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1.) - 2.)
Loves.
Lieben.
Erzählungen von Irene
Dische (2006, Hoffmann
& Campe - Übertragung Reinhard
Kaiser, Hans
Magnus Enzensberger u.a.)
Besprechung von Jens Dirksen in der
NRZ vom
2.2.2007:
Gefühlsbillard und andere Spielarten
Irene Dische wird immer besser und schreibt
Minutenromane: "Loves - Lieben".
Die eine, einzige, wahre Liebe gibt es nicht, und die meisten Menschen machen nicht Geschichte, sondern Geschichten. Bei Irene Dische gehen zwölf davon gut aus, zwölf weitere haben "traurige Enden" und mit einem Zwischen- und einem Nachspiel werden dann 26 daraus, so viel, wie das Alphabet Buchstaben hat. Aber keine Sorge: Mit kabbalistischer Zahlenmystik haben diese lichten, pointenstarken Minutenromane ungefähr so viel zu tun wie ein marodierender Soldat mit Liebe.
Romeo, Julia und ein RapperAber einen entmenschten, allein gelassenen Soldaten lässt Irene Dische auch an uns vorüberhuschen, in der tiefironischen Erzählung "Vaterlandsliebe. Eine Krankheit, vier Verläufe". Überhaupt: Die anrührendsten und komischsten Episoden des großglobalen Liebesdurcheinanders sind unter "Traurige Enden" versammelt. Romeo und Julia stammen hier aus Teheran und Nürnberg und heiraten in Frankfurt. Doch nach Amerika können die beiden wegen der heillosen Visumsbürokratie zusammen nicht kommen. Dummerweise versuchen sies mit einem Trick, der böse Folgen hat.
Der rappende Robert, der dem weltberühmten Maestro im Schweizer Bauernhof-Domizil das Mittagessen bringt, wird es nicht überleben, dass er sich mehr als nur befreundet mit dem alten Mann - immerhin endet er als Ikarus über New York.Schicksal? Die Politik ist das Schicksal, hat Napoleon dagegengehalten. Bei Irene Dische ist es die Liebe. Sie bestimmt zwar nicht das Leben, aber es spiegelt sich in ihr. Auch bei denen, die verheiratet aneinander vorbeileben wie zwei Parallelen, sich aber wahrscheinlich nicht einmal im Unendlichen treffen werden. Immerhin, wenigstens der Junge, der beim Metzger seinen rechten Arm anbietet, damit das Karnickel nicht sterben muss, hat Glück. Wie die Eltern, deren Tochter ihnen von lauter Katastrophen berichtet, um ihnen am Ende die Zunge rauszustrecken - reinstes Gefühlsbillard.
Irene Dische, 1952 als Tochter eines berühmten Biochemikers und einer Ärztin in New York geboren, lebt seit langem in Berlin; seit ihrem Deutschland-Debüt mit "Fromme Lügen" (1989) hat sie das Wechselspiel aus Phantasie und Realitätssinn elegant und amüsant vorangetrieben. Seit ihrem grandiosen Roman "Großmama packt aus" ist auch klar, dass sie mit kleinen Anekdoten Weltgeschichte und Seelengemälde ausbreiten kann. So hat sie mit "Lieben" mehr denn je zu sich gefunden. Schade nur, dass der Verlag der wunderbaren Doppeldeutigkeit des deutschen Titels nicht getraut hat. Zumal die Übersetzung durchweg geschmeidig ist, im Falle der gereimten Zehn-Minuten-Oper "Zum Lügen ist es nie zu spät" über eine mindestens trigamistisch veranlagte Dame sogar genial. (NRZ)
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]
Leseprobe I Buchbestellung 0207 LYRIKwelt © Neue Ruhr/Rhein Zeitung
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2.)
Loves.
Lieben.
Erzählungen von Irene
Dische (2006, Hoffmann
& Campe - Übertragung Reinhard
Kaiser, Hans
Magnus Enzensberger u.a.)
Besprechung von Ursula März aus DIE ZEIT, 22.3.2007:
Irene Dische tischt auf
Von ihrer Fantasie könnten sich zehn
Autoren ernähren - wie ihr Erzählungsband »Lieben« zeigt.
An unerhörten Begebenheiten, haarsträubenden Schicksalen und höchst denkwürdigen Figuren herrscht in der Welt Irene Disches wahrhaft kein Mangel. Von Disches Fantasie könnten sich zehn deutschsprachige Schriftsteller luxuriös ernähren, deren Romane mit der schlichten Mahlzeit selbst erlebter Familiengeschichten auskommen müssen. Irene Dische, in New York geborene, auf Englisch schreibende, international denkende Berlinerin, tischt richtig auf. Fast jede ihrer Erzählungen ließe sich mit ein bisschen Geduld zum Roman hochkochen - und wäre immer noch nicht fad. Irene Dische ist die reinste Einfallsmillionärin, die ihren narrativen Reichtum erstaunlich lässig ausgibt. Dieser Reichtum ist - von anderen Qualitäten abgesehen - das herausragende Merkmal ihrer Literatur. Vielleicht aber auch ihr kleines Problem.
Eine typische, fünfzehn Buchseiten lange Dische−Geschichte (Betreff: Ihr Lieben) geht so: Maria, eine schöne, nicht mehr junge Frau, verbringt seit dem Tod von Vater und Schwester ein in jeder Hinsicht äußerst bescheidenes Leben, dessen von Maria sehr genossener Vorzug in strikter Kommunikationslosigkeit besteht. Regelmäßig geht Maria zum Waschsalon, ab und zu fährt sie nach New York hinein, um durch die Straßen zu wandern. Sie hat mit keiner Menschenseele Kontakt. Die Vermeidung eines solchen liegt ihr am Herzen. Maria ist, anders gesagt, einer der wenigen weiblichen Eremiten der Literatur.
Das Untypische wird selbstverständlich und komisch
Normalerweise sind solche Eremiten, solche Bartlebys, die lieber nicht wollen, ja Männer. Und Frauen in Marias Lage gequält vom Wollen bis zur Hysterie. Nichts ist Maria fremder. Und natürlich rührt ihr Witz auch daher, dass ihre Erfinderin Dische das unerhört Untypische der Figur so selbstverständlich voraussetzt, als seien Torschluss−, Alters− und Armutspanik Themen aus der fernen Welt des Mediengemurmels, denen sich die freie Fantasie a priori nicht aussetzen muss. Nun läuft Maria eines Tages bei einem ihrer Spaziergänge ein paar Straßen zu weit und muss plötzlich dringend Pipi machen. In ihrer Not geht sie in irgendeinen Hauseingang, hinter dem sie ein Büro mit Toilette vermutet, gerät in einen »sonderbar stillen Raum«, wird von einem Mann am Ellbogen gefasst und steht plötzlich vor einem Sarg, auf dem sich ein einziger Strauß Rosen und eine Schleife mit der Aufschrift »Shell Oil« befinden. Sie trägt ihren Namen und ihre Adresse in das Kondolenzbuch »Beerdigung Jens Rimmer, Benin« ein und erfährt nach einigen Monaten, dass sie die Millionen dieses Jens Rimmer geerbt hat, der in seinem Testament verfügte, sein Vermögen an die Trauergäste der Beerdigung zu verteilen. Maria ist steinreich, was ihr nicht passt. Das Geld verursacht ihr Unruhe. Sie versucht, per Internet die Millionen loszuwerden.
Das Unerhörte und der Schicksalsschock des Zufalls treten bei Irene Dische häufig in der Erzählform des Schelmenstücks auf. Auch Betreff: Ihr Lieben ist eine kesse Schelmerie. Am Ende von Marias Geschichte teilt ein Internetbrief ihr Ableben mit. Ob sie den Reichtum tatsächlich nicht überlebt oder den Brief selbst in die Welt geschickt hat, um vor dieser endlich wieder ihre Ruhe zu haben, tatsächlich aber munter weiterlebt, bleibt ein kleines Rätsel für den Leser. Er glaubt bei Irene Disches neuen Erzählungen, die den Titel Lieben haben und alle Arten der Liebe versammeln, gern vieles. Zumal die Sprachfantasie der Einfallsfantasie dieser Autorin goldene Brücken baut. »Vollkommen reglos, fast leblos stand er da, aber seine Wut wuchs wie die Fingernägel an einem Toten«, heißt es in einer ihrer brillanten, leicht asymmetrischen Metaphern.
Glück und Unglück, Schweres und Leichtes sind fifty−fifty verteilt
Irene Disches Buch lebt vom Wechselspiel zwischen dem großen Wahnsinn der Geschichte und dem kleinen der Menschen. Sie hängen an den Fäden höherer politischer Macht und mühen sich nach Kräften, die Strippen ihres Schicksals selbst zu ziehen. Sie sind Wesen von hoher Originalität und ha− ben dennoch etwas Marionettenhaftes. Leicht skurril sind sie immer, skurril in ihren wundervoll unorthodoxen Einfällen und fixen Ideen, skurril aber auch durch die dramaturgische, erzählerische Mechanik, der Dische sie aussetzt.
Lieben ist als Zweiakter mit Intermezzo organisiert. Im ersten Akt spielen sich Geschichten ab, die den Übertitel Traurige Enden haben, im zweiten Akt Geschichten mit Glücklichen Enden. In der Summe ergibt dies ein Buch des Lebens, das bei aller Verrücktheit Glück und Unglück, Schwere und Leichtigkeit, Enttäuschung und Hoffnung fifty−fifty verteilt. Irene Dische ist eine ebenso gewitzte wie coole Kleistianerin. Ihr Erzählton macht kein Aufheben, er betreibt, was den Charme der Geschichten ausmacht, eine Art buchhalterisches Understatement. In gleichmäßig zügigem Tempo, ohne Verweilen, ohne Luftholen gehen die fantastischen Ereignisse voran. Jeder Satz ist bei Irene Dische eine kleine Überraschung. Jeder zweite wäre vielleicht besser, um die Fülle vor dem Gleichmaß der Monotonie zu bewahren.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.zeit.de]
Leseprobe I Buchbestellung 0407 LYRIKwelt © Die Zeit/Ursula März