Lügen über Länder und Leute von Gerhard Rühm, 2011, RitterLügen über Länder und Leute.
Vollständige Erzählungen und Gedichte von Gerhard Rühm (2011, Ritter Verlag).
Besprechung von Jochen Arlt,
12/2011:

Nonnen-Nostalgie statt Dampfplauderei
Für die Ahnentafel: Gerhard Rühm über Orthopäden oder die Schweden

Rühmet Rühm. Die Freunde sprachlicher Erneuerungen wissen hinlänglich Bescheid über den – Mitte der 1950-er Jahre – Mitgründer die „Wiener Gruppe“. Gerhard Rühm, der Lyrik und Prosaisches in Grenzbereichen weiterentwickelt – zur bildenden Kunst hin etwa (visuelle Poesie, konzeptionelle Zeichnungen, Fotomontagen usf.) wie zur Musik (auditive Poesie als Sprechtexte, Chansons, Text-Ton-Transformationen, konzeptionelle Klavierstücke etc.). Höchst geschätzt folglich der umfassende bisherige Wirkungsbereich des inzwischen 81-jährigen, all seine literarischen Publikationen, Referate, Konzerte, Ausstellungen, Hörspiele, Theaterstücke. Gerhard Rühm, der in Köln lebende Österreicher, ein großer Zeitgemäßer des Ressorts ungegenständliche Sprachkunst. Längst die Ahnentafel mit namhaften  Vorgängern von Stephan Mallarmé bis Kurt Schwitters oder H. C. Artmann und Ernst Jandl bereichernd.

Rühmet Rühm. Ebenfalls allen interessierten literarischen Grenzgängern empfohlen. Zum Einstieg bestens geeignet die gelbe Reclam-Heft-Miniatur „um zwölf uhr ist es sommer“ (5,10 €), der seit 1990 bei Rowohlt präsente Chansons-Romanzen-Gedichte-Versammlungsschmöker „Geschlechterdings“ (24 €) oder halt die jüngst erschienenen „Lügen über Länder und Leute – Vollständige Erzählungen und Gedichte“. Hieraus folgende Leseprobe/n:

FADENBINDUNG

jeder schwede
schwört
dass man jeden
zweiten schweden
vor läden
von orthopäden
über fäden-
schäden
reden
hört
was jeden
ersten schweden
stört
und jeden
dritten empört

Von den vollständigen Erzählungen „oktober“ und „november“ aus KALENDARIUM zitiert:

oh, der oktober mit seinen okarinas nach der okkulten okkupation oklahomas und
eine oktave tiefer, im okzident, mit seinen oktetten, oktaedern und okulaen.

im november notierte nofretete die noten eines noblen notturnos in nonen – damals
noch eine novität, nun bei nomaden im norden normaler nonsens, bei nonnen zur
not nostalgie.

Gerhard Rühm schreibt im NACHWORT: „der untertitel 'vollständige erzählungen'

weist darauf hin, dass den zwölf prosastücken dieses bandes jeweils ein thematisch abgegrenzter, komplett verarbeiteter Vokabelfundus oder ein spezifisches, konsequent abgehandeltes formprinzip zugrunde liegt. im hinblick auf die häufige verwendung von wortlisten habe ich mit bedacht die genrebezeichnung 'erzählung' gewählt, da hier der begriff 'zählen' im sinne von aufzählung mitschwingt.“

Und auf der Einbandumseite heißt es ergänzend: „Nicht nur damit rücken diese feingeschliffenen poetischen Gebilde jedweder Form literarischer Phrasendrescherei und Dampfplauderei zu Leibe.“

Dem ist nichts hinzuzufügen vom R-R-R (hier: Rühmet-Rühm-Renzensent)

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.rezensionenwelt.de]

Leseprobe I Buchbestellung 1211 LYRIKwelt © Jochen Arlt