Luft und Liebe von Anne Weber, 2010, S. FischerLuft und Liebe.
Roman von Anne Weber (2010, S. Fischer).
Besprechung von Jobst-Ulrich Brand aus dem FOCUS, 19.2.2010:

Böses Märchen
Der verruchte Prinz

Auch Anne Weber erzählt im neuen Roman vom Austausch von Körperflüssigkeiten – im Unterschied zu diversen Möchtegern-Provokateuren macht sie das aber ganz elegant.

Es geht also auch anders. Man kann also auch charmant und subtil und amüsant über den Austausch von Körperflüssigkeiten schreiben. Beziehungsweise die 1964 in Offenbach am Main geborene, aber lange schon in Paris lebende Anne Weber kann es. Sie spielt ihr Spiel mit den feucht-forschen Romanen angeblicher Frauenrechtlerinnen vom Schlage einer Charlotte Roche oder Helene Hegemann.

Kalkuliert provoziert

In einer zentralen Passage ihres neuen Romans „Luft und Liebe“ (S. Fischer, 190 Seiten, 17,95 Euro), der wie Hegemanns Skandalbuch für den Leipziger Buchpreis nominiert ist, verulkt sie die Kolleginnen: „Hätte mir vor wenigen Monaten jemand prophezeit, dass ich einst in einem Manuskript den Ausdruck ‚postkoitaler Test’ verwenden würde, ich hätte ihn ausgelacht“, lässt sie ihre Erzählerin sagen. „Sollten doch andere das weiße Blatt mit ihrem Monatsblut, ihrem Sperma und ihren Scheidensekreten beschmieren: Mir jedenfalls konnte das nicht passieren.“

Und dennoch ist von Blut und Sperma die Rede in diesem Buch. Von Beischlaf und Liebe und Betrug und Eifersucht, aber eben nicht auf diese kalkuliert-provozierende Weise, wie es zuletzt en vogue war. Weber erzählt die Geschichte einer Liebe. Einer unglücklichen selbstverständlich. Denn sie weiß, dass glückende Beziehungen leider kaum von Interesse sind. „Nicht umsonst ist die Literatur überreich an Liebesgeschichten, die schlecht und meist tragisch enden“, heißt es im Roman.

Drama für Prinzessin

Anne Weber ist eine gewiefte Erzählerin, eine der klügsten, die die deutsche Gegenwartsliteratur zu bieten hat. Sie treibt ihr Spiel mit dem Leser, wechselt die Perspektiven und Erzählebenen, spricht ihre Romanfiguren immer wieder direkt an. Reflexionen über das Schreiben selbst, über das Tricksen mit Worten, sind ein zentraler Bestandteil ihrer Geschichte. Die Erzählerin, wie Anne Weber eine in Paris lebende deutsche Autorin, stellt ihren eigenen Bericht infrage, diffamiert ihn als Kitsch, wirft ein erstes Manuskript angeblich auf den Müll – und erzählt doch weiter von ihrem Unglück, bis zum bitteren Ende. Es ist ein postmodernes Verfahren, das Weber hier anwendet, aber sie macht das gerade nicht verbissen, nicht verkopft, sondern mit Leichtigkeit und Ironie. Mindestens zur Hälfte ist sie inzwischen eben doch Französin, glücklicherweise.

Sie erzählt ein Märchen, nur eben ohne Happy End. Die Schriftstellerin im Buch, konsequent-ironisch „Prinzessin“ genannt, empfängt einen Herrn zum Interview, einen eher dicklichen, eher eigenschaftslosen Adligen, der aber gesegnet ist mit Schloss und Ländereien. Zu ihrer eigenen Verblüffung verliebt sie sich in den „Ritter“, und die beiden werden ein Paar, wenn auch eines, das meist auf Distanz lebt. Denn der Ritter kann seinen Landsitz nicht für längere Zeit unbeaufsichtigt lassen, aber die Schriftstellerin fühlt sich gebunden an Paris. Das Paar wünscht sich Nachwuchs, ein Zimmer des Schlosses wird als Kinderzimmer hergerichtet – allein, es kommt nicht zur Befruchtung. Trotz aller Tricks der „Hoffnungsmedizin“, trotz allen Bemühens des Prinzen, das allerdings – wie es sich herausstellt – nicht ganz redlich war. Die Märchen-Geschichte, sie endet in der Katastrophe, zumindest für die schriftstellernde Prinzessin. Es ist ein Drama, durchaus, eine schreckliche, fiese Geschichte, die Anne Weber hier erzählt. Aber wie sie sie erzählt, das ist hochamüsant – und ein Beweis dafür, dass es wirklich nicht so plump zugehen muss in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, wie man schon fast befürchten musste.

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