Luftfische von Anke Velmeke, Beck, 20001.) - 2.)

Luftfische.
Roman von Anke Velmeke (2000, Beck).
Besprechung von Christian Schuldt aus der Wochenzeitung, Zürich, 25.5.2000:

Aquarium mit Wutmaschine
Die Familie als Hölle: Anke Velmeke erzählt eine alte Geschichte neu.


Luftfische» – schon der Titel deutet an, dass sich in diesem Buch keiner wie ein Fisch im Wasser fühlt. Im Gegenteil: In ihrem Debütroman seziert Anke Velmeke eine zumeist abstossende Aquariumswelt – und berichtet von einem Fisch namens Lene, der auf der Flucht vor dem tyrannischen Vater über den Rand des familiären Wasserglases zu fliegen lernt. Dabei verknüpft die 1963 geborene Autorin die Machtkämpfe im Mikrokosmos Familie mit der Verpuppung in der Pubertät. Das Geschehen spielt in den Siebzigern im kleinbürgerlichen Milieu eines westfälischen Provinzstädtchens; zugleich ist es aber ort- und zeitlos: Das Einfamilienhaus bildet eine isolierte Welt, in der das familiäre Gegeneinander archaisch-grausame Züge annimmt. Ebenso ambivalent gestaltet sich die Sprache, die in mitunter surrealen Visionen individuelle Wahrnehmungen spiegelt, den Leser aber durch das Fehlen eines Ichs und jeglicher direkter Rede durchweg auf Distanz hält. Das Abstandhalten spielt auch im Plot eine wichtige Rolle: Gleich zu Anfang beschliesst die 13-jährige Lene, ihrem Vater, der nur als «der Mann» oder «der Dachdecker» auftritt, die Kommunikation zu verweigern. Das selbst gewählte Schweigegelübde ist nur zu verständlich, denn dieser Vater ist ein veritables Monstrum: ein «Betonkerl» mit «Gummihaut» und «Steinhand», eine Verbote und Schläge austeilende «Wutmaschine», unter der nicht nur Lene, sondern auch «die Frau», eine verhärmte Kettenraucherin, und die jüngeren Brüder zu leiden haben. Mit ihrem Verstummen sowie einem gezielten Tritt in die «Nacktschnecke» des «Prüglers» verschafft sich Lene als «einzige, die sich je gewehrt hatte» Ruhe und Respekt. Von nun an führen Vater und Tochter eine gespenstische Koexistenz. Aus wechselnden Perspektiven und stets eine bisweilen gruselige Distanz wahrend, die die Personen gleichsam entpersonalisiert, breitet Velmeke ihre Fallstudie des Sozialsystems Familie aus. Das Alltägliche trägt in diesem gefühlsdefizitären Gefüge groteske Züge. So nimmt Lene die Welt als Wirrwarr wahr, als amorphes Durcheinander von Formen, Farben und Zahlen – so, wie sie neben ihrem Vater in einer wachsenden «Vakuumblase» lebt: «Ihr Umgang war rein, von nichts Menschlichem getrübt.»
Als Lene im Urlaub die halbstarke Campingclique kennen lernt, wird diese zu einem weiteren Gegenpol zum Familiengefängnis, dem sich auch der Rest der Sippe zunehmend entzieht. Während «Prügelsohn» Hannes auf seinem Mofa das Weite sucht, boykottiert die Mutter mutig das kollektive Fussballglotzen. Dann aber flüchtet sie doch nur in Apathie und Alkohol, um am Ende, nachdem sie sogar die Geliebte ihres Gatten für das Mittragen der «Manneslast» zu schätzen wusste, einen kümmerlichen Krankenhaustod zu sterben. Bei der Trauerfeier aber darf Lene erkennen, dass sie aus anderem, robusterem Holz als die Mutter geschnitzt ist: Der innerfamiliäre Nahkampf hat einen selbstbewussten Charakter hervorgebracht – immerhin ein versöhnliches Ende dieses bitteren Bildungsromans.
Mit «Luftfische» hat Velmeke eine Familiensaga der anderen Art geschaffen, die mehr zu bieten hat als ein familiäres Horrorszenario, in dem der Patriarch mit seinem Züchtigungszollstock das Einfamilienhaus zum Ort des Schreckens macht. Indem sie jeweils einzelne signifikante Situationen impressionistisch umreisst, führt Velmeke dem Leser subjektive, aber gleichwohl subjektlose Wahr- nehmungswelten vor Augen – und zeichnet so ein atmosphärisch dichtes, fragiles Familiengefüge, das mehr und mehr zum kollektiven Autismus mutiert.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie in der www.woz.ch]

Leseprobe I Buchbestellung 0702 LYRIKwelt © Wochenzeitung

***

Luftfische von Anke Velmeke, Beck, 20002.)

Luftfische.
Roman von Anke Velmeke (2000, Beck).
Besprechung von Frank Schorneck aus dem titel-magazin, 11.3.2004:

Bilder für die Einsamkeit
Die "Luftfische" in Anke Velmekes gleichnamigem Debütroman zu angeln, erfordert viel Ruhe und ein hohes Maß an Konzentration. Eben mal auf ein paar Seiten die Angel auszuwerfen, führt zu unbefriedigenden Ergebnissen.

AnkeVelmeke, Jahrgang 1963, lebt als freie Übersetzerin, Journalistin und Autorin in der Nähe von Wiesbaden, was schon beinahe ungewöhnlich ist für junge Autoren, die momentan auf den Markt drängen: Kaum eine Biographie kommt ohne die Nennung des Wohn- und Handlungsortes Berlin aus. Und wie um dieses biographische "Manko" auszugleichen, wartet auch Anke Velmeke - neben Auszeichnungen für Kurzgeschichten und Erzählungen - mit einem Stipendium des Literarischen Colloquiums Berlin auf.

Doch "Luftfische" ist nicht in Berlin angesiedelt, sondern in einer Stadt im oder zumindest im Umkreis des Ruhrgebietes. Der Roman erzählt von der dreizehnjährigen Lene. Ihr Vater ist Dachdecker, ein unberechenbarer und zu Gewalt neigender Familientyrann. Die Mutter ist in der Familie und in der Wohnung gefangen, ihren Kindern - Lene hat zwei Brüder - keine Stütze. Das fragile Familiengefüge beginnt deutlich zu brechen, als Lene sich gegen einen Wutausbruch des Vaters körperlich wehrt. Mit einem einzigen, aber gezielten Tritt katapultiert sich Lene regelrecht aus dem Familienleben heraus. Zwischen dem Vater - der niemals Vater, sondern stets "der Dachdecker" oder "der Mann" ist - und Lene werden keine Worte mehr gewechselt. Begegnungen werden vermieden, die Bewegungen durch die Wohnung gleichen Schachzügen, im steten Bemühen, dem anderen aus dem Weg zu gehen.

Die Geschichte, die Velmeke erzählt, ist keine ungewöhnliche. Es ist eine Geschichte, wie sie in einer beliebigen Familie in einer beliebigen Stadt spielen könnte, nicht ganz frei von Klischees. Es ist die Geschichte des Heranwachsens zwischen Shaun Cassidys Starschnitt an der Kinderzimmerwand und dem Abhängen und Rauchen auf der Rückenlehne einer Straßenbank. Lene hat kein Ziel und keine Perspektive, weiß mit ihrem Leben ebenso wenig anzufangen wie der größte Teil Pubertierender.

Ungewöhnlich ist hingegen die Sprache, mit der sich Anke Velmeke dieser Familiengeschichte nähert. Sie ist auf der Suche nach einer eigenen, originellen Sprache - allerdings auf Kosten der Geschichte. Velmeke erzählt nicht, sie wirft dem Leser Bruchstücke einer Handlung vor die Füße und überläßt es ihm, daraus einen Sinn zusammenzufügen. Literarischen Puzzlen alles andere als abgeneigt, bin ich ihr zunächst gerne in den Roman gefolgt. Dies ist umso einfacher, als gerade die ersten Seiten - bei aller Sprunghaftigkeit - schnell eine Eigendynamik entwickeln. Gerade zu Beginn des Romans weiß die Autorin mit eindrucksvollen Bildern zu überzeugen. Da ist zum Beispiel das Badezimmer als Zufluchtsort für Frau und Kinder. Ein Zimmer, das abschließbar ist, ein Ort, an dem gelacht wird. Lene stellt sich eine Überschwemmung vor, die Frau und Kinder zu Fischen im Aquarium des Badezimmers macht, fröhlich durcheinanderschwimmend und durch den Abfluß entwischend, sobald der Mann die Tür aufbräche.

Ein weiteres, sehr originelles Stilmittel rückt im Verlauf des Romans leider immer stärker in den Hintergrund, obwohl ihm eine durchgehend tragende Funktion zuzutrauen wäre: Lene zerstückelt ihre Welt in überschaubare, abzählbare Einheiten. Sie zählt Schritte, sie mißt Höhen und Längen, gliedert den Tag in klar umrissene Abfolgen. So erhält Lenes Umfeld eine gewisse Geometrie, die nur vom Vater, dessen Launen, willkürlichen Verboten und erschreckend brutaler Prügel, gestört wird. Der Leser wird wie bei einem "Himmel und Hölle"-Hüpfspiel in die Stadt und die Familie eingeführt.

Es ist eine isolierte Welt - eine Welt der Fenster, der Dächer weit über den Straßen. Die Welt der Dachdeckerkinder kommt (fast) ohne Bodenberührung aus. Jedes Dach hat eine Geschichte, nicht nur die Kugel auf dem Kirchturm hat der Vater angebracht.

Anke Velmeke weiß, Bilder zu finden, die die Einsamkeit und hilflose Resignation der Mutter illustrieren. Ihre Momentaufnahmen sind akzentuiert und schaffen Atmosphäre. Doch je weiter man dem Roman folgt, umso mühsamer wird das Vorankommen. Der Stil verliert an Reiz, das Zusammensetzen der Puzzleteile ermüdet. Man hangelt sich von einer Szene zur nächsten, ertappt sich immer häufiger bei verstohlenem Weiterblättern, beginnt - Lene gleich - die Seiten bis zum Ende abzuzählen. Und kaum am Ende angelangt, verblaßt auch schon die Erinnerung an das Gelesene.

Doch auch, wenn der Roman letztlich über seine gesamte Länge hinweg nicht überzeugen kann, so weckt er zumindest die Neugierde auf kürzere Prosatexte von Anke Velmeke.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.titel-magazin.de]

Leseprobe I Buchbestellung I home 0504 LYRIKwelt © titel-magazin