Ludwigs Zimmer.
Roman von Alois Hotschnig (2000, Kiepenheuer & Witsch).
Besprechung von Andrea Gerk aus der Frankfurter Rundschau, 26.04.2001:

Unerhörtes Kammer-Spiel
Wer ist man denn überhaupt? Alois Hotschnigs neuer Roman "Ludwigs Zimmer"

Ein Literat, der Aufsehen erregen will, sollte Romane schreiben, die so dramatisch wie eine Oper, so vielstimmig wie ein Oratorium oder so komplex wie eine Symphonie sind - und das am besten alle zwei Jahre. Wer sich hingegen auf poetische Kammermusik verlegt und sich dafür auch noch viel Zeit lässt, läuft Gefahr, überhört zu werden und schließlich als ewiges Literatur-Betriebsgeheimnis zu überdauern.

Alois Hotschnig könnte es so ergehen. Vor mehr als acht Jahren konnte er mit seinem ersten Roman Leonardos Hände den Kritikerchor für sich einstimmen und sich in die "vorderste Reihe der österreichischen Erzähler" (Die Zeit) schreiben; namhafte Preisgelder (Bachmann, Seghers) bescheinigten zudem das entdeckte Talent. Es folgte ein Auftritt als Dramatiker in Wien - Die Absolution, 1994 - und danach: Schweigen.

Aus einer großen Stille herausdestilliert scheint nun auch das Motiv seines neuen Romans. Ein buchstäbliches Kammer-Spiel erklingt in Ludwigs Zimmer, immer knapp an der Hörgrenze, wie eine Musik, die in sich selbst zu verschwinden scheint: unsagbar leise und gerade darum unerhört. Ludwigs Zimmer ist ein Text, für den schon die Bezeichnung Roman viel zu marktschreierisch und lauthals wirkt, weil er ganz leise bis in den äußersten Abgrund vordringt, dorthin, wo die darüber liegenden Schichten jeden Laut im Keim ersticken. Eben da, wo das Geschichtenerzählen aufhört, weil es um die ganze Geschichte geht.

Ihr begegnet Hotschnigs Ich-Erzähler durch eine Erbschaft. Ein Haus am See ebnet ihm den Weg in die zunächst als fremd empfundene Vergangenheit seiner verstorbenen Tante: "Mit der Tür zu dem Haus habe ich die Tür in ihre Geschichte hinein aufgemacht und mich eingenistet darin, und aus dieser Geschichte komme ich nicht mehr heraus."

Mit dem unbekannten Ort scheint der Ich-Erzähler vor allem das unerforschte Terrain seiner eigenen Psyche zu betreten. Mit traumhaft-symbolischen Bildern entwirft Hotschnig zunächst ein geradezu freudianisches Szenario vergeblicher Selbst-Suche. Wenn sein Erzähler aus dem "Käfig, der ich mir bin" heraus menschengroße Vogelleichen im Garten entdeckt, er in ein Nest voller Augen blickt oder die Wiese am Flussufer aus menschlichem Haar wächst, gelingen Hotschnig poetisch schillernde Spiegelungen dessen, der immer schon ein Anderer ist, Ich. Wenn aber "auch das Haus sich zu wehren" beginnt, es in den Zimmern zu regnen anfängt oder gar aus der Wasserleitung Blut strömt, mutiert Hotschnigs psycho-analytische Bildsprache zum (unfreiwilligen) Zitat simpler Splatter-Movies. Überhaupt kippt das geheimnisvoll-changierende dieses Textes so manches Mal in Richtung Schüttelbild, meistens dann, wenn Hotschnig sich aus dem nur Angedeuteten ins Ausdrückliche vorwagt.

Die absolute Entfremdung seines Protagonisten von sich und allen anderen Menschen ("jeder Kontakt auch schon eine Trennung von vornherein, eine Abtrennung von mir selbst"), seine existentielle Selbst-Befragung ("wer ist man denn selbst überhaupt"), die Wiederentdeckung der Kindheit als "Kammer", in der Schweigen "als Familiensprache gelernt" wurde, all das poetische Umkreisen einer verzweifelten Existenz bleibt beinahe zeit- und grundlos in der Schwebe.

Einem Menschen, der so abgrundtief pessimistisch ist, so gänzlich hoffnungs- und aussichtslos, dass er nur mehr von seinem Ich erzählen kann und dabei leblos bleibt wie die Leute im Dorf, einem solchen - im besten Sinne - Thomas-Bernhard-Wiedergänger hat Hotschnig ein durchaus eigenwilliges, literarische Leben eingehaucht. Woher aber all die Verzweiflung dieses Früh-Verzweifelten rührt, erfährt man nicht.

Zwar lüftet Hotschnig im letzten Drittel des Romans das düstere Familiengeheimnis und schnitzt damit kunstvoll ein Stück konkreter Historie aus der privaten Geschichte heraus. Aber die Verstrickung der Vorfahren in Nazi-Gräuel, ihre Schuld und ihr Verrat aneinander stehen doch seltsam unzusammenhängend neben Hotschnigs Protagonist, so dass es fast scheint, als käme dieser letzte Erzählstrang aus einem anderen Buch. Verstärkt wird dieser Eindruck auch dadurch, dass mit dem Einzug der konkreten Geschichte sich auch Hotschnigs Sprache abkühlt, die symbolischen Bilder zugunsten konkreter Beschreibungen zurücktreten. Diese auch stilistische Veränderung ist konsequent umgesetzt und vor allem richtig gedacht. Als späte Auflösung wirkt sie allzu nachdrücklich konstruiert und verstärkt den anfangs flüchtigen Eindruck, dass vieles einem hier bekannt vorkommt.

So wirkt die frische literarische Luft in Ludwigs Zimmer gegen Ende doch etwas abgestanden. Denn ganz so wie Hotschnigs Ich-Erzähler den Versatzstücken seiner eigenen Geschichte begegnet, führt dieser Text auch den Leser durch eine Geisterbahn der Literaturgeschichte: Irgendwo zwischen Kafka, Beckett und Thomas Bernhard ist auf diesem ebenso berührenden wie verstörenden Parcours immer wieder ganz unverwechselbar der Erzähler Alois Hotschnig zu vernehmen - mit einer so eigenwilligen Stimme, dass man sich das nächste Kammerstück als echtes Solo wünscht.

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