotz der varietätenreichen Artikulationsformen verblüfft doch die Bewunderungsbereitschaft, mit der Rebellen-Posen der Altvorderen gecovert werden.

Wieder steht ein Realismus rum

Bei mindestens vier der insgesamt 74 Autoren (Jan Volker Röhnert, Crauss, Björn Kuhligk, Tom Schulz) ist Brinkmann die überlebensgrosse Figur, die mittels stilistischer Mimesis und peinlich devoter Reminiszenzen angerufen wird. Und hätten sich die lyrischen Erbschaftsanwärter Brinkmanns nicht jedes allgemeingültige Bekenntnis verboten - sie könnten von dem radikalen Anti-Traditionalismus ihres Vorbilds durchaus profitieren. Denn der Aufbruchs-Behauptung dieser neuen Anthologie liesse sich als Motto eine lässige Sentenz Brinkmanns aus dem Band "Westwärts" implantieren: "Ein neuer Realismus entstand, er stand rum." Denn es ist -schon wieder- ein "neuer Realismus", ein sehr alter Bekannter also, der sich da in sehr vielen Texten der Anthologie breit macht.
Dieser Realismus ist bislang relativ erfolgreich als jüngste Metamorphose einer Berliner Grossstadtpoesie herumgereicht worden, ohne dass er über wirklich neue sprachdynamisierende Elemente verfügte. Es kennzeichnet die trübe Sprachrealität dieser Gedichte, dass die Realien des Alltags schon für Poesie genommen werden und sich eine hemmungslose Sentimentalität Bahn bricht.

Ihre Zahnbürste in seinem Bad

"Lass besser im Tiefkühlfach die Biere explodieren", empfiehlt etwa Björn Kuhligk, "wenn du den Bezirken zusiehst / wie sie wachsen, / verkommt auch der Wodka / weisst du, die Strassen, sie kommen / alle aus dem selben Mutterleib / aus einem Sonntag-Nachmittag-Spielfilm / und drüber dieser Richard-Wagner-Himmel  / in dem ich alles zu sagen weiss / wenn ich die Hände an der Haut / der Liebe hab / es gibt hier / keine Küstenstrassen." Das ist, in seiner rührenden Unmittelbarkeits-Gestik und der schmeichelnden Du-Anrede, ein Aufguss des alten Gefühligkeits-Kitsches eines Wolf Wondratschek oder Jörg Fauser.
Diese Realismus-Posen sind beängstigend zahlreich in der Anthologie vertreten, selbst dürftigste Elaborate einer hilflosen Beziehungskisten-Poesie haben die Herausgeber in ihrer unerschütterlichen Grosszügigkeit aufgenommen. Kersten Flenter bedichtet in furchtloser Schlichtheit das Einmaleins der Liebe: "Wir verbringen schon lange / Zeit / Miteinander reden / Sitzen im Café / Oder vögeln / Dann eines Abends / Danach / Bemerke ich / Deine Zahnbürste in meinem Bad"; solche unbedarften Notate hat der strenge Lyrik-Leser Peter Wapnewski vor vielen Jahren schon treffend "Tagebuch im Stammel-Look" genannt.
Leider haben sich solche freiwilligen Abstürze in die lyrische Unterkomplexität als poetischer Normalfall in der "Lyrik von JETZT" etabliert. Wenn man einmal bei schönen Entdeckungen aufatmen will, etwa bei den mythengetränkten Geschichtserkundungen des grossartigen Uwe Tellkamp oder bei den bildertrunkenen Exaltationen des hoch begabten Hendrik Jackson, wird man umgehend wieder böse frustriert durch ranzig gewordene Sprachgesten verspäteter Beat-Dichter oder vollmundiger Slam-Poeten.
In rührender Naivität hat die Kritik schon vor dem Erscheinen dieser Anthologie das Marketing-Signal aus dem DuMont Verlag aufgenommen und die pathetische Formel von einer "neuen Generation" umstandslos nachgeplappert. Dabei ist gerade dieses Insistieren auf der Existenz einer neuen "Generation" das Hauptärgernis dieser Gedichtsammlung. Denn es gibt keinerlei soziologische oder ästhetische Merkmale, die in der Gemengelage "Lyrik von JETZT" die Rede von einer "Generation" rechtfertigten, einzig das biologische Faktum, dass die beteiligten Autoren nach 1965 geboren sind.

Und sie haben sich doch bewegt

Die Willkürlichkeit dieser biografischen Grenzziehung ist dabei nicht das zentrale Problem, obwohl ihr exzellente Autoren wie Michael Lentz oder Ulf Stolterfoht zum Opfer fallen, weil sie gerade mal ein bzw. zwei Jährchen älter sind. Die Fokussierung auf das Jahr 1965 hat immerhin eine verborgene literaturgeschichtliche Pointe. In diesem Jahr erschienen nicht nur Walter Höllerers bahnbrechende "Thesen zum langen Gedicht", sondern auch die ersten Hefte des "Kursbuchs", welche die Politisierung der Studentenbewegung ungemein beschleunigten. Nicht zufällig setzt auch eine bedeutende lyrikgeschichtliche Studie von Jürgen Theobaldy und Gustav Zürcher ("Veränderung der Lyrik", München 1977) als lyrikgeschichtliche Markierung das Jahr 1965: "Über westdeutsche Gedichte nach 1965". Auch in der "Generations"-Debatte hat eine Textsammlung von Jürgen Theobaldy die entscheidenden Zeichen gesetzt, nämlich 1977 in der Anthologie "Und ich bewege mich doch". Hier artikulierten sich die von der Studentenrevolte geprägten Dichter, die in trotziger Selbstbehauptung das Recht auf die Selbstwahrnehmung des Ich deklarierten.

Ein ästhetisch taubes Dokument

In der "Lyrik von JETZT" wird überhaupt nichts mehr verkündet oder deklariert, denn es gibt kein lyrisches Kollektivsubjekt mehr, dem ein gemeinsamer Artikulationswille unterstellt werden könnte. Es ist eine Anthologie, die aus einem Juvenilitäts-Bonus ästhetische Distinktionsgewinne schöpfen will. Poetologisch hat diese Gedichtsammlung schon vorab kapituliert. Björn Kuhligk und Jan Wagner, die Herausgeber der "Lyrik von JETZT", haben sich von jedweder Differenzierungsanstrengung dispensiert und lassen sich lediglich im Vorwort von Gerhard Falkner ihre Entschlossenheit zu einer "dokumentarischen Anthologie" attestieren.
Tatsächlich haben Kuhligk und Wagner das weite Feld der jungen Lyrik in seiner ganzen Ausdehnung durchschritten. Die 74 Stimmen, die sie eingesammelt haben, repräsentieren -in quantitativer Hinsicht- durchaus den poetischen Orientierungsrahmen der jungen Lyrik-Szene, dessen Konturen bislang nur in den Zeitschriften der Szene, intelligenten Periodika wie "Edit", "intendenzen" oder "Die Aussenseite des Elementes" sichtbar geworden sind. Aber was ist das doch für ein ästhetisch taubes Ding, diese "dokumentarische Anthologie"! Wer nur "dokumentiert", der sieht ab von stilistischen und qualitativen Differenzen, der verlässt sich auf positivistischen Sammelfleiss, ohne dem Stimmen-Konzert eine lyrische Kontur zu geben. Der stellt biedere Stilübungen neben avanciertes Sprechen, gibt sich mit dem Bündnis von Mittelmass und Einzigartigkeit, von Epigonalität und Avantgarde zufrieden. Wer jedem Autor unterschiedslos vier "Sprachfenster" zugesteht, der sorgt für die rigide Nivellierung der himmelweiten Rangunterschiede.

Zwei Dutzend Solitäre

Die Nivellierungswut geht so weit, dass gerade von den besseren Autoren - etwa vom österreichischen Sprach-Verballhorner Franzobel oder von der mit schönen syntaktischen und semantischen Verschiebungen arbeitenden Anja Utler, teilweise auch von Hendrik Jackson - nur sehr konventionelle, mitunter biedere Exempel ausgewählt worden sind, um auch hier noch eine Qualitätsbereinigung nach unten durchzuführen. Das Ergebnis ist ein lyrischer Gemischtwarenladen, in dem man die wirklich singulären Dichter mit der Lupe suchen muss.
Von den "74 Stimmen" sind -bei grosszügiger Betrachtung- gerade mal zwei Dutzend als lyrisch eigenständige Dichter ernst zu nehmen, der übergrosse Rest geht den Weg des geringsten ästhetischen Widerstands. Aber wer mit ein wenig Geduld die "Lyrik von JETZT" studiert, wird auch auf die originären Sageweisen, die kühnen Artikulationen jener Dichter stossen, die wirklich Aufmerksamkeit verdienen.
Da sind die Wahrnehmungs-Exerzitien eines Nico Bleutge, optische Feineinstellungen als Vorschule eines neuen Sehens; da sind die intensiven, ganz auf das Rätsel der Physis konzentrierten Körperbilder Silke Andrea Schuemmers; da sind die überwältigenden mystischen Schöpfungsgeschichten Christian Lehnerts oder die kalten Stillleben der Liebe von Marion Poschmann. Da trifft die lyrische Mentalitätshistorikerin Sabine Scho, die mit schroffen Montagen die vom Faschismuskontaminierte Sprachlandschaft der Adenauer-Zeit durchquert, auf den Anti-Idylliker Hauke Hückstädt, einen Spezialisten für die ironische Unterminierung von Genrebildern und Alltagsszenen. So wird man doch ein wenig entschädigt für die beträchtliche Anzahl lyrischer Totalausfälle, die sich in dieser Bestandsaufnahme des lyrischen Jetzt-Zustands eingefunden haben.

Entwutschendes Schwimmviech

Wer aber nach den vielen grausamen Ernüchterungen dieser Anthologie noch immer nach einem gemeinsamen Merkmal der neuen Lyriker-"Generation" fragt, sei auf die Ungreifbarkeiten in Dirk von Petersdorffs  Diskurs-Analyse verwiesen: "Am Grund der Diskurse ein Fisch, ein / Fisch, der nicht zu fassen ist, es ist / ein Fisch, am Grund der Diskurse / schwimmt ein Fisch, nicht zu fassen, / am Grund ein Fisch, der schwimmt, am / Grund der Diskurse schwimmt ein Fisch, / ein Fisch, der nicht zu fassen ist."

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