Lunar Park von Bret Easton Ellis, 2006, KiWi1.) - 2.)

Lunar Park.
Roman von Bret Easton Ellis (2005, Kiepenheuer & Witsch - Übertragung Clara Drechsler und Harald Hellmann).
Besprechung von Christoph Schröder in der Frankfurter Rundschau, 18.1.2006:

Die Dämonen
Bret Easton Ellis inszeniert in "Lunar Park" das Familienleben eines Schriftstellers als Schauergeschichte

Vergessen wir einfach das Autobiografische. Nein? Na gut, bleiben wir kurz dabei. Ein Student schreibt also einen Roman, Unter Null, in dem er seinen ganzen Ekel auskotzt, seinen Überdruss an all dem Wohlstandsüberschuss, dem Diktat der Labels und gesellschaftlichen Codes. Einen Roman mit einem reichen, jungen, apathischen, den Drogen, dem Alkohol und den Frauen aus bloßer Langeweile zugeneigten Protagonisten. Der Student wird damit nicht nur wider Erwarten erfolgreich, sondern gleich auch noch berühmt dazu. Hochglanzmagazine, Homestories. Er sieht nicht schlecht aus und macht alles mit, das kommt gut an.

Dann schreibt er noch einen Roman, einen wirklich ganz außerordentlichen. Radikal und widerlich. Er erzählt von einem New Yorker Yuppie, der Frauen in seiner Freizeit auf die denkbar brutalste Weise missbraucht und ermordet. Das kommt nicht so gut an, jedenfalls bei seinem alten Verlag, der den Autor rausschmeißt. Das Buch, American Psycho, wird trotzdem recht bald zum Standardwerk. Dass man dabei nicht gesund bleiben kann, liegt auf der Hand: Der Autor versinkt im Drogenrausch, im Alkoholismus, "erworbener situationsbedingter Narzissmus", lautet die Diagnose. Teilweise ist er so stoned, dass er auf der Welttournee, mit der er sein folgendes (ziemlich misslungenes) Buch Glamorama promotet, kaum noch gerade stehen kann - Depression, Zusammenbrüche, Klinikaufenthalte, aber weiter gehen muss es trotzdem.

Das Leben dieses Mannes, des Schriftstellers Bret Easton Ellis, bis zu diesem Punkt erzählen die ersten fünfzig Seiten von Lunar Park, dem neuen Roman des Schriftstellers Bret Easton Ellis. Die Hauptfigur heißt Bret Easton Ellis, ist Schriftsteller, hat Bücher wie Unter Null oder American Psycho veröffentlicht etcetera, siehe oben. Ein Spiegelkabinett des biografisch grundierten Schreibens. Und ein Hamsterrad. Der reale Autor Bret Easton Ellis vermarktet auch Lunar Park wieder mit entwaffnenden Interviews, die er gerne mal in Badeschlappen und Jogginghose gibt, in seinem kleinen Appartement in New York, in kalkuliert kühlem Ambiente. Der geläuterte Roman-Bret-Easton-Ellis (keine Drogen, kein Alkohol mehr) wiederum zieht in ein feudales Haus auf dem Land (wo er auch häufig in Badeschlappen und Jogginghose herumläuft), zu seiner Ex-Freundin Jayne Dennis, einer berühmten (und natürlich fiktiven) Schauspielerin, die ihm eine zweite Chance gibt und ihn sogar heiratet. Robby, sein Sohn, wohnt dort auch. Vielleicht ist es auch der Sohn von Keanu Reeves, wer weiß das schon?

Allein - das Familienleben funktioniert nicht im Geringsten, ebenso wenig wie die anderen Vorsätze. Der Stoffvogel von Sarah, Jaynes zweitem Kind, beginnt, ein Eigenleben zu führen. Bret schläft im Gästezimmer, die Paartherapie läuft ins Leere. Der Hund dreht durch. Die Möbel verrücken sich scheinbar von selbst, und das ist nur der Anfang. Da allerdings das Versprechen der Abstinenz recht bald gebrochen worden war - und das trägt zu der angespannten Ambivalenz dieser Prosa bei - können wir uns nie ganz sicher sein, was echt und was den Halluzinationen des zumeist komplett zugedröhnten Erzählers geschuldet ist.

Lunar Park ist die zum Horror gewordene Vision eines befriedeten Lebens nach dem Sturm. Und weil es sich um hier um einen echten Horror-Roman handelt, hat Bret Easton Ellis sich den bestmöglichen Gewährsmann zur Seite gestellt - Stephen King. Den habe er, so sagt Ellis in Interviews, schon immer gern gemocht. Genau gelesen hat er ihn in jedem Fall. Etliche Reminiszenzen finden sich in Lunar Park wieder - die beerdigte Romanfigur, die aufersteht und ihren Schöpfer terrorisiert (Stark), das beseelte Auto, das sich nach einem Unfall regeneriert (Christine), die Eier der Fleisch gewordenen Dämonen, die es zu zerstören gilt (Es); schließlich ein Protagonist, der am Ende, nach all dem Schrecken, schlohweiße Haare hat (Friedhof der Kuscheltiere). Und wie bei Stephen King sind auch bei Bret Easton Ellis die vermeintlich übersinnlichen Ereignisse eng verknüpft mit Vergangenheit, mit biografischen Bezügen. In Lunar Park ist es der verhasste Vater, mit dem abgerechnet wird, der Bret nach der Scheidung von der Mutter früh gezeigt hatte, dass das Leben einsame Seiten hat, von dem er sich förmlich frei schreiben musste und dessen Asche am Ende möglicherweise versöhnlich, in jedem Fall aber pathetisch durch das Buch weht und sich auf die Seiten legt.

Vorher gibt es für den Protagonisten einiges zu ertragen. Vor allem der Einstieg in die Grauzone zwischen Autobiografie und Fiktion, eine Halloween-Party, die aus den Fugen gerät, ist grandios. High Society, Koksen, ein missglückter Badezimmer-Koitus mit einer Studentin - das kann Bret Easton Ellis schreiben so gut wie niemand sonst, rasant, witzig, böse, kalt, höchst unterhaltsam.

Lunar Park ist andererseits erstaunlicherweise auch ein sympathisches Buch, ein gänzlich anderes als die vorangegangenen. Allerdings, auch das ist nicht neu, deutlich zu dick, gemessen an seiner Substanz. Und möglicherweise auch ambitionierter - wo Ellis bislang immer nur Symptome ausgebreitet hat, das allerdings meisterhaft, versucht er nun, an den Ursachen zu kratzen; am Leben dieser verkorksten Smalltalk-Erfolgsfamilien mit ihren auf Psychopharmaka gesetzten Kindern, die sich ihrer selbst überdrüssig geworden sind.

Von der Oberflächenwelt zur tieferen Psychologie: So leicht geht das nicht. Vielleicht flüchtet Ellis sich darum am Ende in die Parapsychologie, um all die Dämonen aus der Vergangenheit auszutreiben, die sein Leben, sein Haus bevölkern und schrittweise in das Haus seiner ebenfalls missratenen Kindheit zurückverwandeln. Das Mauerwerk, das eine Farbe annimmt, welche es nie hatte. Die Badehose aus der Kindheit, die über der Brüstung zum Trocknen hängt. Der Teppichboden, der sich ohne jedes Zutun verfärbt. Das Wesen, das aus dem Wald kommt. Die E-Mails, Nacht für Nacht pünktlich und dutzendfach abgeschickt zum Todeszeitpunkt des Vaters. Der Videofilm, der dessen letzte Stunden zeigt. Die Morde, die streng nach Anweisung aus American Psycho durchgeführt werden, allerdings anhand der ersten, unveröffentlichten Manuskriptversion, die niemand außer dem Autor selbst je in den Händen gehalten hat. Ein Nachhall aus ferner Zeit und ein Karussell des Irrsinns, und immer die Frage: Wem kann man glauben? Dem Erzähler, diesem drogenabhängigen Schriftsteller, bestimmt nicht.

Man hätte irgendwie mehr erwartet von einem neuen Ellis als eine ausgedehnte Selbstherapiestunde. Und trotzdem geht er dabei schon ziemlich weit. Denn am Ende, als alle ihn verlassen haben und er schließlich in einer schwulen Beziehung in New York (in diesem kleinen Appartement, man kennt es von den Interviews) lebt, bleiben ihm zwei grundlegende Erkenntnisse: Dass er selbst, Bret, das Gespenst ist, das er gejagt hat. Und: "Dass eine Familie - wenn man es zulässt - Freude schenkt und diese Freude dir Hoffnung gibt." Da hofft man als Leser für den Schriftsteller Bret Easton Ellis nur, dass er nicht allzu bald allzu erfüllt sein wird von dieser Freude. In Lunar Park jedenfalls arbeitet er an einem Roman mit dem Titel Teenage Pussy. Das ist selbstironisch gemeint, klar. Und trotzdem würde man den dann gern als nächstes lesen.

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Lunar Park von Bret Easton Ellis, 2006, KiWi2.)

Lunar Park.
Roman von Bret Easton Ellis (2005, Kiepenheuer & Witsch - Übertragung Clara Drechsler und Harald Hellmann).
Besprechung von Christine Diller aus dem Münchner Merkur, 2.2.2006:

Eine Welt aus Treibsand
"Lunar Park": Bret Easton Ellis' humorvolle Abrechnung mit sich selbst

Ein Buch wird wahr. Eine Romanfigur lebendig. Dann trifft auch noch ihr Schöpfer sich selbst als Jugendlichen wieder. Und ein Haus vergrault seinen Bewohner. Ein Stofftier verwandelt sich in ein blutrünstiges Monster. Mehrere Jungen aus der Gegend verschwinden spurlos und zuletzt auch der Sohn des Schriftstellers. Es ist ein munteres, verrücktes Spiel, das Bret Easton Ellis in "Lunar Park" mit seinen Lesern und seinem zwiespältigen Selbst - dem Autor und dem gequälten, stets besoffenen, bekifften und mit Medikamenten zugedröhnten Bret - da treibt.

Und es ist ein ebenso gruseliges wie vergnügliches Spiel: Bret Easton Ellis, einst böser Bube der amerikanischen Literatur, hat eine humorvolle Abrechnung mit sich selbst geschrieben, eine fiktive Autobiografie, einen lustigen Thriller, eine bisweilen alle Nackenhaare aufstellende Parodie, ein fantastisches Konstrukt.

Wie hängen nun das Buch, die Romanfigur, der Schriftsteller, sein Haus, das Monster und der verschwundene Sohn zusammen? Das lässt sich nur ungefähr erklären, denn die Vielschichtigkeit von Ellis' Roman erlaubt zahlreiche Querverbindungen, und keinesfalls soll dem Leser an dieser Stelle der Spaß genommen werden, sie auf den satten 457 Seiten voller Spannung selbst aufzuspüren. Ellis beginnt sein Buch schon vor dem Roman. Er lässt sich über seine eigenen Romananfänge aus, zum Beispiel vom berühmten und verfilmten "American Psycho", und schafft damit die autobiografische Umgebung, in die er den nun folgenden, in Übertreibungen und Halluzinationen ausartenden Roman bettet. Hauptfigur und Erzähler ist der Schriftsteller Bret Easton Ellis, der nach einem drogenbedingten Totalabsturz die Schauspielerin Jayne heiratet und mit dem gemeinsamen Sohn, den er bisher ignorierte, und einer weiteren Tochter Jaynes ein gediegenes Familienleben versucht.

Selbstverständlich ist Halloween, als durch einen Spuk dieses Idyll mächtig ins Wanken gerät, um innerhalb weniger Tage völlig zu zerbröseln. Ironie der Geschichte ist, dass man Brets Geisterstunden auch seinem Lieblingscocktail aus Drogen und Medikamenten zuschreiben könnte, der im fantasiebegabten Dichter einen Krieg echter und eigener Welten stattfinden lässt. Doch so einfach macht es sich der Autor nicht. An einer diffusen Grenze zur Normalität werden auch für die anderen Figuren Merkwürdigkeiten spürbar: Das Haus verliert seinen Putz, die Farbe darunter ist diejenige von Brets Elternhaus. Die nachts auf der Terrasse auftauchende nasse Badehose trug einst Brets Vater, aber auch Jayne kann sie wahrnehmen. Und so weiter.

Literarische Morde

Bereits "American Psycho" war erklärtermaßen durch Ellis' Vater inspiriert, hier findet nun die ausführliche Aufarbeitung der feindseligen Vater-Sohn-Beziehung statt. Bret selbst findet keinen Draht zum Roman-Sohn, begegnet ständig einem jungen Mann, der er selbst war und sich vaterlos fühlt. Unterdessen treibt auch noch das vogelartige Stofftier der Tochter sein makabres Unwesen und tötet etwa eine Katze: "Der Schriftsteller erwog die unterschiedlichen Szenarien, bis ich einschritt und den Schriftsteller zwang, zu hoffen, dass es nicht wahr war. Denn wenn ich glaubte, dass das Stofftier dafür verantwortlich war, würde sich die Welt, in der ich lebte, in eine Welt aus Treibsand auflösen." Das tut sie trotzdem, denn der Schriftsteller kommt mit seiner zwanghaften Umschreiberei der Wirklichkeit nicht mehr zurecht und verirrt sich ausweglos darin.

Das literarisch Interessanteste aber ist: Patrick Bateman, Protagonist aus "American Psycho", scheint plötzlich zu existieren, begeht detailgetreu die Morde aus jenem Buch und sucht den Schriftsteller heim. Zunächst scheint es, als habe sich jemand "American Psycho" nur als grausige Anleitung gewählt, doch dieser Jemand realisiert sogar Szenen, die nur im Manuskript der Rohfassung vorkommen, die keiner kennt. Und dann tut Bret etwas, worauf er längst hätte kommen können: "Wenn ich Patrick Bateman erschaffen hatte, würde ich jetzt eine Geschichte schreiben, in der seine Erschaffung rückgängig gemacht und seine Welt ausradiert wurde." Ähnliches scheint Ellis auch mit dem Roman "Lunar Park" zu unternehmen: Er tötet die Geister, die er rief, befreit sich von den "gequälten Entitäten". Er rechnet außerdem mit sich als Sohn und möglichem Vater ab und adressiert einen der letzten Sätze an den eigenen, verhassten Vater: "Ich werde dich nie vergessen, ich habe dich gebraucht, ich liebte dich in meinen Träumen." Seinem verschwundenen Buch-Sohn übrigens geht es gut: Er floh vor dem verantwortungslosen Bret nach "Lunar Park", in eine Mondlandschaft. Wer sich aber in den Roman "Lunar Park" begibt, der erlebt ein intelligentes, verblüffendes, irrwitziges Lesevergnügen.

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