Luzifer.
Roman von Connie Palmen (2008,
Diogenes - Übertragung Hanni Ehlers).
Besprechung von Kurt Tetzeli aus der
NRZ vom
9.04.2008:
Was war? War was?
Am 24. Juli 1981 stürzt die Lebensgefährtin des
niederländischen Komponisten Peter Schat von der Terrasse ihres griechischen
Ferienhauses in die Tiefe. Unfall? Selbstmord? Mord? Der Vorfall erhitzt die
Gemüter und bewegt die Zungen der Amsterdamer Boheme. Aufgeklärt wird er nicht.
Ein Vierteljahrhundert später macht Connie Palmen das Ereignis zum Roman. Sie
verändert Namen und erfindet Figuren zum Umkreis des Komponisten hinzu. Sie
führt zur Distanzierung eine Schriftstellerin ein, die sich auf die Suche nach
der Wahrheit begibt. So entsteht die für den postmodernen Roman typische
Situation, dass in der Erzählung die Entstehung einer Erzählung dargestellt
wird. Was die Frage aufwirft, ob Geschichte nicht immer nur aus Geschichten
besteht.
Doppelsinnigkeit gehört dazu
Von einigen Kritikern des Rufmords bezichtigt, hat sich Palmen im März in einem
Essay zur Wehr gesetzt. Mit all den Argumenten der postmodernen Kunst- und
Erzähltheorie. Sie zeigt, dass Fiktion und Wirklichkeit nie gleichgesetzt werden
können und dass "Doppelsinnigkeit" das Charakteristikum aller Kunst ist. Ach,
wäre der Roman nur doppelsinnig, wir hätten ein spannend zu lesendes, weiteres
Beispiel für die Vergeblichkeit kriminalistischer Spurensuche, für die
Perspektivenvielfalt aller Motivanalyse, für die ent- und verhüllende Macht des
Erzählens. Doch Palmen will mehr. Das Erzähl- und Strukturprinzip einer Autorin
auf Wahrheitssuche genügt ihr nicht - nur der erste und der letzte von fünf
Abschnitten handeln davon. Diese werden nach einem Trauerspiel Joost van den
Vondels 'Akte' genannt - selbst kenntnisreiche Lesende werden wenig mehr Bezüge
als den gemeinsamen Titel, Luzifer, feststellen. Selbst ihnen dürfte der Sinn
der Akteinteilung rätselhaft bleiben.
Mit den Bezügen zu Romanen von Thomas
und Klaus Mann wird es ihnen vermutlich
ebenso ergehen. Auch die Beschreibung des Amsterdamer Künstlermilieus genügt
nicht. Eine umfängliche Musiktheorie überhöht das Schaffen des Komponisten
ebenso wie Spekulatives zum Verhältnis Homosexualität und Künstlertum. Und eine
ausführliche Psycho-Analyse von Tat und Täter darf, wie schon in Palmens "Idole
und Mörder" (2005), nicht fehlen.
Kein Wunder, dass solche Themenvielfalt komprimiert werden muss. Wer wissen
will, was den Schriftsteller, den Schauspieler, den Katholiken, den Soldaten,
das Topmodel im Innersten zusammenhält, wird reichlich und sentenziös bedient.
Die, wie es hochgestochen heißt, "Gralssuche nach der Bedeutung eines einsamen
Satzes" wird zu einer schwindelerregend doppelsinnigen, mensch- und
weltdeutenden Erzählung. Bis die Lesenden nicht mehr wissen, wohin die Reise
geht. (NRZ)
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]
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