1.) - 2.)

Lusthaus: oder Die Schule der Gemeinheit.
Roman von Franzobel (2002, Zsolnay).
Besprechung von Fritz Popp aus Rezensionen-online *bn*:

Gottverlassene "Zombies" und eine unheilige Himmelfahrt. (DR)

Mit Herzmanosvky-Orlando, den skurril-anarchistischen Schilderer des alten Österreichs, wird der Autor immer wieder verglichen. Das Personal seines jüngsten Romans könnte auch - was Namensgebung, Skurrilität und Handlungsmuster betrifft - von diesem "Ahnvater" stammen. Ort der Handlung: Wien. Es tritt auf die Seele einer in der Kapuzinergruft in Palermo ausgestellten toten Zweijährigen, die, im Körper einer Österreicherin eingesperrt, auf ihre Erlösung wartet. Daneben gibt es noch südamerikanische Damen unterschiedlichen Körpergewichts und mit verschiedenem Begehr: die eine möchte die Asche ihres verstorbenen Nazivaters auf dem Heldenplatz verstreuen, die andere frönt exzessiv ihrem Geiz und der Verehrung eines Fernsehstars, eine weitere will sich ihre Aufenthaltsgenehmigung durch Heirat sichern. Von den Männerdarstellern stechen vor allem zwei hervor: ein Nekrologschreiber des Österreichischen Rundfunks (schöner Name: Zsmirgel), dessen Tätigkeit das Ableben der noch lebenden Prominenten zur Folge hat, sowie ein fieser Typ namens Manker, der ersteren in die Schule der Gemeinheit einführt. Das Zusammentreffen dieser Personen gipfelt in einem grandiosen Showdown. Erzählt wird in franzobelschen Sprachkaskaden, die sich exzessiv und verbalerotoman verschiedenster Sprachebenen bedienen und mit Deftigkeiten und Lustfantasien aller Art erfreuen oder schockieren. - Für literarisch versierte Leser/innen mit Lust auf Sprachspiel und -witz.

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2.)

Lusthaus: oder Die Schule der Gemeinheit.
Roman von Franzobel (2002, Zsolnay).
Besprechung von Maria Renhardt aus Rezensionen-online *Sz*, 3/2002:

Das Schicksal schlägt eine Volte

Vertrocknete Tote und ein ausgestopftes Mädchen in einem Glassarg in den Kapuzinerkatakomben von Palermo. Franzobels neuer Roman beginnt mit der ganzen Manifestation von Erbärmlichkeit zu fließen, bahnt sich rauschend seinen Weg nach Wien, grell, glutäugig, gemein. Eine Geschichte mit einzelnen Querfäden nach Südamerika, die nicht einfach ausgefallen ist und den Leser durch ein Handlungsskelett treibt, um dessen klappernde Knochen die Franzobelsche Sprache so ausladend wie einfallsreich veritable Kapriolen schlägt.

Fest steht, dass die einbalsamierte zweijährige Rosalia Lombardo ihrem Körper "in einem aufgeklappten Bauch" entwischt ist und Erlösung sucht. Ihr fehlt jetzt zwar die "feste Oberfläche", dafür "ragen Trümmer in sie" hinein, Ecken von Personen, Namen und Gesichter: Manker, Zsmirgel, Seth, eine Verrückte, eine "Dicke" und andere Leute. Sie haben an ihr herumgeschnipselt und gezerrt, bis ... Hier startet das neue Franzobelsche Fabuliermanöver. Man gerät in dahindümpelnde Trieb- und Gedankenwelten und stolpert mit den Figuren in die gemeinen Schlaglöcher des Lebens. Einer schreibt Nachrufe im Vorhinein, die Beschriebenen sterben ihm aber noch unter der warmen Feder weg. Seth liebt Conchita, sie brüskiert ihn am Hochzeitstag mit einem anderen im WC. Pasqualina verstreut einen Teil der Nazi-Vater-Asche am Heldenplatz, justament trifft sie damit das Gesicht zweier "freihäuslicher" Politiker. Absonderliches und Komisches pflastern hemmungslos die Ödplätze des Seins und arten zu einer kraftvoll zuschlagenden Groteske aus - eine Genre, das Franzobel wahrlich beherrscht - samt satirischem Blick auf Österreich: "Alles Nazis, antisemitische Maulwürfe, alle verklemmt".

Auch diesmal spickt Franzobel seinen Roman mit Fragmenten aus Gebetstexten und Kirchenliedern, die er auch blasphemisch montiert und beherzt in die existentielle Tragik des finsteren nüchternen Daseins seiner Figuren stößt, was aber bald zum

Selbstzweck verkommt und so entbehrlich wird. Was bleibt? "Das Schicksal ist ein Schwein, doch manchmal schlägt es eine Volte, findet Trüffel und ist gar nicht so gemein."

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