Luft anhalten von Ben Faccini, 2001, BeckLuft anhalten.
Roman von Ben Faccini (2001, Beck - Übertragung Barbara Rojahn-Deyk).
Besprechung von Walter Klier in der Frankfurter Rundschau, 13.4.2002:

Subsystem Kindheit
Vergnügliche Rotzlöffel: Ben Faccini lässt zumindest stellenweise die "Luft anhalten"

Jede Familie stellt ein geschlossenes System dar, das auf den Außenstehenden unbegreiflich, ja wahnsinnig wirkt. Von innen betrachtet ist das gar nicht so. Da gibt es Regeln und Abläufe, Überlieferungen und Sitten und Bräuche, an die sich die Teilnehmer an diesem speziellen System halten und auf die bezogen ihre Handlungen durchaus rational sind. Bloß für die anderen sind sie es eben nicht. Und dann tauchen immer wieder diese allzu empfindlichen, geradezu neurotischen Familien-Neulinge (üblicherweise Kinder) auf, die durch einen Zufall der Konstitution oder einen freudianischen Betriebsunfall, wie man will, ein Subsystem des Wahnsinns entwickeln. Später, wenn sie dann erwachsen sind und normale, also außerhalb von Familien ganz vernünftig funktionierende Menschen geworden sind, schreiben sie gerne ein Buch darüber, wie es gewesen ist. Mit seinem unsichtbaren Untertitel heißt dieses Buch stets: "Porträt des Künstlers als überempfindliches Kind."

Dem jungen Engländer Ben Faccini ist es gelungen, dem im Laufe der Literaturgeschichte schon etwas müde gerittenen Genre eine durchaus frische Facette abzugewinnen. Sein Roman Luft anhalten, geschrieben im ewigen Präsens der Kindheit, erzählt von einer ungewöhnlich kosmopolitischen Familie. Irgendwie sind sie Engländer, aber eigentlich ist der Vater, genannt Pado, Italiener, mehr noch: Sizilianer, die Mutter, genannt Ama, Französin, genauer die Tochter eines Franzosen und einer in London geborenen slowenischen Holländerin. Die Kinder heißen Giulio, Duccio und Jean-Pio und verbringen ihre Kindheit auf dem Rücksitz des Autos, mit dem die Familie unablässig durch Europa kurvt, unterwegs von einem wissenschaftlichen Kongress zum nächsten. Der Vater ist nämlich eine medizinische Kapazität, und deshalb haben sie auch einen ehemaligen Chinesen im Kofferraum, säuberlich präpariert und in Schachteln verpackt, an dem man medizinische Dinge demonstrieren kann. Die Kinder haben ihn, nach der Gegend, aus der er kommt, Mr. Yunnan getauft.

Erzählt wird uns die Geschichte von Jean-Pio, dem mittleren nicht nur dem Alter nach, auch hinten im Auto sitzt er immer in der Mitte. Er muss drauf achten, ob die Benzinanzeige rot leuchtet, und lebt auch sonst in dem Gefühl, für Wohl und Wehe aller Menschen und Tiere auf dieser Erde höchstpersönlich die Verantwortung zu tragen. Das führt nicht selten zu Komplikationen, etwa als Jean-Pio einem Freund der Familie die Zigarettenpackung stiehlt und ins Klo spült, damit er nicht dereinst an Krebs stirbt. Es ist nämlich ein englisches Klo, das flugs verstopft.

Mutter liebt Liszt, Vater Verdi. Beim Auto fahren wird Verdi gehört, wenn man in Eile ist, sonst Liszt. Also ist meistens Verdi dran. "Wenn es Ama einmal gelingt, eine Liszt-Kassette einzulegen, dann nur, weil Pado weiß, dass wir früher oder später mit den immer schneller werdenden Biegungen und Kurven wieder bei Verdi sind und sonst nichts. Wenn Amas Blicke zu den Klängen ihres Liszt schon träumerisch die Blätter draußen streifen, dreht Pado den Lautstärkeknopf leiser, bis die Musik nicht mehr zu hören ist, bis Liszt in dem Geräusch des Blinkers und dem Murmeln der Reifen auf dem harten Asphalt untergeht." Der Vater, ein liebender und geliebter Familientyrann, wie er im Lehrbuch steht, strapaziert seine Familie in jeder erdenklichen Hinsicht: Irgendwann ist Ama am Ende ihrer Kräfte angelangt und streikt.

Im zweiten Teil des Romans bewohnt die Familie das Haus des französischen Großvaters, der zwei Jahre früher dort auf rätselhafte Weise ums Leben gekommen ist. Zwar unterhält der Autor uns auch hier mit einer großen Zahl genau beobachteter und liebevoll erzählter Geschichten aus dem französischen Landleben, aber die leicht irre Spannung des Anfangs schwindet, während die Schilderung von Innenleben zunimmt - und den Leser die in dieser Familie endemisch auftretende Hypersensibilität schließlich doch etwas zu ermüden beginnt. Im ursprünglichen Lektorat hätte man Mr. Faccini etwas zur gesunden Kürze anhalten sollen - nach dem Motto von Andrej Sinjawski: "Ich werde ohne Umschweife sprechen, denn das Leben ist kurz." Doch sind wir dem Hause C. H. Beck überhaupt nicht gram, dieses Debüt eines begabten Schreibers in sein Programm genommen und Barbara Rojahn-Deyk mit der Übersetzung beauftragt zu haben. Es ist eine im Großen und Ganzen vergnüglich zu lesende Angelegenheit geworden.

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