Lover.
Briefe von F.
Scott Fitzgerald und Zelda Fitzgerald (2004, DVA - Übertragung Dora
Winkler).
Besprechung von Hannelore Schlaffer in der Frankfurter Rundschau vom 6.04.2004:
Erst verknallt, dann verkrallt'
In ihren Briefen kämpften F. Scott und
Zelda Fitzgerald hartnäckig um- und gegeneinander
"Wir sind ja beide ziemlich sensationelle,
leuchtend bunte Bilder, solche, bei denen die Details weggelassen sind, aber ich
weiß, dass unsere Farben zusammenpassen, und ich glaube, wir werden sehr gut
aussehen, wenn wir in der Galerie des Lebens nebeneinanderhängen." Kurz
vor ihrer Eheschließung 1920 entwirft Zelda Fitzgerald dieses strahlende Porträt
von sich und ihrem Bräutigam und hat mit ihrer Prognose über die Nachwirkungen
ihres gemeinsamen Lebens völlig Recht, denn die Nachwelt kann sich an diesem
skandalösen Paar nicht genug satt sehen.
Nicht nur die Zeitgenossen ließen die Details weg und feierten seinen Auftritt
als ein geradezu poppiges Fest; auch die Nachwelt kostet immer aufs Neue die
schaurig-schöne Geschichte aus, deren glänzende Farben und deren finsterer
Ausgang zum Inbegriff der roaring twenties und des american way of
life wurden, zu einem Stück Hollywood, das Wirklichkeit geworden ist. Die
Biografie der beiden ist umso aufregender und anrührender, da sie in tödlichen
Katastrophen endet: Frances Scott Fitzgerald trinkt sich zu Tode, Zelda bricht
1930 unter den Ansprüchen dieses glamourösen Lebens zusammen, entkommt zwar
wieder kurzfristig der psychiatrischen Anstalt, muss aber bis zum Ende ihres
Lebens immer wieder dorthin zurückkehren und verbrennt schließlich bei einem
Hospitalaufenthalt in den Flammen, die aus unerklärlichen Gründen in der
Klinik ausbrachen.
Untergang als Karriere
In einem Brief, den F. Scott Fitzgerald nach Zeldas erstem Zusammenbruchs
entwarf, wahrscheinlich aber nicht abschickte, zieht er am Schluss das Resümee
des zehnjährigen Ehelebens: "Wir haben uns ruiniert - ich habe nie
wirklich gedacht, wir hätten einander ruiniert." An Scotts Auslegung der
Tragik dieser Ehe arbeitet sich nun auch die Nachwelt ab: Offensichtlich
antwortet Scott auf Beschuldigungen seiner Frau, sie beide hätten sich
gegenseitig zu Grunde gerichtet. Scott jedoch nimmt den Weg in den Untergang als
eine selbstständige Karriere für sich in Anspruch.
Zelda Fitzgerald hingegen ergeht sich in einem tatsächlich abgesandten und
langen Brief in Vorwürfen gegen ihn, die den Zusammenbruch erklären. Der Brief
spiegelt den Stil dieses strapaziösen Lebens wider - Zeldas Überanstrengung
etwa durch die vielen Gäste, die sie zu bewirten hatte; er mündet aber auch in
Klagen über Benachteiligungen, etwa darüber, missverstanden zu sein, oder in
den Ärger über Scotts Untreue, kurz: Sein Inhalt ist kein anderer als der von
Briefen missgelaunter Ehefrauen auch. Lediglich das Tempo, in dem Zelda
schreibt, der rasende Wirbel, in den sie die Erinnerungen hineinziehen, die Überdeutlichkeit,
mit der Szenen der Verletzung im Kopf noch gegenwärtig sind, verweisen auf
ihren krankhaften Zustand. Jeder Augenblick, an den sie sich erinnert, enthält
eine Kränkung, jeder Satz, den sie schreibt, ist ein Aufschrei des Schmerzes
und der Empörung. Der Ehemann als Adressat für diesen Aufstand wäre in der
Tat eine viel zu ungewichtige Person.
Ihr Widerstand mündet in Blasphemie, in den ergreifendsten nur erdenklichen
Gotteszweifel: "ich kann auch den Rest des Weges schaffen - aber wenn es
Scottie (ihre Tochter, d. Red.) wäre, wollte ich nicht, dass sie durch dieselbe
Hölle müsste, und wenn ich Gott wäre, könnte ich keine Rechtfertigung oder
einen Grund finden, das jemandem aufzuerlegen". Wie böse das Paar
ineinander verkrallt war, zeigt sich bei der Entstehung ihrer beiden Romane, Zärtlich
ist die Nacht von F. Scott, Schenk mir den Walzer von Zelda
Fitzgerald. Zur gleichen Zeit und während Zelda im Hospital ist, bearbeiten sie
die Jahre ihres Aufenthalts in Frankreich. Die Werke haben den Zusammenbruch
Zeldas zum Gegenstand, und so musste für beide Seiten die Aufzeichnung eine
Ungeheuerlichkeit bedeuten: für Zelda, da ihr von ihrem Mann ihr Leben quasi
geraubt wurde; von Scott, da er ohne sein Vorwissen sich vor die Tatsache
gestellt sah, dass seine Frau einen Roman über dasselbe Thema in Publikation
gab. Zunächst empört über ihr Vorpreschen, springt Scott schließlich doch
ein und hilft Zelda bei der Korrektur des Ungeheuers, das sie verfasst hat. Der
Roman ist ein undurchdringlicher Urwald aus exzentrischen Einfällen und ungewöhnlichen
Metaphern. Er zeigt, was Scott seiner Frau stets bestätigt, eine kühne
Intelligenz; er lässt aber vermissen, was Scott ihr stets vorwirft, jegliche
Professionalität: "Es hat nie Dein ,Wert' in Frage gestanden - es steht
jedoch Deine Fähigkeit in Frage. Um die Phrase zu wiederholen, die ich in den
letzten Monaten Deiner Versuche, es zu schaffen, allmählich nicht mehr hören
konnte: ,sich auszudrücken'. Ich kann nur sagen, dass es so etwas nicht gibt.
Das existiert einfach nicht. Was man in einem Kunstwerk ausdrückt, ist das
dunkle tragische Schicksal, ein Instrument von etwas Unverstandenem, Unverständlichem,
Unbekanntem zu sein - Du bist an die Schwelle dieser Entdeckung gekommen + dann
hast Du gegen alle Logik beschlossen, das Tor zu zertrümmern. Du hast es nur
geschafft, Dich selbst zu zertrümmern."
Kampf um Gleichheit
Jackson R. Bryer und Cathy W. Barks haben den Briefwechsel, der diese Zerstörung
dokumentiert, im Jahr 2002 herausgegeben, da bislang nur die Briefe F. Scott
Fitzgeralds vorgelegen hatten. Freilich stagniert der Briefwechsel in den Jahren
des Zusammenlebens zwischen 1920 und 1930; sie werden erst zum Mittel der
Kommunikation, als Zelda sich in Kliniken aufhält. Die Stationen, die Zeldas
Weg in die Krankheit nimmt, lassen sich also nicht verfolgen, noch weniger die
Entwicklung von Scotts Trunksucht. Eigentlich ist er ja nicht weniger
krank als Zelda, doch wird er nicht in Kliniken behandelt und kann sich deshalb
seinen Zustand als schlechtes Benehmen deuten, das dem Intellektuellen ansteht -
und die Nachwelt folgt ihm in dieser Verharmlosung meistens.
Für den deutschen Leser hat aus diesem rudimentären
Dokument des Lebens zweier Märtyrer nun Hanns Zischler noch einmal eine Auswahl
besorgt. Die Verkürzung des Briefkonvoluts legt die Lektüre auf die
dramatischen Momente der Passion fest. Eine neue Einsicht über die Zerstörung
dieses Paares kann der Briefwechsel, so wie er nun vorliegt, allerdings nicht
geben. Die Lücken, die die Briefe lassen, schließt der Herausgeber durch
knappe biografische Skizzen. Sie zeigen den hartnäckigen Kampf eines Paares um
mehr als Gleichberechtigung, um Gleichheit, um ein Gut also, von dem heutige
Paare, so schnell wie sie sich sehen und wieder auseinander gehen, kaum noch
etwas ahnen.
[...diese und weitere Besprechungen
finden Sie unter www.fr-aktuell.de]
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